Navaratri ist eines der grossen indischen Festivals zu Ehren der Göttin – nicht nur als „äussere“ Figur oder Idol, sondern eine Zeit der bewussten Begegnung mit Shakti, also mit der göttlichen Kraft, die alles bewegt, erschafft, erhält und verwandelt. Wörtlich bedeutet Navaratri „neun Nächte“. Am bekanntesten ist Navaratri im Frühling und im Herbst. Allgemein ist es ein Fest zu Ehren der Göttin, besonders Durga und ihrer neun Formen, verbunden mit Gebet, Fasten, Reinigung, Tanz und ritueller Verehrung.
Es ist meine Überzeugung und Erfahrung, dass wir enorm davon profitieren können, wenn Götter und Göttinnen wieder in unser Leben Einzug halten. Nicht als oberflächliche Verehrung religiös aufgeladener Figuren und Symbole, sondern als eine Möglichkeit mit tieferen Energien und Aspekten in uns zu kommunizieren. Unsere ausgehungerten Seelen sehnen sich danach.
Die spirituelle Grundbedeutung
Im äußeren Sinn feiert Navaratri den Sieg der Göttin über den Dämon Mahishasura, also den Sieg von Licht über Dunkelheit, Klarheit über Verwirrung und Dharma über chaotische, egoische Kräfte. In der inneren Lesart ist Mahishasura nicht nur ein mythologischer Dämon, sondern ein Bild für unsere eigenen inneren Widerstände: Unbewusstheit, Negativität, Angst, Stolz, Wut, Ablenkung und zerstörerische Gewohnheiten. Genau deshalb ist Navaratri wichtig für unsere persönliche Sadhana (spirituelle Praxis)
Die Göttin als Shakti
Die Göttin ist nicht bloß eine religiöse Figur, sondern die kosmische Shakti selbst. Shakti bedeutet Energie. Sie wirkt auf allen Ebenen als Kraft der Manifestation und treibende Kraft hinter allen psycho-spirituellen Prozessen. Durga ist die Kraft, die schützt, reinigt, stärkt und über Begrenzung hinausführt. Meine Lehrer haben immer betont, Durga sei die wichtigste Göttin für unsere heutige, destruktive, Zeit. Warum? Sie ist eine Kriegerin, die für das Wahre kämpft und Ignoranz zerstört. Gleichzeitig hat sie eine mütterlich-schützende Qualität. Die Göttin ist Chit-Shakti, also die Kraft des Bewusstseins selbst, aus der Leben, Geist und Welt hervorgehen. Wichtig: In dieser Sicht ist die Göttin nicht „nur Symbol“, sondern Ausdruck einer realen spirituellen Energie, die sowohl kosmisch als auch im Menschen wirksam ist. In dir – Jetzt. In der tantrischen Sichtweise ist sie die tief in uns schlummernde „Kundalini“ Kraft, die evolutionäre Energie von Freiheit und Einheit, die zu erwecken das Ziel der spirituellen Suche darstellt.
Die Bedeutung der neun Nächte
In vielen yogischen und tantrischen Deutungen verlaufen die neun Nächte als innerer Transformationsprozess:
- Durga / Kali / die reinigende Kraft
Die ersten drei Tage stehen für das die Konfrontation und Überwindung von Dunkelheit, Angst, Trägheit und alten Mustern. Hier geht es um Mut, Grenzen, Tapas (Disziplin) und Reinigung. Man begegnet der wilden, kompromisslosen Form der Gnade.
- Lakshmi / die ordnende und nährende Kraft
Die mittleren drei Tage stehen für Fülle, Schönheit, Herzöffnung und rechte Ausrichtung. Es geht nicht nur um materiellen Wohlstand, sondern um inneres Ankommen, Bhakti (Hingabe) und das Erblühen der Lebensenergie in seiner ganzen Schönheit.
- Saraswati / die offenbarende Kraft
Die letzten drei Tage stehen für Weisheit, feine Wahrnehmung, Sprache, Kunst, Mantra, Erkenntnis und innere Stille. Diese Phase ist die Kulminierung der 9 Nächte: die Aktivierung von Weisheit, kreativer Kraft und Erkenntnis
Die Göttinnen als innere Kräfte
Für die persönliche Sadhana ist das Entscheidende:
Die Göttinnen repräsentieren innere Prinzipien des Bewusstseins, C.G Jung würde sagen, Archetypen, die in uns allen wirken, latent schlummern und mit denen wir „arbeiten“ können. In dem Sinne ist Durga deine eigene Fähigkeit, Hindernisse und innere Dämonen zu überwinden, Lakshmi dein Potenzial für ein Leben in Fülle und Schönheit und Sarasvati deine innere Klarheit und Weisheit.
- Durga ist die reinigende Kraft, die Nein sagt zu dem, was dich blockiert und schwächt.
- Lakshmi ist die bejahende Kraft für ein Leben in Schönheit, Fülle, Ausrichtung & Authentizität.
- Saraswati ist die Kraft von Klarheit, Ausdruck, Einsicht und höherer Intelligenz.
So wird Navaratri zu einem Weg von Reinigung → Sammlung → Erkenntnis.
Diese innere Entfaltung, dieses Erwachen ist das Beste, was du für die Welt tun kannst. Es ist das Einzige, was du wirklich tun kannst um an die Wurzel zu gehen: du öffnest dich für die Kraft deiner Seele und gibst dich hin. Diese Kraft kommt aus einer Intelligenz jenseits von dir, sie trägt, und bewegt dich und erfüllt dich von innen heraus mit Freude. Und nur wenn du freudvoll bist, erhebt das auch andere.
