Selbstakzeptanz: „du bist genauso richtig wie du bist“ oder nicht?

von Okt 29, 2022Artikel, Inspiration, philosophie, yoga

Wer kennt ihn nicht, den Aufruf zur Selbstakzeptanz. Er ist nicht nur in Yogastunden zu hören, man findet ihn ständig auf dem großen Selbsthilfe- und Selbstoptimierungs Marktplatz. In esoterischen oder psychologischen Zeitschriften, Blogs und Ratgebern, Kursen, Workshops usw. gehört er zum Standard: „relax, du bist richtig und gut…nimm dich an“. Nun, das ist gar nicht verkehrt, ich teile den Aufruf – so ähnlich – auch ab und zu in Yogastunden. In einem bestimmten Kontext hilft es zu entspannen und loszulassen.

Doch irgendwie scheint es im Alltag nicht immer so zu funktionieren mit dem Akzeptieren. Für einen Moment, z.b nach einer Yogastunde, fühlt es sich zwar etwas besser an, aber eigentlich ändert sich nicht grundlegend etwas. Der Ärger, die Schuldgefühle oder die Scham tauchen immer noch auf. Warum? Das hat damit zu tun, das Selbstakzeptanz meist nur ein oberflächliches mentales Konzept bleibt, das unser Geist als Ablenkung nutzt. Eigentlich gibt es 2 Arten von Selbstakzeptanz. Eine die dich verändert und freier macht, die andere wo du so bleibst wie du bist und steckenbleibst.

mentale Halluzinationen

Die mentale Form des vermeintlichen Annehmens und Akzeptierens hat mehr mit einer beruhigenden Trance gemein. Wir versuchen uns einzureden, dass es schon ok ist. Wir, die anderen, die Welt. An der Oberfläche sieht es ruhig aus, weiter unten brodelt es. Wir benutzen die Idee von Akzeptanz als Anästhetikum und auch Entschuldigung um zu bleiben, wie wir sind. Und wir weichen nötigen wirklichen Veränderungen aus.
„So bin ich halt, ich werde immer wütend, aber ist ok, da kann man nichts machen, ich hab’s akzeptiert“. Dabei spielen wir uns selbst einen Streich und fallen darauf herein. Warum? Weil es unter Umständen unangenehm, schmerzhaft oder einfach unbequem werden würde, die Wut wirklich zuzulassen.

Das Phänomen ist nicht nur bezüglich Akzeptanz zu finden: wir benutzen allgemein Konzepte und Ideen damit unser Selbstbild erhalten bleibt.; und um uns selbst und andere zu bestätigen, zu beruhigen, zu überzeugen, aber auch um zu vermeiden, zu täuschen und zu manipulieren. Oder einfach um uns ein Gefühl der Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Manchmal geht das mit einem seltsam unbegründeten und oft infantilen Anspruch einher, die Welt um mich herum soll doch bitte meine Bedürfnisse erkennen und erfüllen.

Hier kommt man nicht umhin festzustellen, dass besonders „spirituelle“ Konzepte wie Einheit, Akzeptanz, Toleranz, unkonditionierte Liebe oder einfach den Anspruch „gut“ zu sein, verlockend einfach missbraucht werden können. Sie werden zu einer oft toxischen Mischung, mit welcher unser Ego eine halluzinatorische und verlockende Wirklichkeit schafft. Die in sich zusammenfällt, wenn man etwas tiefer bohrt.

 „Ich habe es akzeptiert, Liebe ist universell, ich bin das Licht jenseits von Körper und Geist und muss lernen meine Anhaftungen zu lösen“ nachdem der Partner einen betrogen hat. Nun, das ist auch eine Möglichkeit den Schmerz von sich wegzuhalten. Zumindest oberflächlich.

Wir alle kennen die Tendenz die Dinge so zu sehen, wie wir es wollen.

Selbstakzeptanz heißt nicht etwas „gut“ zu finden,

es ist kein Versuch etwas zu akzeptieren was einem schwerfällt zu akzeptieren. Es ist keine mentale Toleranzgymnastik, kein positives Gutmenschdenken, ja, meistens ist es eben nicht schön, sondern das Gegenteil:

Es ist die Fähigkeit mit sich und seinen Empfindungen und Gefühlen zu sein. Egal wie diese sich zeigen. Den Ärger oder die Scham wirklich zu spüren. Ungeschminkt und direkt, ohne auszuweichen.
Das ist oft verblüffend schwierig. Oft ist es sogar unklar welche Gefühle und Empfindungen überhaupt da sind oder wir werden von ihnen weggeschwemmt, ohne dass wir etwas dagegen tun können.

