Shiva, das große Mysterium, das Unbekannte und Sat-Chit-Ananda

Shiva, das große Mysterium, das Unbekannte und Sat-Chit-Ananda

Om Namah Shivaya

Shiva: das große Mysterium, das Unbekannte und Sat-Chit-Ananda

Om Namah Shivaya Gurave
Sat-Chit-Ananda Gurave
Nishprapanchaya Shantaya
Niralambaya Tejase

Anrufung an Shiva als das Absolute: unkonditioniertes Bewusstsein und Verkörperung von Sein, Wissen und Glückseligkeit. Immer frei und in Frieden, aus sich selbst heraus strahlend.

Shiva ist eine komplexe und vielfältige Gottheit. Shiva steht für die Quelle des Seins aus dem unmanifesten Transzendenten und Absoluten. Er ist die Gesamtheit der Existenz und des Lebens. Er ist das Licht in unserem Herzen, das uns in die Verbundenheit führt.

Er ist jenseits aller Form, die Quelle von Allem, gleichzeitig ist er in jeder Form als Lebenskraft und verborgene Essenz.
In der Hinduistischen Trinität ist er der Zerstörer und Auflöser aller Formen und Manifestationen, er beherrscht die wilden Kräfte der Natur, ist Flammentänzer, Schamanengott und Heiler, er ist Soma, der Nektar der Unsterblichkeit, er ist Mahadev, der große Gott, er ist der wohlwollende und Glückverheißende.

Das ist was sein Name bedeutet: Glücksverheißend, segensvoll.

Und natürlich wichtig für alle Yogis: Shiva ist der erste Yogalehrer. Er steht für die Möglichkeit der Transformation des Bewusstseins zu einem Erkennen der Einheit allen Seins.

Sein Fest ist Shivaratri;
Shivaratri bedeutet die Nacht (Ratri) Shivas und ist eines der wichtigsten religiösen Ereignisse in Indien mit Zeremonien, Pujas und Ritualen, welche die ganze Nacht dauern können.
Es wird im indischen Monat Phalghun (Februar oder März) in der dunkelsten Neumondnacht des Jahres gefeiert.

Diese Verbindung zur tiefen Nacht zeigt Shivas Geheimnis und die Transzendenz der normalen, sichtbaren, bekannten Welt.
Die Mondlose Nacht zeigt an das der Geist (Mond) in die Stille einer Realität jenseits des Geistes eintritt. Es ist nicht die Nacht und Dunkelheit der Ignoranz, sondern die Dunkelheit des Unbekannten, welches in sich das höchste Licht und Wissen birgt.
Durch Entdecken dieses versteckten Lichts in uns erfahren wir Veränderung, Fülle, Verbindung und Expansion

Shiva wird gesagt hat 3 Attribute von Sat (Sein) Chit (Bewusstsein) und Ananda (Freude)

SAT

Sat bedeutet Sein, Shiva als Sanskrit Ausdruck impliziert Glück, Frieden, Stille und ist das Prinzip des reinen Seins, Sat, hinter allen Erscheinungen. Als kosmisches Prinzip ist es die unwandelbare Wahrheit und ewige Quelle, aus der alles entsteht und wieder zurücksinkt.

Es ist das formlose Absolute jenseits aller Veränderung. Jenseits von Zeit, Raum, Ort, Name und Form, Handlung oder Resultat und Relativität. Die ewige Wahrheit als Basis aller relativen und limitierten Wahrheiten.
Es ist die zugrundeliegende Einheit, die alles Leben in all ihren Formen hervorbringt und erhält.
Auf unserer individuellen Ebene ist es unsere eigene innere Essenz, die eins ist mit aller Existenz und dem Leben.

Wir alle streben danach uns auszudehnen, zu lernen, zu entwickeln und größere Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Wir wollen uns als Teil eines größeren Lebensgewebe empfinden und Verbundenheit und Erfüllung finden.

