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Selbstakzeptanz: „du bist genauso richtig wie du bist“ oder nicht?

Selbstakzeptanz: „du bist genauso richtig wie du bist“ oder nicht?

Wer kennt ihn nicht, den Aufruf zur Selbstakzeptanz. Er ist nicht nur in Yogastunden zu hören, man findet ihn stĂ€ndig auf dem großen Selbsthilfe- und Selbstoptimierungs Marktplatz. In esoterischen oder psychologischen Zeitschriften, Blogs und Ratgebern, Kursen, Workshops usw. gehört er zum Standard: „relax, du bist richtig und gut
nimm dich an“. Nun, das ist gar nicht verkehrt, ich teile den Aufruf – so Ă€hnlich – auch ab und zu in Yogastunden. In einem bestimmten Kontext hilft es zu entspannen und loszulassen.

Doch irgendwie scheint es im Alltag nicht immer so zu funktionieren mit dem Akzeptieren. FĂŒr einen Moment, z.b nach einer Yogastunde, fĂŒhlt es sich zwar etwas besser an, aber eigentlich Ă€ndert sich nicht grundlegend etwas. Der Ärger, die SchuldgefĂŒhle oder die Scham tauchen immer noch auf. Warum? Das hat damit zu tun, das Selbstakzeptanz meist nur ein oberflĂ€chliches mentales Konzept bleibt, das unser Geist als Ablenkung nutzt. Eigentlich gibt es 2 Arten von Selbstakzeptanz. Eine die dich verĂ€ndert und freier macht, die andere wo du so bleibst wie du bist und steckenbleibst.

mentale Halluzinationen

Die mentale Form des vermeintlichen Annehmens und Akzeptierens hat mehr mit einer beruhigenden Trance gemein. Wir versuchen uns einzureden, dass es schon ok ist. Wir, die anderen, die Welt. An der OberflÀche sieht es ruhig aus, weiter unten brodelt es. Wir benutzen die Idee von Akzeptanz als AnÀsthetikum und auch Entschuldigung um zu bleiben, wie wir sind. Und wir weichen nötigen wirklichen VerÀnderungen aus.
„So bin ich halt, ich werde immer wĂŒtend, aber ist ok, da kann man nichts machen, ich hab’s akzeptiert“. Dabei spielen wir uns selbst einen Streich und fallen darauf herein. Warum? Weil es unter UmstĂ€nden unangenehm, schmerzhaft oder einfach unbequem werden wĂŒrde, die Wut wirklich zuzulassen.

Das PhĂ€nomen ist nicht nur bezĂŒglich Akzeptanz zu finden: wir benutzen allgemein Konzepte und Ideen damit unser Selbstbild erhalten bleibt.; und um uns selbst und andere zu bestĂ€tigen, zu beruhigen, zu ĂŒberzeugen, aber auch um zu vermeiden, zu tĂ€uschen und zu manipulieren. Oder einfach um uns ein GefĂŒhl der Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Manchmal geht das mit einem seltsam unbegrĂŒndeten und oft infantilen Anspruch einher, die Welt um mich herum soll doch bitte meine BedĂŒrfnisse erkennen und erfĂŒllen.

Hier kommt man nicht umhin festzustellen, dass besonders „spirituelle“ Konzepte wie Einheit, Akzeptanz, Toleranz, unkonditionierte Liebe oder einfach den Anspruch „gut“ zu sein, verlockend einfach missbraucht werden können. Sie werden zu einer oft toxischen Mischung, mit welcher unser Ego eine halluzinatorische und verlockende Wirklichkeit schafft. Die in sich zusammenfĂ€llt, wenn man etwas tiefer bohrt.

 „Ich habe es akzeptiert, Liebe ist universell, ich bin das Licht jenseits von Körper und Geist und muss lernen meine Anhaftungen zu lösen“ nachdem der Partner einen betrogen hat. Nun, das ist auch eine Möglichkeit den Schmerz von sich wegzuhalten. Zumindest oberflĂ€chlich.

Wir alle kennen die Tendenz die Dinge so zu sehen, wie wir es wollen.

Selbstakzeptanz heißt nicht etwas „gut“ zu finden,

es ist kein Versuch etwas zu akzeptieren was einem schwerfÀllt zu akzeptieren. Es ist keine mentale Toleranzgymnastik, kein positives Gutmenschdenken, ja, meistens ist es eben nicht schön, sondern das Gegenteil:

Es ist die FĂ€higkeit mit sich und seinen Empfindungen und GefĂŒhlen zu sein. Egal wie diese sich zeigen. Den Ärger oder die Scham wirklich zu spĂŒren. Ungeschminkt und direkt, ohne auszuweichen.
Das ist oft verblĂŒffend schwierig. Oft ist es sogar unklar welche GefĂŒhle und Empfindungen ĂŒberhaupt da sind oder wir werden von ihnen weggeschwemmt, ohne dass wir etwas dagegen tun können.

Oder können wir doch etwas tun? Bewusstsein schaffen

Yogapraktiken wie die Asanapraxis oder Meditation helfen, wieder in den Empfindungen anzukommen und einen Bewusstseinsraum zu schaffen, um zu erkennen was wirklich ablÀuft.

All die wirren Gedanken, all die widersprĂŒchlichen Emotionen brauchen zuerst mal Platz und Anerkennung. Oder die Taubheit und die GefĂŒhllosigkeit. Meditation bedeutet nicht in einen gedankenfreien Raum voller Frieden und GlĂŒckseligkeit zu schwelgen
welcher meistens eh nicht eintritt, sondern die FĂ€higkeit mit dem zu Sein was ist
und es zu spĂŒren. Sich mit den GefĂŒhlen und Gedanken auseinandersetzen und nicht ausweichen, in Beziehung gehen und erforschen.

Dann kommt vielleicht eine große Erkenntnis in unserer Selbstakzeptanz Reise, man bemerkt: etwas in mir hat gar keine Lust darauf irgendwas zu akzeptieren. Das Einzige, was sich zeigt ist ein großer, wie sagt man so schön, „Stinkefinger“. Das ist eine wunderbare Erkenntnis 

Denn jetzt kannst du Verantwortung fĂŒr den Teil in dir ĂŒbernehmen der sich nicht verĂ€ndern will. Zu akzeptieren das man sich nicht akzeptieren kann. Es ist die Anerkennung der oft zuerst als deprimierend empfundenen Tatsache, dass etwas in uns so bleiben will und keine Lust auf Akzeptanz oder VerĂ€nderung hat. In uns lebt ein zwanghafter Tyrann, der uns die immer gleichen wiederkehrenden Programme von Meinungen, GefĂŒhle und Verhaltensweisen diktiert. Sie sind zu unserer IdentitĂ€t und Teil unseres Selbstbildes geworden. Jetzt habe ich folgende Möglichkeit: ich kann ausweichen oder nicht. Ich kann wegschauen oder mich dem Teil stellen, was heißt, ihn zu spĂŒren und anzuerkennen.
Es ist eine Wahl zwischen 2 Lebensformen. Eine Wahl, die wir irgendwann treffen mĂŒssen und die entscheidend ist, wie sich unser Leben entfaltet. Es ist eine grundlegende Entscheidung:

1. Entweder ich weiche aus und bleibe weiterhin Sklave meiner Gedanken und GefĂŒhle und mache Ă€ußere Faktoren und die Welt fĂŒr meinen Zustand verantwortlich, bin also das Opfer, oder
2. Ich bleibe stehen und schaue den „inneren DĂ€monen“ in die Augen, ĂŒbernehme Verantwortung und erkenne, dass es nur einen Menschen auf dem Planeten gibt, der sich Ă€ndern kann und sollte: Ich selbst

Raus aus der Selbstverleugnung, Angst hilft!