Oder können wir doch etwas tun? Bewusstsein schaffen

Yogapraktiken wie die Asanapraxis oder Meditation helfen, wieder in den Empfindungen anzukommen und einen Bewusstseinsraum zu schaffen, um zu erkennen was wirklich abläuft.

All die wirren Gedanken, all die widersprüchlichen Emotionen brauchen zuerst mal Platz und Anerkennung. Oder die Taubheit und die Gefühllosigkeit. Meditation bedeutet nicht in einen gedankenfreien Raum voller Frieden und Glückseligkeit zu schwelgen…welcher meistens eh nicht eintritt, sondern die Fähigkeit mit dem zu Sein was ist…und es zu spüren. Sich mit den Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen und nicht ausweichen, in Beziehung gehen und erforschen.

Dann kommt vielleicht eine große Erkenntnis in unserer Selbstakzeptanz Reise, man bemerkt: etwas in mir hat gar keine Lust darauf irgendwas zu akzeptieren. Das Einzige, was sich zeigt ist ein großer, wie sagt man so schön, „Stinkefinger“. Das ist eine wunderbare Erkenntnis 

Denn jetzt kannst du Verantwortung für den Teil in dir übernehmen der sich nicht verändern will. Zu akzeptieren das man sich nicht akzeptieren kann. Es ist die Anerkennung der oft zuerst als deprimierend empfundenen Tatsache, dass etwas in uns so bleiben will und keine Lust auf Akzeptanz oder Veränderung hat. In uns lebt ein zwanghafter Tyrann, der uns die immer gleichen wiederkehrenden Programme von Meinungen, Gefühle und Verhaltensweisen diktiert. Sie sind zu unserer Identität und Teil unseres Selbstbildes geworden. Jetzt habe ich folgende Möglichkeit: ich kann ausweichen oder nicht. Ich kann wegschauen oder mich dem Teil stellen, was heißt, ihn zu spüren und anzuerkennen.
Es ist eine Wahl zwischen 2 Lebensformen. Eine Wahl, die wir irgendwann treffen müssen und die entscheidend ist, wie sich unser Leben entfaltet. Es ist eine grundlegende Entscheidung:

1. Entweder ich weiche aus und bleibe weiterhin Sklave meiner Gedanken und Gefühle und mache äußere Faktoren und die Welt für meinen Zustand verantwortlich, bin also das Opfer, oder
2. Ich bleibe stehen und schaue den „inneren Dämonen“ in die Augen, übernehme Verantwortung und erkenne, dass es nur einen Menschen auf dem Planeten gibt, der sich ändern kann und sollte: Ich selbst

Raus aus der Selbstverleugnung, Angst hilft!

Ich muss ganzheitlich erkennen, d.h spüren, dass es nicht gut ist: meine ungezügelte Wut, meine wiederkehrende Depression, meine krankhafte Eifersucht, meine Ignoranz, mein Gefühl von Isolation, meine innere Leere, meine Ziellosigkeit, meine Rechthaberei, meine Kontrollsucht, mein Minderwertigkeitsgefühl, meine Scham, mein Groll, mein Narzissmus, meine Rachegedanken sind nicht gut. Dieses ‚nicht gut‘ muss ich an mich heranlassen, muss erspüren, wie ungesund diese Einstellungen wirklich sind. Sie schaden mir, sie schaden anderen, sie sind nicht das, was ich wirklich bin. Sie limitieren mich und meine Lebensenergie; sie deprimieren und sie decken eine innere Leere ab, welche mir Angst macht.

Bringe die Angst hinter dich

Manchmal hilft folgendes: Stelle dir vor, du lebst dein ganzes Leben lang mit diesen miserablen Gefühlen und Gedanken. Und diese Vorstellung macht dir Angst. Diese Angst kannst du nutzen, denn sie ist berechtigt, sie kann dich motivieren. Du kannst sie umwandeln in eine Kraft der Veränderung. Du bringst die Angst hinter dich als Schubkraft. Sie steht nicht mehr als unbewusste Blockade vor dir. Du nimmst die sogenannte Selbstakzeptanz nicht mehr, um lethargisch aufzugeben und dein Versagen und deine Limitierungen zu bestätigen, sondern um aufzuwachen zu deiner wahren Größe. Du unternimmst (kleine) Schritte, um dein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die Limitierungen und empfundenen „Probleme“ werden zum Trittstein und zur Voraussetzung für mehr Wachstum und Entfaltung. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass man seine Angst überhaupt spürt. Das ist ein fortgeschrittenes Stadium. Viele Menschen wirken nach außen hin unbewegt, selbstbewusst und ruhig – aber haben sich abgeschnitten. Spüren heißt, ich habe mich vom Kopf in den Körper bewegt. Von einem mentalen Konstrukt zu einer aktuellen Empfindung und Erfahrung im Körper. Das ist ein Grund zum Feiern. Etwas in mir ist wieder im Fluss und mit einer existentiellen Ebene verbunden.
Das ist was ich unter Yoga verstehe: die Einheit mit dem Leben zu spüren auf einer verkörperten, vibrierenden und pulsierenden Ebene.