Im Yoga ist das nicht unbedingt eine Frage vom richtigen Wissen, mehr Information oder Selbstoptimierung oder der Veränderung der äußeren Umstände, sondern eine Erforschung und Ausdehnung des Zentrums jeder Erfahrung: dem Ich.
Dem Selbstgefühl ein abgekapseltes Individuum zu sein in einer als außerhalb von mir empfundenen Welt.

Das ständige selbstzentrierte Kreisen um mich selbst, meine Belange, mein Leben und meine Bedürfnisse verhindert Beziehung und Verbindung zur Gesamtheit.

Die Techniken im Yoga bieten Möglichkeiten für einen Prozess der Veränderung und Transformation, wodurch wir langsam das Selbstgefühl ausweiten um uns als Teil und Ausdruck des gesamten Lebens zu erfahren. Yoga bringt uns so nicht weg von der Welt in einen sorglosen Raum der Transzendenz, sondern hilft uns wieder zurückzufinden in die Vitalität und Lebendigkeit des gegenwärtigen Moments.

Alles Leben ist verbunden und nur möglich durch abhängige Wechselbeziehungen. Alles hängt miteinander zusammen als ein großer Organismus. Unsere menschliche Welt ist abhängig von und verbunden mit aller nichtmenschlichen Welt.
Deshalb startet Yogapraxis oft mit dem Körper und dem Atem. Der Körper ist immer da. Wieder den Körper zu spüren und zu achten ist der Beginn einer holistischen Achtsamkeit.
Laut Yoga und Ayurveda besteht der Körper aus vitalen Energien aus denen auch die Welt besteht: den 5 Elementen von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther.

Es wird gesagt der Körper besteht aus 80% Wasser. Kann ich wirklich mein Körperwasser trennen von den Flüssen, Seen, dem Ozean oder dem Wasser in einem anderen Körper, sei es Mensch, Tier oder Pflanze? Kann ich die Luft, die ich einatme, wirklich trennen von der Luft um mich herum und sagen: das ist meine Luft?

Der Körper kann nicht wirklich von der ihn umgebenden natürlichen Welt getrennt werden, außer in meiner Vorstellung und meinem illusionären Empfinden von Autonomie. Die Haltungen im Yoga rufen uns dazu auf wieder in Verbindung und Beziehung zu gehen mit den elementaren Kräften der Natur und der Erde. So gesehen ist die Welt von Körper, Atem und Geist untrennbar verflochten mit der größeren Welt und was sich darauf befindet und passiert.
Der Körper ist die Welt und Yogapraxis kann so zur Weltpraxis werden, oder gar Universumspraxis.
Wir erkennen uns in allem wieder.
Die Praxis, die wir Yoga nennen orientiert uns zu einer neuen Sichtweise und Wahrnehmung der Realität. Von Trennung hin zu gegenseitiger Verflochtenheit, Verbindung und Einheit.
Ausschlaggebend für diese Bewusstseinsänderung ist der Geist

CHIT

Sein ist grundsätzlich bewusst und sogar selbstbewusst. Geist und Körper sind eine Einheit und eng verbunden.
Kosmologisch ist Chit das Licht- und Bewusstseinsprinzip vor dem Auftauchen von Subjekt und Objekt. Es ist das klare Licht der Existenz welches alles Sein beleuchtet und belebt. Yoga betrachtet Chit, Bewusstsein, als das eigentliche Licht hinter dem Geist. Es ist nur durch dieses Licht, das der Geist funktionieren und wahrnehmen kann.
Den Geist, im Sanskrit Chitta, zu klären und ihn zu einem Verbündeten auf der inneren Reise zu machen ist enorm wichtig und eines der zentralen Themen im Yoga.
Unsere Lebenserfahrung hängt vorwiegend von unserem Geist, wie wir damit wahrnehmen und was wir darin tragen, ab.
Yoga und Ayurveda betrachtet den Geist als grundsätzlich natürlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen, wie der Körper. Der Geist braucht die richtige Nahrung, muss sie gut verdauen können und unverdautes muss ausgeschieden werden. Der Geist braucht genauso Erholung und Heilung wie der Körper auch.