Warum die Nacht?
Die „Nächte“ haben ebenfalls eine Bedeutung. Nacht ist die Zeit des Rückzugs, der Stille, des Unbewussten, des Mysteriums und der inneren Wandlung. In der Nacht ist alles formbar und flexibel. Der Tag ist das feste und fixierte. Spirituell heißt das: In der Stille, im Loslassen, im Nichtwissen geschieht die innere Reifung. In der Dunkelheit der Gebärmutter wird das Licht geboren. Deshalb ist eines der Namen der Göttin “Devi”, die Strahlende. Alles, alle Welten werden von ihr geboren, sie ist die Quelle von allem. Die Göttin wirkt nicht nur im Aussen, sondern auch als verborgene, formende und befreiende Intelligenz die wir extrahieren können. Navaratri lädt dazu ein, in diese tiefere Schicht des Seins hinabzusteigen, Schatten zu erlösen und das Licht von Wahrheit und Liebe zu entzünden.
Bedeutung für die persönliche Sadhana
Für eine ernsthafte Sadhana ist Navaratri eine wunderbare Zeit, um bewusst an sich zu arbeiten. Nicht im Sinn von Selbstoptimierung, sondern von innerer Ausrichtung und Fokus. Und als Erinnerung: wir haben nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Wie möchte ich sie nutzen? Welche Prioritäten setze ich? Wie kann ich positive Samen säen?
Praktisch kann das heißen:
- reduzieren statt überladen
- sattvisch (vegetarisch) essen
- Mantra und Japa vertiefen
- Meditation vertiefen
- Schatten nicht ausweichen, sondern begegnen
- die Shakti, Lebenskraft, verehren durch Gebet, Ritual, Tanz
Traditionell gehört dazu auch Kontemplation, Rezitation von Schriften, Fasten und tägliche Verehrung der Devi. Aber ohne inneren Bezug bleibt das nur Folklore. Der eigentliche Punkt ist: Die Göttin soll im eigenen Bewusstsein lebendig werden.
(Noch mehr) Navaratri-Tipps für deine persönliche Praxis
Navaratri ist eine kraftvolle Zeit, um dich bewusst mit der Energie der Göttin zu verbinden — nicht nur im Ritual, sondern ganz praktisch im Alltag. Es braucht nicht viel. Schon kleine, klare Schritte können deine Praxis vertiefen und diese Tage zu einer Zeit von Reinigung, Ausrichtung und innerer Öffnung machen.
- Verzichte bewusst auf etwas, wovon du “abhängig” bist
Zum Beispiel auf Koffein, Süßigkeiten, ständiges Snacken, Alkohol oder unnötigen Medienkonsum. - Halte deine Ernährung einfach und sattvisch
Iss in diesen Tagen möglichst frisch, leicht und bewusst. Ideal wäre vegetarisch. Esse nicht zuviel. Schon einfache vegetarische Mahlzeiten können helfen, den Geist ruhiger und feiner werden zu lassen. - Beginne den Tag mit einem Moment der Ausrichtung
Schon 3–5 Minuten am Morgen reichen: eine Kerze anzünden, still sitzen, ein Gebet sprechen oder dein Herz auf die Qualität ausrichten, die du kultivieren möchtest. Chante ein Mantra (siehe unten), würdige deinen Körper (Asana Praxis) und deine Lebenskraft (Pranayama) - Räume äußerlich und innerlich auf
Ein kleiner äußerer Frühjahrsputz kann Teil der Praxis sein: einen Tisch ordnen, Altes loslassen, bewusst Platz schaffen. Das wirkt oft direkt auf den Geist. - Nimm dir abends einen Moment der Reflexion / Journaling
Frage dich:
Was hat die Auseinandersetzung mit der Göttin mit mir gemacht, was kam zum Vorschein?
Wo habe ich mehr Klarheit gespürt?
Welche Gefühle kamen hoch?
Welche Qualität der Göttin möchte ich morgen bewusster leben? - Schaffe dir einen kleinen „Altar“. Stell dir ein Bild der Göttin auf, eine Kerze und Blumen und meditiere morgens und abends. Experimentiere mit kleinen Gebetsformeln. Schau was für dich passt und wo du Resonanz spürst.
Mantra Praxis für die Shakti Sadhana
Sprache, Mantra und Sound sind die schöpferischen Ausdrucksformen der Devi. Ein sehr einfacher und kraftvoller Praxistipp ist, jeden Tag ein Mantra einige Minuten lang zu wiederholen — laut, flüsternd oder in Stille. Du kannst dafür eine Mala (Gebetskette) nutzen oder einfach 9, 27 oder 108 Wiederholungen praktizieren. (eine Mala hat normalerweise 108 Perlen)
Für die drei Hauptaspekte der Göttin kannst du diese Mantren verwenden:
Tag 1 – 3:
Für Schutz, Stärke und Transformation – Durga:
Om Hrim Dum Durgaye Namaha
hier zum anhören:
Tag 4-6:
Für Fülle, Herzenskraft und innere Schönheit – Lakshmi:
Om Shrim Lakshmayei Namaha
Tag 7-9:
Für Klarheit, Weisheit und inspirierten Ausdruck – Saraswati:
Om Aim Sarasvatyei Namaha