Ich muss ganzheitlich erkennen, d.h spĂŒren, dass es nicht gut ist: meine ungezĂŒgelte Wut, meine wiederkehrende Depression, meine krankhafte Eifersucht, meine Ignoranz, mein GefĂŒhl von Isolation, meine innere Leere, meine Ziellosigkeit, meine Rechthaberei, meine Kontrollsucht, mein MinderwertigkeitsgefĂŒhl, meine Scham, mein Groll, mein Narzissmus, meine Rachegedanken sind nicht gut. Dieses ‚nicht gut‘ muss ich an mich heranlassen, muss erspĂŒren, wie ungesund diese Einstellungen wirklich sind. Sie schaden mir, sie schaden anderen, sie sind nicht das, was ich wirklich bin. Sie limitieren mich und meine Lebensenergie; sie deprimieren und sie decken eine innere Leere ab, welche mir Angst macht.

Bringe die Angst hinter dich

Manchmal hilft folgendes: Stelle dir vor, du lebst dein ganzes Leben lang mit diesen miserablen GefĂŒhlen und Gedanken. Und diese Vorstellung macht dir Angst. Diese Angst kannst du nutzen, denn sie ist berechtigt, sie kann dich motivieren. Du kannst sie umwandeln in eine Kraft der VerĂ€nderung. Du bringst die Angst hinter dich als Schubkraft. Sie steht nicht mehr als unbewusste Blockade vor dir. Du nimmst die sogenannte Selbstakzeptanz nicht mehr, um lethargisch aufzugeben und dein Versagen und deine Limitierungen zu bestĂ€tigen, sondern um aufzuwachen zu deiner wahren GrĂ¶ĂŸe. Du unternimmst (kleine) Schritte, um dein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die Limitierungen und empfundenen „Probleme“ werden zum Trittstein und zur Voraussetzung fĂŒr mehr Wachstum und Entfaltung. Es ist keineswegs selbstverstĂ€ndlich, dass man seine Angst ĂŒberhaupt spĂŒrt. Das ist ein fortgeschrittenes Stadium. Viele Menschen wirken nach außen hin unbewegt, selbstbewusst und ruhig – aber haben sich abgeschnitten. SpĂŒren heißt, ich habe mich vom Kopf in den Körper bewegt. Von einem mentalen Konstrukt zu einer aktuellen Empfindung und Erfahrung im Körper. Das ist ein Grund zum Feiern. Etwas in mir ist wieder im Fluss und mit einer existentiellen Ebene verbunden.
Das ist was ich unter Yoga verstehe: die Einheit mit dem Leben zu spĂŒren auf einer verkörperten, vibrierenden und pulsierenden Ebene.

SensibilitÀt zulassen

Alles hat seinen Preis: Die Angst zu spĂŒren heißt auch wieder SensibilitĂ€t zuzulassen. Du öffnest dich deiner Verletzlichkeit. Aber weil die Angst davor verschlossen und stagnierend zu bleiben grĂ¶ĂŸer ist, als die Angst sich zu öffnen bist du bereit dazu. Der Schutzpanzer wird weniger, die Emotionen bewegen sich freier, dein Leben gewinnt an Lebendigkeit und Ausdruck. SensibilitĂ€t heißt, du achtest und respektierst deine Grenzen und GefĂŒhle. Es ist dein fĂŒhlendes Herz nicht dein Verstand, der das bemerkt und deshalb wirst du furchtloser und mutiger.
Du wirst wahrhaftiger und dadurch ekstatischer, weil du nicht mehr festhalten musst an einem engen Selbstbild.

Praxis: Die 4 E Meditation

In der Meditation kann man mit den 4 E’s arbeiten, um langsam wirkliche Selbstakzeptanz zu erreichen:

Die 4e’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen, Empathisches loslassen

Es ist eine aktive Form der Meditation. Ich bringe mir eine Situation in die Erinnerung die Schwierig war, z.b. ein Streit mit dem Partner oder eine unangenehme Situation mit dem Chef und erkenne die Reaktion und die GefĂŒhle, die dabei auftauchen. Das ist die Voraussetzung: Ich bemerke und erlaube es. Ich weiche nicht aus, sondern gebe dem ganzen Raum, ohne es anders haben zu wollen oder zu rationalisieren. Dann kann ich es erforschen:
Was macht mein Geist, welche Gedanken und Bilder produziert er? Und vor Allem:  Wo spĂŒre ich es im Körper? Was passiert mit dem Atem? Welche Empfindungen sind da? Taubheit, Kribbeln, KĂ€lte, Hitze

Die letzte Phase ist das empathische Loslassen. Ich halte nicht weiter daran fest, indem ich analysiere und weiter darĂŒber nachdenke, sondern lass los mit dem empathischen MitgefĂŒhl fĂŒr alle empfundenen GefĂŒhle und Emotionen.

Selbstakzeptanz ist nicht etwas, was wir wirklich „tun“ können. Es ist die Folge einer gefĂŒhlten Anerkennung und Integration verdrĂ€ngter Bewusstseinsinhalte. Deshalb ist Meditation so wichtig: Wir trainieren den Geist zu beobachten und „Offen“ zu bleiben damit diese sich zeigen können. Diese Offenheit schafft Raum und Freiheit zu erkennen, dass wir diese GefĂŒhle und Empfindungen haben aber nicht diese GefĂŒhle existenziell sind. Das erlaubt wahre Selbstakzeptanz: Wir entdecken das grĂ¶ĂŸere Selbst hinter all den VerĂ€nderungen, Emotionen und Bewegungen. Teil des einen großen Lichts das wir alle sind.

Om Namah Shivaya!

Ralf Schultz

Die 4E Achtsamkeitsmeditation mit Ralf
Diese gefĂŒhrte Meditation mit den 4e’s kann eine effektive Hilfe sein, um sich selber und seine GefĂŒhle zu erforschen. Langsam schaffen wir so mehr Bewusstheit, Freiheit und Akzeptanz. Die 4 E’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen & Empathisches loslassen.
Probiere es doch mal aus! Free Download!

Ralf Schultz

Ralf Schultz

Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg

Sein Hauptinteresse liegt in der Erforschung des Potentials, das jedem von uns innewohnt, um innere Freiheit, FĂŒlle, Tiefe, das Mysterium und das Staunen ĂŒber das Leben zu erkennen und zuzulassen. In diesem Sinne ist Yoga fĂŒr ihn vorwiegend ein undogmatischer Weg der Selbstkenntnis, Erforschung und VerĂ€nderung, um dieses Potenzial hier und jetzt zu einer gelebten Erfahrung werden zu lassen.
Ralf integriert in seiner Arbeit Ideen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen, Schamanismus sowie moderne wissenschaftliche und psychologische AnsĂ€tze. Yoga ist fĂŒr ihn alles was hilft um besser zu erkennen und zu verstehen, was es mit dem Leben auf sich hat. Und so Kraft und Inspiration zu finden fĂŒr die eigene positive VerĂ€nderung zum Wohle aller Wesen und der Erde.Seit vielen Jahren bildet Ralf Yogalehrer aus und leitet vertiefende Weiterbildungsseminare im Bereich Vinyasa Yoga, Ayurveda und Soundhealing. Er versteht es, seine SchĂŒler auf humorvolle und undogmatsiche Art und Weise fĂŒr einen ganzheitlichen spirituellen Weg zu begeistern und zu inspirieren.
Er schreibt regelmĂ€ĂŸig fĂŒr die Zeitschrift “Yoga Aktuell”

Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

Konzentration, Fokus und Japa Mala

Den Geist auszurichten und zu fokussieren ist eine der fundamentalen FĂ€higkeiten fĂŒr mentale ImmunitĂ€t, Selbstkontrolle und Willenskraft. Sie bestimmt schlussendlich erheblich die QualitĂ€t unserer Lebenserfahrung. Statt dem stĂ€ndigen mentalen und emotionalen auf und ab durch Ă€ußere oder innere Ereignisse hilflos ausgeliefert zu sein, bleiben wir verankert, ohne uns ablenken zu lassen.