Achtsam zu werden mit was wir den Geist füttern ist elementar. Der Geist wird prinzipiell durch Sinneseindrücke aufgebaut und erhalten durch meine inneren Dialoge, tiefen Überzeugungen und Konditionierungen.
Was nehme ich mit den Sinnen auf? Welche Gedanken trage ich in mir? Welche Gefühle?
Wie sind Sinneseindrücke, Gedanken und Gefühle verbunden?
Wie funktioniert mein Geist, was sind seine Gewohnheiten, Reaktionsmuster und Mechanismen? Trage ich Ablehnung, Hass, Groll und Ärger in mir?

Was und wie möchte ich wirklich leben?
Mit dem Geist zu arbeiten heißt auch sich der Kraft der Aufmerksamkeit bewusst zu werden. Alles was ich beachte und ‚füttere‘ bekommt mehr Kraft und Energie.
Nur wenn ich die tiefen Schichten meiner unbewussten Intentionen erreiche kann ich mein Erleben jenseits von positivem Denken verändern.
Hierfür nutzt das Yoga Pranayama, Mantra und Erforschung und das Setzen von elementaren Intentionen.
Voraussetzung für Erforschung ist ein wertfreier Raum des Anerkennens und der Offenheit.

 

Meditation

In der Achtsamkeitsmeditation lernen wir wieder uns und unseren Geist zu beobachten, ohne zu reagieren. Wir schaffen einen wertfreien Raum von Offenheit für egal wie sich jeder Moment zeigt.

So lernen wir langsam uns selber zu sehen, und anzunehmen, wie wir sind, mit all den immer gleichen Gedankensschlaufen, Selbstablehnungen, Wunden, Bewertungen, Neurosen und vergrabenen Kummer. Dadurch, dass wir erlauben alles zu sehen – und vor allem zu fühlen, verbinden wir uns mit dem Licht (Chit) und der Stille (Sat) hinter jeder Erfahrung.
Durch Selbstakzeptanz bringen wir wahres Verstehen, Mitgefühl und positive Handlung in der Welt.
Meditation heißt dann nicht nur auf einem Kissen zu sitzen, sondern wir bringen diese Weite und Offenheit in den handelnden Alltag. Es fließt wieder mehr Energie und neue Lebenskraft wird erfahrbar.
Als grundlose Freude

 

ANANDA

Ananda heisst Freude oder gar Ekstase durch die einfache Tatsache, dass wir alles erlauben zu spüren. Die Kapazität des fühlens ist der Faktor, der uns mit der Tiefe und Fülle des Lebens und Seins verbindet. Es ist keine Freude stimuliert durch Entertainment, Drogen, neuer Beziehung, Schokobrownies und sonstigen Kicks und Highs.
Ananda taucht auf, wenn wir bereit sind alles zu fühlen, nicht nur das Schöne, auch das schmerzvolle und schwierige und nichts ausweichen. So kann jede Erfahrung eine Möglichkeit für Wachstum, Transformation, Freude und Gnade werden.

Ananda ist eng verbunden mit Zufriedenheit und Dankbarkeit und der Fähigkeit der Hingabe und des Fließens. Hingabe heißt, ich partizipiere vollständig ohne Widerstand im gegenwärtigen Moment, in dieser Erfahrung, dieser Begegnung, dieser Beziehung. Hingabe ist eine Qualität des Herzes; zu vertrauen, nicht einer äußeren Instanz, sondern einer empfundenen Kraft der Liebe als Basis des Lebens. Es ist der Ruf in uns das alte loszulassen und das Unbekannte, unlimitierte und Grenzenlose einzuladen, ohne welches unser Leben schal und unlebendig wird.

