Fülle leben – das Purnamadah Mantra

von Jan 18, 2021Articles, kirtan, mantra0 Kommentare

Das Purnamada Mantra

om
pūrṇam adaḥ pūrṇam idaṃ ‚
pūrṇāt pūrṇam udacyate /
pūrṇasya pūrṇam ādāya ‚
pūrṇam evāvaśiṣyate //

Jenes (Jenseits) ist Fülle, dieses (hier) ist Fülle, aus der Fülle kommt Fülle hervor. Wenn man von der Fülle Fülle nimmt, bleibt Fülle übrig.

 

Das Purnamada Mantra ist ein altes Mantra aus der Isha Upanishad und ist bis zum nächsten Vollmond (28.01) das Thema bei uns im Soma Yoga.
Wir singen und chanten das Mantra in den Klassen und im Kirtan (30.01)

Upanischaden sind die mehr philosophisch orientierten Texte.
Sie erläutern den mantrischen Hauptkorpus, Samhita genannt, der Veden.
Die upanischadischen Texte sind sehr relevant für das Yoga, weil hier wichtige metaphysische und spirituelle Grundkonzepte des inneren Weges zur Befreiung beschrieben werden.
Die Isha Upanishad ist kurz, in nur 18 Versen wird eines der fundamentalen Ideen der indischen Spiritualität beschrieben und im Purnamadah Mantra poetisch und fast schon paradox ausgedrückt:
Die grundlegende Realität ist Fülle und diese ist, als Essenz, immer da (auch wenn wir sie selten wahrnehmen)
Oder anders ausgedrückt: die Fülle, das Höchste, das vollständige, das Soma, ist immanent (im Herzen eines jeden Wesens) als auch Transzendent (im Formlosen, jenseits des Manifesten, das Absolute)
Es ist diesseits (im Hier und jetzt) als auch jenseits. Es ist überall!

Das Mantra ist eine Erinnerung das alles immer und jederzeit vollständig und ganz ist.
Diese Ganzheit und Fülle von Moment zu Moment zu erfahren ist eines der Ziele des Yoga.

Das könnte man auch als eine schöne Definition des Wortes Yoga verstehen:

Yoga ist der Zustand indem nichts fehlt

Leider erfahren wir aber oft das Gegenteil: Mangel
Oft haben wir dieses Mangelgefühl tief in uns.
Wir glauben wir sind unvollständig, sind nicht gut genug oder irgendetwas ist „falsch“ an uns. Irgendetwas fehlt.
Wir haben sogar eine ganze Zivilisation und Wirtschaftssystem auf der Kultivierung des Mangels aufgebaut. Das nächste Produkt, der nächste (online-) Workshop, die nächste Beförderung, das Ende des Lockdowns, noch mehr Wissen, mehr Geld, ein gemeinsames Kind, der nächste (Seelen-) Partner…
dann…

Bin ich glücklich, erfüllt und alles ist gut.
Wir schauen nach Erfüllung und Vollständigkeit in anderen limitierten Objekten, Menschen und Zuständen in der Hoffnung das unsere eigene empfundene Limitierung und das Mangelgefühl dadurch beendet wird.
Aber nichts was limitiert und begrenzt ist kann uns erfüllen.
Das ist ein bisschen, wie wenn man versucht Minus mit Minus zu addieren und dann ein Plus erwartet.
Das funktioniert nicht, ich habe es selbst probiert (und probiere es immer mal wieder, nur um sicherzugehen, haha ;))

Keine andere Person und kein anderes Objekt, keine Information und Status kann das für uns erreichen. Zuerst müssen wir unsere innere Spaltung überbrücken und die eigene Fülle entdecken.
Wir müssen sozusagen das unbegrenzte und vollständige in unserem limitierten Körper-Geist Container entdecken.
Tatsächlich ist das einer der „Geheimnisse“ des yogischen Weges: Unser Mangelgefühl, unsere inneren Verletzungen, Kontraktionen und Narben werden zur motivierenden Kraft und zum Brennstoff für das innere Feuer der Befreiung.
Sie sind absolut nötig. Nur durch Akzeptanz und ein komplettes Loslassen in die Limitierung erfahren wir die zugrundeliegende Fülle.
Und das erstaunliche passiert: wir sehen überall simultan Fülle und Limitierung als 2 Aspekte eines großen Ganzen.
Und sehen uns selber widergespiegelt in der unendlichen Vielfalt und Fülle aller unterschiedlichen Lebensformen.

Im weiteren Verlauf fragt die Upanischad. Was ist besser: ein zurückgezogenes Leben der Meditation und Innenschau oder ein aktives Leben in der Welt?
Well, keines natürlich, auch das gehört zusammen. Spiritualität muss gelebt und in die Welt gebracht werden, gleichzeitig wird das Leben selbst eine große Meditation.

Der Text geht sogar so weit zu sagen, dass die weltverneinenden Yogis noch verlorener sind als die aktiv handelnden Menschen…
Und in der Tat: Vor allem in unserer heutigen Zeit können wir uns eine Flucht in eine nabelschauende schöne neue Wohlfühl Yogawelt nicht leisten.
Die Welt braucht Menschen, die aus ihrer bewussten Verbindung zur eigenen Fülle diese in die Welt bringen; als aktive Kraft der Verbindung, des Mitgefühls, der Liebe und der Schönheit. 

 

 

Rezitiere gerne als Praxis das Mantra morgens und abends mit dem Track. Als Erinnerung und Stärkung deiner eigenen immer vorhandenen Fülle und Kraft. Spüre die zugrundeliegende immense Lebenskraft in jeder Zelle deines Körpers pulsieren und bemerke die gleiche Kraft in der Natur um dich herum, in den anderen Menschen, in allem!

Much love… und natürlich Purna!
Ralf

 

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