Die Kraft der Aufmerksamkeit

Allerdings ist das oft leichter gesagt als getan. Aufmerksamkeit und die Mechanismen der Wahrnehmung sind eine komplexe Angelegenheit. Sicher ist: Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, bekommt mehr Kraft und wird Teil unserer Erfahrung. Deshalb ist es wichtig den Geist, d.h sich selbst, besser kennenzulernen und mehr Kontrolle ĂŒber die Aufmerksamkeit zu bekommen.
Nötig ist eine Kombination von vorurteilsfreier Erforschung und Introspektion und zielgerichteter VerÀnderung.
Neurophysiologisch ist unsere Aufmerksamkeit wie ein Spotlight, durch das unser Gehirn funktionell und auch physisch stĂ€ndig stimuliert und verĂ€ndert wird. Neuronale Strukturen bilden sich vorwiegend durch das was in unserem bewussten Fokus ist. Gleichzeitig ignoriert und verhindert dieses Spotlight das andere Inhalte und Informationen in unser Gehirn bzw Bewusstsein gelangen. Das ist ein sinnvoller Vorgang solange wir unser Spotlight positiv und kreativ nutzen. Aber nicht, wenn wir keine KapazitĂ€t haben den Fokus von dem zu lösen was negativ, schĂ€dlich und destruktiv auf uns wirkt, wie Ă€ngstliches GrĂŒbeln, zwanghaftes- und Suchtverhalten, brodelnder Groll oder ungesunde Obsessionen.
FĂŒr psychologische Heilung ist die FĂ€higkeit sich von dem zu lösen was verletzt und destruktiv ist und sich mit dem zu verbinden was hilft und heilt zentral.

Dieses Wissen ist fĂŒr die alten kontemplativen Traditionen der Menschheit nichts neues. Im Gegenteil, die KlĂ€rung und Heilung unseres Bewusstseins wird hier meistens als Voraussetzung fĂŒr jede Art von weiterer spiritueller Erkenntnis gesehen. Moderne Achtsamkeitspraxis, Neurowissenschaft und neue therapeutische AnsĂ€tze sowie das alte Wissen des Yoga ĂŒber die Natur des Geistes zeigen erstaunliche Übereinstimmungen und befruchten sich gegenseitig. TatsĂ€chlich kann man ohne weiteres die alten Yogis als die ersten Gehirn- und Achtsamkeitsforscher bezeichnen. Sie haben herausgefunden, wie man das eigene Bewusstsein durch VerĂ€nderung der Gehirnchemie positiv und dauerhaft verĂ€ndert. Achtsamkeitspraktiken mit Körper, Atem, Klang, Visualisierungen, Introspektion und Meditation, genauso wie Gebet und Ritual, resultieren in nachhaltigen VerĂ€nderungen von Einstellungen und Sichtweisen – und zeigen sich im Gehirn. Strukturell in einer StĂ€rkung und ‚Verdickung‘ des PrĂ€frontalen Cortex, desjenigen Gehirnareals das mit der Kontrolle der Aufmerksamkeit, der Handlungen und der Emotionen zu tun hat
und die Wirkung der Amygdala, des „Angstzentrums“ im Gehirn hemmt.
So wie ein Muskel bewegt und trainiert werden muss um stĂ€rker zu werden, muss auch unsere Aufmerksamkeit trainiert werden. Und dafĂŒr ist eine regelmĂ€ĂŸige Praxis und Übung (Sadhana) nötig, so dass sich der Geist von seinem ungesunden „default setting“ – der Fixierung auf das Negative – langsam verabschieden kann. Das ist kein Prozess von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, Geduld und Disziplin. Anders gesagt, es braucht eine VerĂ€nderung der Gewohnheiten durch eine Praxis, die uns hilft, Fokus und PrĂ€senz neu auszurichten.
Diese Praxis wird im Yoga Dharana genannt. Dharana kommt von der Wortwurzel ‚Dhri‘ und bedeutet stĂŒtzen, halten, tragen. Es ist im Raja Yoga System das sechste Glied von acht auf dem Weg den den Geist still werden zu lassen. Es bildet mit Dhyana (Meditation) und Absorbtion (Samadhi) die letzten 3 Stufen.

Das energetische Modell.

Das mentale Feld ist aus der Sicht des Yoga aufgebaut aus verschiedenen Ebenen von energetischen Schwingungen und Frequenzen. Die tiefsten Schichten sind unsere unbewussten Einstellungen, Überzeugungen, Werte und Ziele. Unsere bewusste Erfahrung mit all den Gedanken, Bewertungen, Einstellungen, GefĂŒhlen und Handlungen sind der erfahrbare Ausdruck von diesem tieferen Pool. Jede Erfahrung, die wir machen steuert zu diesem Schwingungsfeld bei – je nachdem wie bewusst wir die Erfahrung annehmen, verstehen und verdauen wachsen wir daran oder bestĂ€tigen und stĂ€rken die alten Programmierungen.  Wird eine Ereignis als Überforderung oder zu intensiv erfahren reagieren wir mit einer Stressreaktion bis hin zu Abspaltung der Erfahrung aus unserem Bewusstsein.
Es ist wichtig einerseits unseren Geist vor negativen, stresserzeugenden und traumatischen Erfahrungen zu schĂŒtzen und andererseits positive Ressourcen zu schaffen. Diese stĂ€rken die Resilienz des Geistes und wir können aus ihnen schöpfen, wenn die Zeiten herausfordernd werden. Die stĂ€rkste Schutz- und Widerstandskraft hat Liebe als Folge von Selbstakzeptanz und des GefĂŒhls des getragen- und eingebunden Seins in das Lebensgewebe. Die niedrigste Schwingung und Schutzkraft haben Hass, Neid und Groll.
Die VerĂ€nderung des Schwingungsfelds der tieferen Schichten des Geistes werden im Yoga mit verschiedenen Praktiken angestrebt. Eine der wichtigsten ist die Arbeit und Übung mit Klang (Mantra), Atem (Pranayama) Licht (Visualisierung, Symbol) und Hingabe.

Mantra

 „Man“: Geist
„Tra“: Mittel, Instrument

Mantras sind ein wichtiges Instrument im Yoga, um den Geist auszurichten, zu energetisieren, zu heilen und zu klÀren.
Mantrapraxis hat einen heilenden Effekt auf die zugrundeliegenden mentalen Muster und gibt dem Geist PlastizitĂ€t, AnpassungsfĂ€higkeit und Offenheit und prĂ€pariert ihn fĂŒr die Meditation.

Mantras helfen den Geist von seinen gewohnheitsmÀssigen und oft negativen repetitiven alten Gedankenmustern zu lösen und die ganze Psyche neu mit einem energetischen inneren Fluss zu revitalisieren.
Mantras sind so eine kraftvolle VerjĂŒngungstherapie fĂŒr Kopf und Herz.

3 Typen von Mantras kann man unterscheiden:

  1. Bija (Samen) Mantras:
    Z.B. Om, Shrim, Hum oder Hrim; sie wirken vorwiegend durch die innewohnende Klangvibration und haben eine tiefe Wirkung. Sie drĂŒcken fundamentale energetische KrĂ€fte und Prinzipien aus. OM z.B. ist die subtilste Vibration und die Basis aller Manifestation, es wirkt ausdehnend und öffnend, Hrim wirkt erwĂ€rmend und energetisierend (Sonne), Shrim kĂŒhlend und beruhigend (Mond), usw.
  2. Namen Mantras:
    Z.B. ‘Om Namah Shivaya’ oder ‘Om Namo Bhagavate’, angewandt vorwiegend im Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe, welches einen bestimmten Aspekt des Göttlichen bzw von archetypischen KrĂ€ften ausdrĂŒckt und auf unserer inneren Herzverbindung beruht.
  3. lÀngere Gebete, Hymnen und Anrufungen wie das Gayatri Mantra oder unterschiedliche Friedensmantras. (Lokah Samastah Sukhino Bhavantu z.B.) mit mehr wörtlicher Bedeutung, z.b. die Hanuman Chalisa

Diese Mantras schliessen sich nicht aus sondern können auch zusammen kombiniert werden. Allgemein drĂŒcken sie persönliche und kollektive Wahrheitsebenen aus die wir energetisch aktivieren und  mehr und mehr in unser Bewusstsein heben können. Und was so in unser Bewusstsein kommt und gestĂ€rkt wird, verĂ€ndert von innen heraus unser Leben.