Shiva als das Unbekannte und Mysterium des Seins

Sein, Bewusstsein und die Freude Shivas ist schlussendlich das Geheimnis des Lebens selbst.
Wir alle sind Ausdruck eines mysteriösen und magischen Universum mit vielen Energien, Kräften und versteckten Dimensionen, die sich jeder Kategorisierung und jedem Verstehen entziehen. Wieder Staunen zu lernen über die Ungreifbarkeit und Grandiosität dieser Existenz beginnt durch Präsenz im Hier und Jetzt – und damit, jeden Atemzug und Moment in seiner nicht Definierbarkeit und Einzigartigkeit zu erleben.
In der Essenz ist jede Erfahrung frisch und neu.
Ist es nicht erstaunlich welche Gefühle man fühlen kann, welche Gedanken man denken kann, das Spiel der Farben, die Varianten der Geschmäcker, das immense Spektrum der Formen, die Kraft der Töne und Klänge, die Intensität von Berührung?
Wenn die Kontraktion- und Kontrollsucht des Ich sich ausreichend entspannt wird jede Erfahrung zu einer Entdeckung die uns über die rein persönliche, gesellschaftliche und menschengemachte Welt hinausführt.

Schlussendlich, neben unseren üblichen Wünschen und Bestrebungen in der vertrauten und bekannten äußeren Welt besitzen wir alle einen Drang die ungekannte größere Realität in uns zu entdecken. Dieser Antrieb ist vielleicht die Grundlage wahrer Religion und Spiritualität seit Anbeginn unserer Spezies.

Shiva erinnert uns daran, dass die Umwandlung unseres Bewusstseins und unseres Herzens durch ein zulassen des Unbekannten und des Nichtwissens passiert und die Schönheit des Lebens sich in einem undefinierten, endlosen Raum entfaltet. Niemand kann wirklich wissen was das Leben ist, aber wir können lernen vollständig daran teilzuhaben und es Sein.
Darin, in uns, finden wir alles.
Und das ist mysteriöser und fantastischer als wir glauben.

Oder in den Versen der Shiva Samhita

„In diesem Körper ist Mount Meru,
die Wirbelsäule, umgeben von 7 Inseln
Es sind darin Flüsse, Seen, Berge, Felder, und auch die Herren der Felder.

Es sind darin die Seher und Heiligen, all die Sterne und Planeten.
Es sind heilige Pilgerfahrten und heilige Stätten,
und die Gottheiten der heiligen Stätten darin.

Sonne und Mond, Kräfte der Schöpfung und der Zerstörung
bewegen sich in ihm, genauso wie Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde!“

Alle Wesen, die in den 3 Weltebenen existieren findet man auch im Körper
um Mount Meru herum erfüllen sie ihre jeweiligen Aufgaben

Aber normale Menschen wissen das nicht.
Jemand der das weiß ist ein Yogi – da besteht kein Zweifel

Shiva Samhita Kap.2 1-6

OM NAMAH SHIVAYA

 

Lichtmess, Reinigung und Saraswati

Lichtmess, Reinigung und Saraswati

Jetzt beginnt die Zeit der Reinigung und des Neuanfangs.

Heute ist Lichmess. Die Tage werden wieder länger und das Licht bekommt mehr Kraft. Jetzt beginnt die Zeit der Reinigung und des Neuanfangs. Die Säfte der Natur bereiten sich vor wieder zu fliessen, die Samen unter der Erde bersten bald um neues Leben zu schaffen. Vor der Christianisierung war es bei uns der Beginn der Herrschaft der Brigid, der keltischen Göttin des Lichts. Ihr Baum ist die jungfräuliche, frische und freundliche Birke.

Bei den Germanen war sie wohl unter Ostara, das Licht des Ostens und Sonnenaufgangs bekannt. Unter vielen Namen symbolisieren die Göttinnen die schöpferische und reinigende Kraft der Natur, als die Herrin des Wassers, als eine Schlangen- und Flussgöttin.