Sensibilität zulassen

Alles hat seinen Preis: Die Angst zu spüren heißt auch wieder Sensibilität zuzulassen. Du öffnest dich deiner Verletzlichkeit. Aber weil die Angst davor verschlossen und stagnierend zu bleiben größer ist, als die Angst sich zu öffnen bist du bereit dazu. Der Schutzpanzer wird weniger, die Emotionen bewegen sich freier, dein Leben gewinnt an Lebendigkeit und Ausdruck. Sensibilität heißt, du achtest und respektierst deine Grenzen und Gefühle. Es ist dein fühlendes Herz nicht dein Verstand, der das bemerkt und deshalb wirst du furchtloser und mutiger.
Du wirst wahrhaftiger und dadurch ekstatischer, weil du nicht mehr festhalten musst an einem engen Selbstbild.

Praxis: Die 4 E Meditation

In der Meditation kann man mit den 4 E’s arbeiten, um langsam wirkliche Selbstakzeptanz zu erreichen:

Die 4e’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen, Empathisches loslassen

Es ist eine aktive Form der Meditation. Ich bringe mir eine Situation in die Erinnerung die Schwierig war, z.b. ein Streit mit dem Partner oder eine unangenehme Situation mit dem Chef und erkenne die Reaktion und die Gefühle, die dabei auftauchen. Das ist die Voraussetzung: Ich bemerke und erlaube es. Ich weiche nicht aus, sondern gebe dem ganzen Raum, ohne es anders haben zu wollen oder zu rationalisieren. Dann kann ich es erforschen:
Was macht mein Geist, welche Gedanken und Bilder produziert er? Und vor Allem:  Wo spüre ich es im Körper? Was passiert mit dem Atem? Welche Empfindungen sind da? Taubheit, Kribbeln, Kälte, Hitze…
Die letzte Phase ist das empathische Loslassen. Ich halte nicht weiter daran fest, indem ich analysiere und weiter darüber nachdenke, sondern lass los mit dem empathischen Mitgefühl für alle empfundenen Gefühle und Emotionen.

Selbstakzeptanz ist nicht etwas, was wir wirklich „tun“ können. Es ist die Folge einer gefühlten Anerkennung und Integration verdrängter Bewusstseinsinhalte. Deshalb ist Meditation so wichtig: Wir trainieren den Geist zu beobachten und „Offen“ zu bleiben damit diese sich zeigen können. Diese Offenheit schafft Raum und Freiheit zu erkennen, dass wir diese Gefühle und Empfindungen haben aber nicht diese Gefühle existenziell sind. Das erlaubt wahre Selbstakzeptanz: Wir entdecken das größere Selbst hinter all den Veränderungen, Emotionen und Bewegungen. Teil des einen großen Lichts das wir alle sind.

Om Namah Shivaya!

Ralf Schultz

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Die 4E Achtsamkeitsmeditation mit Ralf
Diese geführte Meditation mit den 4e’s kann eine effektive Hilfe sein, um sich selber und seine Gefühle zu erforschen. Langsam schaffen wir so mehr Bewusstheit, Freiheit und Akzeptanz. Die 4 E’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen & Empathisches loslassen.
Probiere es doch mal aus! Free Download!

Ralf Schultz
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Ralf Schultz

Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg

Sein Hauptinteresse liegt in der Erforschung des Potentials, das jedem von uns innewohnt, um innere Freiheit, Fülle, Tiefe, das Mysterium und das Staunen über das Leben zu erkennen und zuzulassen. In diesem Sinne ist Yoga für ihn vorwiegend ein undogmatischer Weg der Selbstkenntnis, Erforschung und Veränderung, um dieses Potenzial hier und jetzt zu einer gelebten Erfahrung werden zu lassen.
Ralf integriert in seiner Arbeit Ideen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen, Schamanismus sowie moderne wissenschaftliche und psychologische Ansätze. Yoga ist für ihn alles was hilft um besser zu erkennen und zu verstehen, was es mit dem Leben auf sich hat. Und so Kraft und Inspiration zu finden für die eigene positive Veränderung zum Wohle aller Wesen und der Erde.Seit vielen Jahren bildet Ralf Yogalehrer aus und leitet vertiefende Weiterbildungsseminare im Bereich Vinyasa Yoga, Ayurveda und Soundhealing. Er versteht es, seine Schüler auf humorvolle und undogmatsiche Art und Weise für einen ganzheitlichen spirituellen Weg zu begeistern und zu inspirieren.
Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift “Yoga Aktuell”

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