Atem

Mantras können wunderbar mit dem Atem synchronisiert werden. Und wirken dadurch noch besser. Der Atem ist die einzige vitale Funktion, die wir willentlich beeinflussen können und ein Bindeglied zwischen Körper und Geist.
Es ist einer der wichtigsten TrĂ€ger von Prana (Energie) und liegt jedem Mantra zugrunde. Langsame und etwas tiefere Atmung spricht direkt den Vagusnerv an und den evolutionĂ€r alten Hirnstamm. Es beruhigt die Amygdala und aktiviert das parasympathische Nervensystem, welches unseren Organismus in einen Ruhemodus versetzt. Forscher haben jetzt auch herausgefunden das durch gleichmĂ€ĂŸige und bewusste Atmung die neuronale AktivitĂ€t des Gehirns in einen Gleichklang kommt und mehr geistige Klarheit daraus resultiert.

Japa Mala

Mantra und Atem sind also enorm potente Faktoren zur VerÀnderung und Stabilisierung unserer Aufmerksamkeit mit vielen positiven Wirkungen auf Körper und Geist.
Die alte Technik von Japa Mala ist wunderbar dafĂŒr geeignet. Dabei wird mit Hilfe einer Gebetskette das Mantra rezitiert. Wenn man dann noch alles mit dem Atem synchronisiert, haben wir Körper, Atem und Geist zusammengefĂŒhrt.
Traditionell haben die Malas (Gebetsketten) 108 Steine oder Perlen und fĂŒr jede Perle wird das Mantra rezitiert.
Z.b. kann man einatmen mit „Om Namah“, ausatmen „Shivaya“, dann zur nĂ€chsten Perle usw. Morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem zu Bett gehen ein paar Runden Japa Mala kann Wunder wirken.
Frage den Yogalehrer deines Vertrauens fĂŒr die genaue Technik 😉

Soma Dharana
‚Dhara‘ in Dharana heißt auch Fluss, Bewegung. Yoga ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Frage was mein Lebensfokus ist, wohin meine Lebensreise fließen soll.
Der Geist folgt natĂŒrlicherweise immer dem was ihm Zufriedenheit verspricht. Im Versuch zufrieden zu sein suchen wir meist ErfĂŒllung durch Ă€ußere Faktoren.
Soma ist FĂŒlle und Zufriedenheit, die ins Fließen kommt, wenn wir unser Leben darauf ausrichten dem zu folgen was unsere Seele braucht. Es ist der innere Impuls nach Wahrhaftigkeit den wir durch yogische Selbsterforschung und Transformation freilegen und der es uns ermöglicht einschrĂ€nkende Kontrolle loszulassen. Es ist die Anerkennung des Wunsches im innersten unserer Herzen nach Wahrheit, Freiheit und Licht und dessen Realisierung als das höchste Ziel im Yoga.
Yoga Dharana, ist deshalb nicht nur eine Frage der Anstrengung zur Verbesserung der eigenen Gesundheit oder zur persönlichen Heilung, wie wichtig diese auch ist, sondern immer getragen von einer ‚höheren‘ Motivation und Intention zum Wohle aller Wesen und der Erde.

Sind wir von dieser Motivation getragen dann wird jeder Moment, ob angenehm oder nicht zu einem Moment der FĂŒlle und Dankbarkeit, wĂ€hrend wir unabgelenkt und fokussiert unserem inneren Ruf folgen.

Om Namah Shivaya

Ralf Schultz

 

Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

In der zeitschrift yoga Aktuell

Ausgabe Aug/Sept 2021

Wespenstiche

Übersetzung aus dem englischen von Nina Haisken, Yoga Aktuell

ES ist wieder passiert.

Ich bin von einer Wespe gestochen worden – und da ich in hohem Maße allergisch bin, brachte mir dies einen kurzen Aufenthalt auf der Intensivstation ein: den nunmehr dritten. Auf dem Nachhauseweg gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf, die ich hier mit dir teilen mochte.

Ja, es geht mir wieder gut. Die Kombination aus mitfĂŒhlender FĂŒrsorge und Eiscreme sowie kostlichem Pflaumenkuchen von meiner Partnerin Daisy, zuvor ein arztlich verschriebener Cocktail hochwirksamer Chemikalien gegen den allergischen Schock, der durch meine Venen floss – all das hinterließ in mir ein Gefiihl entspannter Weite und eine angenehme Gedankenleere.
Nett… Vielleicht entspricht das der auf medizinischen Drogen basierenden Vorstellung von Erleuchtung des 21. Jahrhunderts? Aber mal ernsthaft: In Momenten wie diesen ist man trotz eines gewissen alternativen Lebensstils sehr dankbar fiir die moderne Medizin!

Es ist erstaunlich und interessant, zu erkennen und zu erfahren, dass man <lurch ein kleines Insekt, von dem man – zumindest im Sommer – standig umgeben ist, ster­ben kann (oder durch ein Virus, das sogar noch kleiner und gar nicht sichtbar ist), und dass man binnen eines einzigen, kurzen Augenblicks vollstandig die Kontrolle iiber ,,seinen” Karper verlieren kann. Er macht plotzlich sein eigenes Ding, vielleicht stirbt er sogar! Und ,,man”, oder das so genannte ,,Ich”, hat ĂŒberhaupt keinen Ein­fluss darauf.
Das Gleiche gilt fiir den Geist. Obwohl ich natiirlich Gedanken der Besorgnis hatte, erschienen sie mir weit weg, ohne Substanz und in keiner Weise ,,griffig” bzw. geeignet, das, was da geschah, zu erklaren oder sinnvoll einzuordnen. Stattdessen war da eher die Wahrnehmung eines Feldes, das – man konnte sagen – eine Prasenz beinhaltete, die nicht naher spezifiziert war. Ich mi.isste dazu mal Ramana Maharshi fragen …

ES GIBT NICHTS ZU TUN

Auf eine eigenartige Art und Weise hatte dieses Erlebnis auch deshalb etwas entspannendes an sich, weil es in dieser Situation nichts zu tun, nichts zu verhindern oder zu andern gab. Die Wespe hatte gestochen, es war bereits geschehen – nun konnte ich mich nur noch dem ergeben, was immer auf mich zukommen wi.irde. Hingabe ist die einzige ,,Handlung”, die Frieden bringen kann. Die Zer­brechlichkeit des Lebens und die – aus einer gewissen Perspektive – auBerst nichtige Bedeutung des ,,Ich” anzu­erkennen, ist eine Erfahrung, die Demut mit sich bringt. Es ist nun ma! so: Das Leben kann zu jedem Zeitpunkt ein plotzliches Ende finden, und ,,ich ” kann nichts dage­gen tun (ahnlich, wie ich auch nicht iiber meine Geburt

bestimmen konnte). All die glanzvollen Vorstellungen von zukĂŒnftigen Erfolgen, der Traum von Wohlstand, Bekanntheit oder Ruhm – oder von ,,spirituellem” Voran­kommen – können innerhalb kĂŒrzester Zeit zerbrechen. Es gibt keinerlei Garantie – auch dann nicht, wenn man sich bemĂŒht, gesundheitsbewusst, achtsam und mit guten Absichten zu leben, oder viel Yoga praktiziert und an die ,,richtigen” Dinge wie Frieden, Liebe und Einheit glaubt. Das ist ein ziemlich beunruhigender Gedanke, mit dem wir uns fĂŒr gewöhnlich nicht gerne beschĂ€ftigen, auch wenn wir tief im Inneren darum wissen.