In Indien ist es Sarasvati, die fließende.Sarasvati ist die Kraft der Schöpfung an für sich. Am Anfang der Zeit, als Brahma vor dem Urchaos brütete und keine Ahnung hatte, wie er aus dem unorganisierten Durcheinander irgendetwas sinnvolles Manifestieren sollte war es seine Shakti, Saraswati, die ihm die Antwort gab:

Durch inneres Wissen. Und durch Wissen kommt kreative Handlung!
Sie tauchte dann durch Brahmas Mund auf als die Kraft des Wortes.
OM, und durch Om manifestierten sich alle Welten.

Saraswati ist die Inspiration und kreative Kraft in jedem von uns. Sie ist die Kraft des Wortes, des Klangs und der Sprache, aber verbunden mit allem was uns in einen „Flow“ bringt der dadurch alles alte und verbrauchte hinausspült.Mantras und Sprache sind deshalb so wichtig im Yogischen Verständnis, weil Worte der Wahrheit und Wahrhaftigkeit enorme kreative Kraft haben. Sie bringen das, was noch nicht greifbar war in eine bewusste Form und erschaffen so eine neue Realität.

Wenn man sein Leben verändern und in Fluss bringen will ist das erste Mittel:Sprich die Wahrheit!Nicht unbedingt zu jemand anderen, zu sich selbst reicht oft.Wenn man sich selbst wahrhaftig gegenübersteht ohne Beschönigung und Relativierung ein neues Wissen, eine neue Wahrheit wird offenbar – und eine neue Energie.

Wann immer wir uns trauen „die Wahrheit“ auszusprechen treffen wir auf Saraswati welche uns reinigt und zu neuen Ufern trägt.Diese Ufer sind in der tiefsten Vision des Yoga jenseits des persönlichen. Sie verbinden uns mit den „kosmischen Gewässern“, einer Quelle, die nie versiegt und dessen Ausdruck wir sind. Weshalb wahre Inspiration uns immer mit einem tiefen Wissen erfüllt, das all das was durch mich fließt, nicht „meins“ ist.

Om Aim Saraswatyai Namanha

Agni – das heilige Feuer

Agni – das heilige Feuer

 

Agni: Das heilige Feuer

Welche Art von Licht und Feuer kultivieren wir in unserem Leben? Schlussendlich werden wir alle vor diese Frage gestellt – nicht nur aber besonders in Zeiten von Herausforderungen und Krisen!

Reihen wir uns ein in die vorherrschende Beklagens- und Vorwurfsmentalität und schaffen so ein dunkles Feuer von Groll, Leid und Opferhaltung oder entzünden wir ein aufwärtsstrebendes inspirierendes Feuer von Innenschau, Mitgefühl, Liebe und Verbindung?

Wollen wir zweiteres werden wir nicht umhin kommen uns des yogischen Feuers der Selbsterforschung auszusetzen, um die eigenen negativen Tendenzen in das Licht des Bewusstseins zu heben.
Nur so können wir sie in eine positive Kraft umwandeln.
Agni im Yoga steht es für diese Transformation durch Hitze, Energie, Bestrebung und Selbstdisziplin, hin zu einem tieferen Gewahrsein der Ganzheitlichkeit und Verbundenheit.
Es ist die Umwandlung von all dem was in uns fest, hart, abgegrenzt, limitiert, unbeweglich, eng, dunkel und schwer geworden ist.
Es ist das komplementäre Prinzip zu Soma, des Loslassens, Empfangens, der Rezeptivität und der Fülle.
Hatha Yoga nutzt dafür zuerst einmal den eigenen Körper und Atem. Durch Reinigen und Balancieren der Energien (Ha, Sonne, Agni und Tha, Mond, Soma) wird eine größere Bewusstseinskraft erzeugt (Kundalini oder Yoga Shakti) und ein transformativer Prozess der Selbsterkenntnis kommt in Gang.

Herausfordernde Zeiten sind ideal, um diese innere Arbeit zu machen, weil wir leichter mit unseren negativen Tendenzen in Kontakt kommen.
Gleichzeitig bemerken wir dann auch oft deutlicher den Wunsch, und die Notwendigkeit, nach Veränderung.
Wir erkennen, dass etwas nicht ok ist, dass etwas schiefläuft, das etwas in mir und in meinem Leben nicht ok ist und das nur ich etwas dagegen tun kann.

Das ist der yogische Ansatz, nennen wir es mal so und diese Einsicht braucht schon ein gehöriges Maß an Bewusstsein, weil es bedeutet Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das ist gar nicht so selbstverständlich.
Die andere Reaktion ist, und leider oft: wir weichen aus und geben anderen wie z.B. Partner, Eltern, Staat, Politikern, Corona oder dem Schokoladenkuchen die Schuld!
Obwohl ich im Fall des Schokoladekuchens großes Verständnis habe, ist das Erkennen und Ablegen des Beklagens und der Opferhaltung, welche sich in Aggression nach außen oder zu sich selber äußern kann, elementar; vielleicht das wichtigste was wir machen können, um im Leben weiterzugehen.

Das geht nur wenn ich mich auf einer fundamentalen Ebene in der Welt wiedergespiegelt sehe und die Trennungen, Abspaltungen, Verdrängungen und Fragmentierungen in meiner Psyche aufdecke und wieder integriere.
Tatsächlich ist das impliziert in der Wortwurzel des Wortes Yoga, yuj für anjochen, zusammenbinden, anspannen, anschirren.
Es ist ein Überwinden aller Polaritäten. Es ist ein Aufruf gut/schlecht, schön/hässlich, links/rechts, männlich/weiblich, weltlich/spirituell hinter sich zu lassen zu einer Ebene, die all diese Dualitäten hervorbringt.

Yoga ist die Anerkennung und Realisierung das alles miteinander organisch verbunden ist mit bestimmten Qualitäten und Eigenschaften und dadurch alles, auch wir, einen wichtigen Beitrag leisten zu diesem „Lebensgewebe“. Mehr noch: In der letzten Analyse ist fundamental alles Eins. Das Individuum ist Ausdruck einer zugrundeliegenden Verbundenheit und Einheit und diese Einheit drückt sich in Vielheit aus. Durch dich und mich.
Was jeder von uns in diese Verbundenheit gibt, welche Einstellungen, Gedanken und Handlungen hat unmittelbare Auswirkungen auf die Gesamtheit.

Das dunkle Feuer der Trennung

In unserem täglichen Leben empfinden wir das jedoch jedoch oft völlig anders:
Wir empfinden uns als insignifikant und machtlos dem ‚Großen Ganzen‘ gegenüber.
Einfach deshalb, weil wir den Kontakt dazu verloren haben.

Das Gefühl von Kleinsein, Machtlosigkeit, Ohnmacht, Unwichtigkeit, Belang- und Bedeutungslosigkeit und Opfersein ist Ausdruck eines abgespaltenen und egozentrischen Bewusstseins ohne Verbindung zur Gesamtheit. Damit einher geht heimlicher (oder nicht so heimlicher) Wunsch nach Beherrschung, Größenwahn, Kontrollsucht und Narzissmus.

Die Auswirkungen dieser Spaltung sehen wir im schlechten ökologischen Zustand unserer Erde, in Krieg und Hass, in Umweltzerstörung und Artensterben, im erbarmungslosen Umgang mit den Tieren in einer industrialisierten Landwirtschaft aber ebenso im individuellen Leid wie Depressionen, Angstzuständen, Drogen-und Arzneimittelsucht, Einsamkeit, Nihilismus, und Fundamentalismus

All das sind die Früchte eines alten kollektiven Paradigmas der Trennung zwischen Mensch und Natur, zwischen Mensch und Kosmos, zwischen Geist und Körper, Vernunft und Gefühl. Es ist ein lineares mechanistisches und reduktionistisches Weltbild in welchem das Subjekt in eine Welt voller fremder äußerer Objekte blickt, welche entweder nützlich, nutzlos oder gar feindlich sind. Aber mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben.
Nur wenn ich etwas als fundamental getrennt und anders empfinde, kann ich es ausnutzen und ausbeuten – für den eigenen Profit ohne Rücksicht auf andere Lebensformen oder sogar die eigenen Lebensgrundlagen.
Andererseits, wenn ich spüre das die Welt ein Teil von mir ist, oder sogar auf tiefer Ebene identisch und ich das auch so empfinde, gehe ich auch respektvoll mit ihr um.