Denn etwas in uns fragt sich, Bin ich etwa nicht das Zentrum des Universums? Der Fokuspunkt, das Wichtigste ĂŒberhaupt? Schuldet mir das Leben nicht etwas? GlĂŒck, Freude, Gesundheit, ErfĂŒllung meiner WĂŒnsche; mindestens achtzig Jahre, in denen Nahrung, Unterkunft, Geld und ein so genanntes ,,gutes Leben” gewĂ€hrleistet sind, oder, sogar noch besser, ein spirituelles Leben, das hoffentlich mit der Erleuchtung belohnt wird?” (Was auch immer Erleuchtung bedeutet – wir stellen sie uns in der Regel jedenfalls als Zustand vor, in dem sich alle Probleme auflösen und wir uns stets zutiefst erfĂŒllt, glĂŒcklich und zufrieden fĂŒhlen).

Wespen sind fĂŒr mich versteckte, wilde Zen-Lehrer. Sie sind eine gute Erinnerung daran, dass das Leben stets eine lebensbedrohliche Angelegenheit ist, und dass man nichts als selbstverstĂ€ndlich erachten darf. Das Einzige, was uns bleibt, ist der jetzige Moment – und irgendwie liegt, so kommt es mir vor,’ gerade darin die Wurzel immenser Schönheit.

In den Worten des Dichters Wallace Stevens:

“Death is the mother of beauty; hence from her, Alone, shall come fulfilment to our dreams and our desires…” (1)

,,Der Tod ist die Mutter der Schönheit, folglich rĂŒhrt von ihm allein die ErfĂŒllung unserer Traume und unserer WĂŒnsche her.”)

Der Anerkennung der unbestĂ€ndigen und unergrĂŒndlichen Natur des Lebens entspringen – wenn man es wagt, sich ihr zu öffnen – Dankbarkeit, Verbundenheit und MitgefĂŒhl. Es ist schwierig, Dankbarkeit fĂŒr etwas zu empfinden, wenn es fortwahrend sicher und stabil bleibt. Man nimmt es dann schnell als selbstverstĂ€ndlich hin, weil es ja ohnehin immer da ist. Etwas BestĂ€ndiges nehmen wir als langweilig und starr wahr. Deshalb sind wir von unserem Leben auch zuweilen gelangweilt – wir bewegen uns tagaus, tagein gewohnheitsmĂ€ĂŸig in den immer gleichen mental-emotionalen Konstrukten. Auch mit unserer Yogapraxis geschieht das, wenn wir sie nach einem sich stets wiederholenden Schema als weiteren Punkt in unseren durchgeplanten Tagesablauf einfĂŒgen. Oft handelt es sich dabei um nichts weiter als einen Versuch, am Status quo festzuhalten und erschreckenden Emotionen oder unterdrĂŒckte GefĂŒhle in Schach zu halten.

DIE GEFAHR VON LANGEWEILE UND GLEICHGULTIGKEIT

 Langeweile als dauerhafte unterschwellige Grundstimmung ist ein sicheres Anzeichen dafĂŒr, dass man den Kontakt zum Leben verloren hat. Sie ist ein Zeichen fĂŒr eine Taubheit und eine Dumpfheit, aus denen GleichgĂŒltigkeit entsteht. Doch wenn man gleichgĂŒltig ist, dann ist man mehr tot als lebendig. Und wenn man nicht aufpasst, dann verkauft man sich das leicht als spirituelle Haltung und nennt es Gleichmut. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!

Wenn man schon von ,,spirituell” sprechen möchte, dann kann man einen Hinweis auf wachsende SpiritualitĂ€t darin sehen, dass man lebendiger, empfindsamer und engagierter wird – man spĂŒrt mehr, nicht weniger. Und man nimmt alles intensiver wahr. Entweder kann man davor zurĂŒckschrecken und das Leben als schwierig und als im negativen Sinne ĂŒberwĂ€ltigend betrachten -als einen Kampf, der am Ende aussichtslos bleibt -, oder man kann Verantwortung ĂŒbernehmen und die Gegebenheiten als Herausforderung annehmen, sie zu erforschen und das Beste daraus zu machen.

DIE EIGENE WAHRHEIT FINDEN

Und wahrhaftig: Uns auf das Nichwissen einzulassen, hĂ€lt uns gesund und munter und offen fĂŒr VerĂ€nderung – vermutlich empfehlen deshalb alle großen spirituellen und religiösen Traditionen das tiefe Kontemplieren der UnbestĂ€ndigkeit des Lebens. Es kann Konzepte und mentale Verhaftungen aufbrechen und befördert den Geist aus seiner Komfortzone heraus. Es öffnet dich fĂŒr dein eigenes VerstĂ€ndnis, fĂŒr deine eigene Erleuchtung sozusagen. lndem wir zulassen, dass die Wahrheit des Augenblicks hervorleuchtet, trauen wir uns, unsere Vorstellungen davon loszulassen, wie etwas sein sollte – und wie wir sein sollten. In diesem Sinne wird der Geist zu einer leeren Tafel, unbeschrieben von unserem angehĂ€uften Wissen und unseren mentalen Konstrukten.

Ironischerweise Ă€ndert sich dadurch auch unsere Wahrnehmung von (bzw. unser BedĂŒrfnis nach) SpiritualitĂ€t oder Religion, denn das Leben zeigt sich als etwas, das jenseits von bestimmten Namen, Etiketten oder dogmatischen Ideologien ist, an die sich der Geist klammert. In dieser Hinsicht könnte es eine gute Idee sein, sogar die Vorstellung zu hinterfragen, dass es in uns – wie viele spirituelle Traditionen sagen – eine ewige, unverĂ€nderliche, freie, wunderbare Essenz gibt; ebenso den von vielen Religionen in Aussicht gestellten Übergang in einen perfekten Himmel nach dem Tod.

Ich sage nicht, dass all das nicht wahr ist; vielleicht ist es vollkommen zutreffend. Aber wer weiß das ganz genau? Und wie kann man es herausfinden? Einfach nur zu glauben, was andere sagen, ist nicht genug. Es liegt an jedem von uns, selbst die Wahrheit herauszufinden – durch eigenes BemĂŒhen und eigene Erforschung. FĂŒr diese Erforschung bedarf es des Einsatzes unseres ganzen Wesens mit Körper, Geist und Herz. Möglicherweise stellen wir dann fest, dass wir die Vorstellungen von etwas Ewigem als eine Flucht benutzen: als tröstliches Konzept, das uns in einer Art von Trance hĂ€lt, weil wir uns vor dem fĂŒrchten, was unter diesem Filter zum Vorschein kommen konnte, wenn wir ihn wegnehmen.

YOGA ALS VERBINDUNG – AUCH MIT DER VERLUSTANGST

In der Regel können wir ĂŒber das Trennungsleid der menschlichen Existenz, also ĂŒber unsere Begrenzungen, Unsicherheiten und Ängste, nur dann hinauswachsen, wenn wir sie uns ansehen und es zulassen, sie zu spĂŒren. Das bedeutet auch, dass wir uns mit dem Thema Tod konfrontieren und es tiefgehend reflektieren sollten. Zu einer Konfrontation damit kommt es zweifellos ohnehin fĂŒr uns alle irgendwann. Wir können uns davon abzuschotten versuchen, indem wir das Thema verdrĂ€ngen, oder wir können uns lernbereit dafĂŒr öffnen. Je frĂŒher wir Letzteres tun, desto besser. Das soll ĂŒbrigens nicht heißen, dass ich mich selbst als furchtlos betrachte. Im Gegenteil: Ich hatte stets – und habe noch immer – eine offensichtliche Angst vor dem Sterben. Aber wenn ich sie mir genauer anschaue, handelt es sich dabei eher um Verlustangst oder um eine Angst vor dem Loslassen. lch habe Angst vor dem Verlust des Lebens, der geliebten Menschen, der liebgewonnenen GefĂŒhle und SinneseindrĂŒcke, der Sinnesfreuden. Und auch davor, die Person zu verlieren, in die ich so viel investiere: mich selbst. Es ist die Angst tief auf dem Grund des Daseins: die Angst davor, nicht mehr da zu sein.

Yoga wird oft als Mittel fĂŒr Verbindung bezeichnet. Aber in Wahrheit ist er die Verbundenheit mit dem Lebendig sein, in welcher Form auch immer es erfahren wird – inklusive der Angst davor, es zu verlieren.

HINGABE

Wie wandelt man nun auf Messers Schneide? Auf der einen Seite der Abgrund von Tod und Ausradierung, auf der anderen Seite der Trost des uns Vertrauten? Indem man sich in Hingabe ĂŒbt, also durch vollkommene PrĂ€senz im jetzigen Moment. Das heißt: Du wirst geradezu zu diesem Moment, der in den nĂ€chsten Moment hineinstirbt – anders ausgedrĂŒckt, du wirst zu einem Dahinfließen. Zum Fluss des Lebens, der mit dir identisch ist und der stets auch den Tod beinhaltet. Hingabe öffnet uns fĂŒr das Wunder der Lebendigkeit, das dich steuert (und nicht von dir gesteuert wird). Leben und Tod sind offenbar nichts weiter als zwei verschiedene Aspekte ein- und desselben. Sie gehören zusammen. Solange wir den Tod nicht als Teil des Ganzen akzeptieren, können wir das Leben nicht voll erfahren. Und solange wir es nicht wagen, uns dem Leben und auch dem Tod zu ergeben, leiden wir!

 

Wie das Tao Te Ching (Vers 40) sagt:

Wiederkehr ist die Bewegung des Tao fließen ist der Weg des Tao
Alle Dinge werden aus dem Sein geboren Das Sein wird aus dem Nicht-Sein geboren (2)

 

Die Zeiten, in denen wir leben, können mit all ihren UnwĂ€gbarkeiten und den damit einhergehen Sorgen und Ängsten ein großes Tor fĂŒr echte Transformation hin zu mehr Bewusstheit, Integration, Verbundenheit und Liebe sein.

Erhöhte Bewusstheit kommt fĂŒr gewöhnlich mit dem Erkennen ihrer Notwendigkeit – wenn wir also erkennen, dass wir der Wahrheit ins Auge blicken mĂŒssen, statt die Dinge nur als das zu betrachten, das wir gern darin sehen möchten. Und das geschieht meist dann, wenn wir Schwierigkeiten gegenĂŒberstehen oder uns in einer Krise befinden.
Ich vermute, dass die Menschen zu frĂŒheren Zeiten eine viel schĂ€rfere Wahrnehmung fĂŒr die Gefahren und Unsicherheiten des Lebens hatten, diese zugleich aber auch viel mehr akzeptiert haben. Man bedenke: Es gab z.B. keine Antibiotika, bereits eine einfache Wundinfektion konnte den Tod bedeuten. Wahrscheinlich waren sie in vielerlei Hinsicht viel bewusster und aufmerksamer, weil der Tod viel stĂ€rker Teil des Lebens war als heutzutage. Heute haben wir ein Virus (oder Wespen), und aus irgendeinem Grund meint jeder, das sei nicht fair, das sollte so nicht sein und sei in unserem hochtechnisierten Zeitalter beinahe ,,anachronistisch”.
Nun, vielleicht brauchen wir ab und an eine Erinne­rung daran, dass wir als Menschen sterbliche biologische Wesen und integraler Teil eines grĂ¶ĂŸeren Organismus namens Natur sind.

Diese Erkenntnis konnte sogar eine heilsame Wirkung auf unsere Annahme haben, dass alles unserer Kontrolle und unserem Kommando untersteht oder unterstehen sollte. In der Zwischenzeit gebe ich mich dem Genuss des eingangs erwĂ€hnten Pflaumenkuchens hin … und hoffe, dass die Wespen mir fernbleiben! ‱

 

  1. Aus: Sunday Morning, erschienen in der Sammlung Harmonium (1923)
  2. Deutsche Obersetzung basierend auf einer Obertragung ins Englische von Stephen Mitchell

 

Ralf Schultz ist Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg. Er integriert in seine Arbeit ldeen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen sowie moderne wissenschaftliche und psychologische AnsÀtze. Im Soma Yoga Studio bietet er seit vielen Jahren Yogalehrerausbildungen sowie Weiterbildungen in Ayurveda und Meditation an.

Shiva – der Heiler und das große lebensspendende Mantra

Shiva – der Heiler und das große lebensspendende Mantra


Shiva – der Heiler und das große Lebensspendende Mantra

 

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oáčƒ tryambakaáčƒ yajāmahe
sugandhiáčƒ puáčŁáč­ivardhanam
urvārukam iva bandhanān
máč›tyor mukáčŁÄ«ya māmáč›tāt

OM Wir verehren Tryambaka (den dreiĂ€ugigen Gott Rudra/Shiva), den wohlriechenden, der sich um alle Wesen kĂŒmmert. Wie ein (reifer) KĂŒrbis (Urvaruka) von seinem Stiel (abfĂ€llt), so möchte ich von Bindung und Anhaftung (Bandhana)  frei werden, von der Sterblichkeit (Mrityor) zur Unsterblichkeit (Amrita) gelangen.

Das Tryambakam Mantra ist eines der bekanntesten und Àltesten Heilungsmantras, das in verschiedenen Stellen der Veden auftaucht.
Es ist eine Shiva Mantra und Shiva wird in den Veden meist Rudra bezeichnet. Er ist Tryambaka, dreiÀugig und sieht mit dem mystischen dritten Auge jenseits der DualitÀt von Subjekt und Objekt die zugrundeliegende Verbundenheit, Einheit und Quelle allen Seins.
Er löst alle inneren Knoten, Kontraktionen, Anhaftungen und Ängste und fĂŒhrt uns zu einer Erkenntnis der inneren Freude und Freiheit.

Das Mantra wird oft in Feuerzeremonien (Homas, Yajnas) benutzt, um die Kraft der inneren Transformation anzurufen und das ins Feuer zu geben was VerÀnderung und Befreiung braucht.
Es ist so das große Moksha (Freiheit) Mantra, welches uns zurĂŒckfĂŒhrt zur Stille, Weite und inneren Frieden Shivas.

Das Mantra ist verbunden mit Rudra / Shiva als der ultimative Heiler und Arzt. Er erlaubt Gesundheit, VitalitÀt und Langlebigkeit und kann bei allen Krankheiten und zur Genesung rezitiert werden.
Genauso kann man es fĂŒr alle ÜbergĂ€nge, VerĂ€nderungen, Initiationen und Transite verwenden, sei es eine Reise, Umzug, Heirat, aber auch Geburtstage oder Todestage.

Hier eine schöne Version mit Daisy & Ralf:

 

Trayambakam - Mahashivratri Celebration 2021

Rudra und Agni, Feuer

Rudra ist verbunden mit Agni, Feuer, als dem Prinzip von Reinigung und Transformation. Rudra-Agni reinigt von allen angesammelten Toxinen und Giften durch die Anwendung von angemessenen Tapas bzw Hitze als transformatives Medium.