Viele von uns erkennen und spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Und in der Tat:
Nur wir können die Achtsamkeit und das heilige Feuer wieder in die Welt bringen: in unsere eigene Welt, in der Art wie wir uns selbst betrachten, wie wir miteinander umgehen und durch herausfinden, welche Werte wir wirklich leben wollen.
Eine andere Welt, ein neues Feuer, eine neue Geschichte muss durch jeden von uns, durch eigenen Einsatz und der Auseinandersetzung mit dem Paradigma in uns selber geboren werden. Yoga kann uns dabei unterstützen. Vor allem wenn wir die Idee, von dem was Yoga ist, erweitern.

Das Feuer der Heilung

Yogapraxis ist nicht nur eine Praxis für das eigene persönliche Wohlbefinden, sondern hat Implikationen die weit darüber hinaus gehen: man könnte sagen,

Yoga ist die Realisierung eines einzigen großen Ökosystems.

So gesehen beginnt Yoga, wenn wir unser Kleinheitsdenken und Zweifel hinter uns lassen und anfangen unser Leben in den Dienst einer größeren Energie und Verbundenheit zu stellen.
Sich selber Annehmen und Lieben zu lernen ist der Schlüssel, abgesehen
von einem tiefempfundenen, nicht nur mentalem, Wunsch nach Veränderung.
Eigene Heilung auf der persönlichen Ebene ist die Voraussetzung taube und narkotisierte Bereiche neu zu beleben und über das persönliche hinauszugehen.
Sich zu erlauben wieder zu spüren und seine Sensitivität zu entdecken ist enorm wichtig.
Eigene Werte und Intentionen zu hinterfragen und neu auszurichten, am besten auf das Höchste (hier keine falsche Bescheidenheit…) gibt uns Raum zu wachsen und alten Ballast abzuwerfen.
Nur wenn wir unsere eigene Welt verändern, verändern wir die Welt um uns herum.

Wir können z.B. beginnen unsere Lebensfeuer in verschiedenen Aspekten zu untersuchen und langsam versuchen das Brennen der Flammen in diesen Bereichen zu verbessern.

Auf individueller Ebene werden im Yoga und Ayurveda 3 Feuer unterschieden:

1. Das Verdauungsfeuer des Körpers, Jatharagni:

Wie ernähre ich mich? Nahrung wird zu unserem Körper und hält ihn aufrecht.
Gesunde, möglichst natürliche und vegetarische Nahrung ist am besten geeignet, um das Verdauungsfeuer optimal am Brennen zu halten.
Abgestimmt auf unsere individuelle Konstitution, wie im Ayurveda empfohlen, versorgt es die Körpergewebe mit den nötigen hochwertigen Nähstoffen und hat dann direkt Einfluss auf unsere Energie.
Vegetarische und regionale Ernährung schont Ressourcen, verbraucht weniger Wasser und ist nachhaltig.
Im Kontext des Yoga ist Ahimsa (Gewaltlosigkeit) eines der wichtigsten Prinzipien. Fleischlose Ernährung fügt anderen Wesen am wenigsten Leid zu.

2. Das Energetische Feuer, Pranagni

wird erzeugt und aufgebaut durch ist all das was uns Energie gibt…oder nimmt.
Atem und die Umwandlung von Sauerstoff in Lebenskraft durch Atemübungen und bewusstes Atmen sind hier wichtig.
Die Verbindung zu Natur ist der beste Energielieferant: Spaziergänge im Wald, frische, saubere Luft, ausreichend Bewegung und Sport.
Macht mir meine Arbeit Spass und erfüllt sie mich? Ist sie in Übereinkunft mit meinen tieferen Werten und Überzeugungen?
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Qualität der Beziehungen, die wir haben.
Sind sie erfüllend, liebevoll und nährend oder kosten sie uns Energie und ziehen uns runter?
Beziehungen zu Gleichgesinnten (im Yoga Sangha genannt) gibt Unterstützung und Motivation.