Was sind diese Gifte? Auf der Ebene des Körpers kann man das als die tÀglichen Ansammlungen von Spannung und Stress verstehen die sich in den Körpergeweben und Muskeln festsetzen.
Auf der inneren Ebene des Geistes sind es tiefsitzenden unbewussten Tendenzen und Schatten, die wir alle haben. Yoga Texte sprechen von 6 Feinden: Kama (Verlangen), Krodha (Ärger, Hass), Moha (Illusion), Lobha (Gier), Mada (Stolz, Ego), Matsarya (Neid)

Die Buddhistische Tradition hat das auf die 3 Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung reduziert. Verblendung (Moha oder Avidya) ist an der Wurzel und kann man als Ignoranz oder Unwissenheit ĂŒber unsere eigene wahre freie, strahlende innere Natur verstehen. Wir empfinden uns als abgetrennte Individuen sind aber essentiell mit allem verbunden. Die Folge ist Leiden.

Obwohl hier von Feinden die Sprache ist werden wir diese „Gifte“ nur durch Anerkennung, Loslassen und Bewusstheit los, nicht, indem wir sie bekĂ€mpfen oder ignorieren. Der erste Schritt ist immer diese „Gifte“ in sich zu erkennen und anzunehmen. Das ist oft nicht so einfach. Wie erkenne ich etwas dessen ich mir unbewusst bin? Wir erkennen es an den Gedanken und GefĂŒhlen, die wir in uns tragen, der QualitĂ€t der Beziehungen die wir fĂŒhren und unserem Level an FĂŒlle und Zufriedenheit.
Tapas bedeutet auch Selbstdisziplin, welche entsteht durch ein Erkennen, dass etwas in uns VerĂ€nderung braucht. Yogapraxis in ihrer Gesamtheit wird in manchen Texten als Tapas bezeichnet. Es ist die geschickte und auch individualisierte Anwendung von Praxis und Disziplin, welche uns an innere und Ă€ußere Grenzen fĂŒhrt, um die inneren unbewussten Inhalte sich entfalten zu lassen. Was bedeutet: mehr zu spĂŒren. Schlussendlich ist Rudra oder Tapas ein Aufruf unsere Komfortzone auszuweiten und zu verlassen und das zu verbrennen was wir emotional und mental abgespalten oder unterdrĂŒckt haben. Ein Zeichen das meine Yoga Praxis wirkt ist deshalb: wir spĂŒren deutlicher was wirklich mit uns los ist.

Asana, Pranayama, Mantra

Asanas, die Haltungen reinigen den Körper. Hier gibt es viele Stile, Schulen und Techniken, von denen man wĂ€hlen kann. Vor allem Drehungen wird gesagt welche die Bauchorgane und die WirbelsĂ€ule stimulieren können die Reinigung unterstĂŒtzen. Idealerweise sollte die gewĂ€hlte Asanapraxis dem Körpertyp entsprechend angepasst werden.
Reinigende PranayamaĂŒbungen wie Bhastrika oder Kapalabhati klĂ€ren den inneren energetischen Körper und bringen neue Energie.
Das Feuerprinzip hat eine tiefe Beziehung zu Prana (Energie) und Sprache bzw Mantra. Sprache im yogischen VerstÀndnis ist das formgebende Prinzip und bildet die Grundlage des Geistes.
Mantras sollen helfen die Schwingungsstruktur des Geistes zu verÀndern und sind ein wichtiges Werkzeug, um den Geist zu klÀren und zu energetisieren.
Nur wenn das Feuer der Unterscheidungskraft (Viveka) unseres Geistes klar und hell brennt und wir klar darĂŒber sind was wir im Leben erreichen wollen und wohin die Reise gehen soll, haben wir die Kraft und die Disziplin der Selbsterforschung – und sind bereit Opfer zu bringen, um das loszulassen, (die alten „Gifte“ in uns) was einer weiteren Entfaltung im Weg steht.

Meditation

Die Praxis der Meditation im Yoga kann man einerseits verstehen als ein Ausrichten und Fokussieren des Geistes um seiner Tendenz der ReaktivitĂ€t, Zerstreuung und Ablenkung entgegenzuwirken. Andererseits ist es ein EinĂŒben von wertfreier Offenheit den Mechanismen und energetischen Bewegungen des Geistes gegenĂŒber. D.h. ich lerne zu beobachten und mit dem zu sein was ist.
Es ist dadurch gleichzeitig ein Prozess des An- und Erkennens der Inhalte aber vielleicht noch wichtiger: wir werden uns der UnbestĂ€ndigkeit aller Gedanken und GefĂŒhle und schlussendlich der UnbestĂ€ndigkeit des Beobachters selbst bewusst.
Anders ausgedrĂŒckt: Der Beobachter und das Beobachtete sind ein und dasselbe. Sie sind miteinander wechselseitig verbunden und nicht voneinander zu trennen. Gedanken und der Denker sind beide verĂ€nderlich, fluktuieren, kommen, bleiben und gehen wieder und sind ohne festen unabhĂ€ngigen Wesenskern.
Diese Einsicht resultiert in einer Art psychologischer Stille und Entspannung.

Loslassen, Stille und Soma

Die tiefste Heilkraft hat Stille und Weite. Es ist keine Stille des Vakuums und des Nichts. Es ist die Stille der FĂŒlle und Verbundenheit einer Gesamtheit.
Wenn etwas in uns zur Ruhe kommt und wir uns eingebunden in ein grĂ¶ĂŸeres Lebensgeflecht erfahren – und uns so selbst vergessen.
Besser gesagt, wir lassen die Geschichte ĂŒber uns, wer wir sind, was wir wollen und was nicht, was wir gut finden und was nicht, wie wir sein sollten und was wir glauben zu sein hinter uns.

Das wird erfahren als ein GefĂŒhl des genĂ€hrt seins, des Vertrauens, der FĂŒlle und Verbundenheit – von Soma. Soma ist der Fluss der Gnade, wenn wir das Leben in seiner FĂŒlle und InterkonnektivitĂ€t erfahren; es ist, als ob wir mit etwas Unendlichem und Unsterblichen in BerĂŒhrung kommen, weshalb Soma auch oft als Nektar oder Ambrosia (Amrit) der Unsterblichkeit bezeichnet wird. Es ist keine Unsterblichkeit des Physischen Körpers oder des Geistes, sondern einer Unerschöpflichen Quelle des Lebens selbst dessen Ausdruck wir sind.

Paradoxerweise wird das dann erfahren, wenn wir Kontrolle und Anhaftung loslassen und bereit sind das Leben – unser Leben – so zu nehmen, wie es ist. Im Mantra wird diese Bedeutung des Loslassens durch den KĂŒrbis (manche sagen es ist eine Gurke ;)) welche sich vom StĂ€ngel löst bildhaft dargestellt.

Soma, im Mantra als Amrit bezeichnet, ist der komplementĂ€re Aspekt von Agni und das kosmische Wasserprinzip. Es steht fĂŒr VerjĂŒngung, Sein lassen, Entspannung und Freude (Ananda)
Soma kommt dann ins Fließen, wenn wir den Griff der Gifte in uns lösen. Wenn wir den Zustand der Erstarrung, man könnte auch sagen der  „TodeskrĂ€fte“ durch die Kraft unserer Bewusstheit auflösen.
Wir bewegen uns vom Toten und Starren, mrityor, hin zu Verbindung, Fließen und Zulassen, mā’mritāt. (máč›tyor mukáčŁÄ«ya māmáč›tāt)

Agni und Soma sind so die elementaren Seiten des Heilungsprozesses auf allen Ebenen. Im Ayurveda sind es die 2 primÀren Heilmethoden als Langhana, (Reduzierung, Detox, Agni/Feuer) und Brimhana (StÀrkung, Aufbau, Tonisierung, Soma/Wasser)

Moksha

Das Tryambakam ist ein sogenanntes Moksha Mantra. Moksha heisst Befreiung und wird im Yoga als das höchste Ziel und die Kulminierung des Lebens betrachtet.
Befreiung von was?
Wie schon oben erwĂ€hnt, von den einengenden Vorstellungen ĂŒber uns selbst, dem Leben, dem Tod, den Giften in uns und dem ganzen Rest.
Es ist keine Freiheit jenseits des Lebens, das wir im Moment fĂŒhren.