3. das Geistige Feuer, Manas Agni

Es wirkt im Geist durch die Umwandlung und Verdauung von Sinneseindrücken in unsere mental – emotionale Erfahrung.
Welche Gedanken kreisen im Kopf und kultivieren wir auf täglicher Basis, welche Ideen und Sichtweisen nehmen wir auf?
In der Psychologie des Yoga ist der Geist selber ein Teil der Natur und natürlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Der Geist wird aufgebaut aus den Sinneseindrücken, welche in eine scheinbar kohärente Welt interpretiert werden.
Deshalb ist Achtsamkeit für mit was wir den Geist ernähren so wichtig. Sind es negative, polarisierende, extreme oder anderweitig schwerverdauliche Eindrücke?
Damit das Geistfeuer optimal brennt braucht es gut verdauliche Nahrung, kein überstimulierendes Junkfood welches zu innerer Verstopfung führt.
Gleichzeitig wird empfohlen die Fähigkeit der Beobachtung der Gedanken zu trainieren, um seine zugrundeliegende Weite und Klarheit zu erfahren.
Genauso, wie wir nicht ständig essen sollten braucht auch der Geist natürliche Pausen der Stille und Erholung.
Welche Werte strebe ich an? Lebe ich sie oder sind es nur schöne Ideen?
Dreht sich alles um mich und meine kleine Welt oder weite ich meine Perspektive und stelle meine Energie in den Dienst zum Wohle aller?
Auseinandersetzung mit Spiritualität, Lesen von inspirierenden Texten, hören von passender Musik und Mantras, Beschäftigung mit Ideen die Harmonie, Vergebung und Liebe betonen, stärken  diese Eigenschaften in uns.
Die Kultivierung einer Wertschätzung und Zufriedenheit für das was wir haben und unserer natürlichen Lebensgrundlagen, von denen wir abhängen hilft, positive Emotionen und Dankbarkeit zu erfahren. Auch hier gilt: die Rhythmen, Farben und Geräusche der Natur haben die größte Heilkraft auf den Geist.

Langsam eine eigene regelmäßige, integrale Yogapraxis zuhause zu etablieren ist ein guter Anfang.
Lieber kleine Schritte als zuviel vornehmen!
Lebenstilanpassungen inspiriert von Ayurveda und Yoga und eine allgemeine Spiritualisierung des Alltags schaffen den Kontext für positive Veränderungen und helfen Yoga auf alle Aspekte des Lebens auszudehnen.
Jetzt ist der beste Zeitpunkt damit zu starten oder die Praxis zu intensivieren und das Agni zu einem starken Feuer werden zu lassen.

Und als Erinnerung:
Für Yoga braucht man nicht flexibel sein oder spezielles Wissen.
Yoga ist das Einstimmen auf die eigene Essenz – und diese zu leben.
Es ist das vollständige Partizipieren in der Fülle des gegenwärtigen Moments.
Egal ob mit oder ohne sogenannter Krise.
Dann ist jeder Atemzug pures Soma (Nektar)

Gerade jetzt kommt es darauf an, dass unser Feuer stark und ausgeglichen brennt.

Keep the fire burning
much love,
Ralf

Lokah Samastah Sukhino Bhavantu

ॐ महाज्वालाय विद्महे

अग्निदेवाय धीमहि

तन्नो अग्निः प्रचोदयात्


oṃ mahājvālāya vidmahe

agnidevāya dhīmahi

tanno agniḥ pracodayāt

Wir meditieren über Agni, den stark Lodernden. Möge Agni mir Klarheit geben.
Oh Agni, bitte bringe mir Erkenntnis und Inspiration.

 

 

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