Es ist die Freiheit, die entsteht, wenn wir unser Leben, mit allem was das bedeutet, annehmen und eins werden damit.

Jivanmukta

In einem vedantischen Text, der Jivanmukta Gita wird das so ausgedrĂŒckt:

 „Der Jiva ist Shiva/Rudra selbst. Er wohnt allen Wesen inne. Diejenige Person, die diese Wahrheit wĂ€hrend des Lebens zu erkennen vermag, wird „lebend befreit“ genannt.“
Jivanmukta Gita Vers 3


Die Dringlichkeit dessen ist keine Frage der persönlichen Wahl mehr, wenn man erkennt, d.h spĂŒrt, wieviel Leid Verstrickung und Identifikation mit dem eigenen separaten und abgekapselten Leben einhergeht. FĂŒr einen selbst, seine Mitmenschen und die Welt.

Das Tryambakam Mantra kann so eine wunderbare Erinnerung sein an die Notwendigkeit der Reinigung, der Heilkraft des Loslassens, der Akzeptanz von VerÀnderung und UnbestÀndigkeit und der Freude und Ekstase eines befreiten Lebens.

Om Namah Shivaya

 

  • om (à„) – kosmischer Urklang, Schwingung des Absoluten
  • tryambakaáčƒ (à€€à„à€°à„à€Żà€źà„à€Źà€•à€‚ ) – DreiĂ€ugiger Gott: Rudra/Shiva
  • yajāmahe (à€Żà€œà€Ÿà€źà€čà„‡ ) – ehren, opfern, meditieren ĂŒber
  • sugandhiáčƒ (à€žà„à€—à€šà„à€§à€żà€‚à€źà„ ) – wohlriechend
  • pushti (à€Șà„à€·à„à€Ÿà€ż) – wohlhabend, erfolgreich
  • vardhanam (à€”à€°à„à€§à€šà€źà„) – stĂ€rkend
  • urvārukamiva (à€‰à€°à„à€”à€Ÿà€°à„à€•à€źà€żà€” ) – wie ein KĂŒrbis/ Gurke
  • bandhanān (à€Źà€šà„à€§à€šà€Ÿà€šà„ ) – gebunden
  • mrityor (à€źà„ƒà€€à„à€Żà„‹) –  Tod, Serblichkeit
  • mukshÄ«ya (à€°à„à€źà„à€•à„à€·à„€à€Ż) – befreit, frei
  • mā’mritāt (à€źà€Ÿà€œà€źà„ƒà€€à€Ÿà€€à„) – gib mir Unsterblichkeit, Freude

mehr ĂŒber das Tryambakam Mantra

 Hier noch mehr ĂŒber Shiva
https://somayoga-freiburg.de/2021/03/shiva-das-grosse-mysterium-das-unbekannte-und-sat-chit-ananda/

Hier noch mehr ĂŒber Mantras:
https://somayoga-freiburg.de/heilkraft-des-klangs/

Shiva, das große Mysterium, das Unbekannte und Sat-Chit-Ananda

Shiva, das große Mysterium, das Unbekannte und Sat-Chit-Ananda

Om Namah Shivaya Gurave
Sat-Chit-Ananda Gurave
Nishprapanchaya Shantaya
Niralambaya Tejase

Anrufung an Shiva als das Absolute: unkonditioniertes Bewusstsein und Verkörperung von Sein, Wissen und GlĂŒckseligkeit. Immer frei und in Frieden, aus sich selbst heraus strahlend.

Shiva ist eine komplexe und vielfĂ€ltige Gottheit. Shiva steht fĂŒr die Quelle des Seins aus dem unmanifesten Transzendenten und Absoluten. Er ist die Gesamtheit der Existenz und des Lebens. Er ist das Licht in unserem Herzen, das uns in die Verbundenheit fĂŒhrt.

Er ist jenseits aller Form, die Quelle von Allem, gleichzeitig ist er in jeder Form als Lebenskraft und verborgene Essenz.
In der Hinduistischen TrinitĂ€t ist er der Zerstörer und Auflöser aller Formen und Manifestationen, er beherrscht die wilden KrĂ€fte der Natur, ist FlammentĂ€nzer, Schamanengott und Heiler, er ist Soma, der Nektar der Unsterblichkeit, er ist Mahadev, der große Gott, er ist der wohlwollende und GlĂŒckverheißende.

Das ist was sein Name bedeutet: GlĂŒcksverheißend, segensvoll.

Und natĂŒrlich wichtig fĂŒr alle Yogis: Shiva ist der erste Yogalehrer. Er steht fĂŒr die Möglichkeit der Transformation des Bewusstseins zu einem Erkennen der Einheit allen Seins.

Sein Fest ist Shivaratri;
Shivaratri bedeutet die Nacht (Ratri) Shivas und ist eines der wichtigsten religiösen Ereignisse in Indien mit Zeremonien, Pujas und Ritualen, welche die ganze Nacht dauern können.
Es wird im indischen Monat Phalghun (Februar oder MĂ€rz) in der dunkelsten Neumondnacht des Jahres gefeiert.

Diese Verbindung zur tiefen Nacht zeigt Shivas Geheimnis und die Transzendenz der normalen, sichtbaren, bekannten Welt.
Die Mondlose Nacht zeigt an das der Geist (Mond) in die Stille einer RealitÀt jenseits des Geistes eintritt. Es ist nicht die Nacht und Dunkelheit der Ignoranz, sondern die Dunkelheit des Unbekannten, welches in sich das höchste Licht und Wissen birgt.
Durch Entdecken dieses versteckten Lichts in uns erfahren wir VerĂ€nderung, FĂŒlle, Verbindung und Expansion

Shiva wird gesagt hat 3 Attribute von Sat (Sein) Chit (Bewusstsein) und Ananda (Freude)

SAT

Sat bedeutet Sein, Shiva als Sanskrit Ausdruck impliziert GlĂŒck, Frieden, Stille und ist das Prinzip des reinen Seins, Sat, hinter allen Erscheinungen. Als kosmisches Prinzip ist es die unwandelbare Wahrheit und ewige Quelle, aus der alles entsteht und wieder zurĂŒcksinkt.

Es ist das formlose Absolute jenseits aller VerÀnderung. Jenseits von Zeit, Raum, Ort, Name und Form, Handlung oder Resultat und RelativitÀt. Die ewige Wahrheit als Basis aller relativen und limitierten Wahrheiten.
Es ist die zugrundeliegende Einheit, die alles Leben in all ihren Formen hervorbringt und erhÀlt.
Auf unserer individuellen Ebene ist es unsere eigene innere Essenz, die eins ist mit aller Existenz und dem Leben.

Wir alle streben danach uns auszudehnen, zu lernen, zu entwickeln und grĂ¶ĂŸere Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Wir wollen uns als Teil eines grĂ¶ĂŸeren Lebensgewebe empfinden und Verbundenheit und ErfĂŒllung finden.

Im Yoga ist das nicht unbedingt eine Frage vom richtigen Wissen, mehr Information oder Selbstoptimierung oder der VerĂ€nderung der Ă€ußeren UmstĂ€nde, sondern eine Erforschung und Ausdehnung des Zentrums jeder Erfahrung: dem Ich.
Dem SelbstgefĂŒhl ein abgekapseltes Individuum zu sein in einer als außerhalb von mir empfundenen Welt.

Das stĂ€ndige selbstzentrierte Kreisen um mich selbst, meine Belange, mein Leben und meine BedĂŒrfnisse verhindert Beziehung und Verbindung zur Gesamtheit.

Die Techniken im Yoga bieten Möglichkeiten fĂŒr einen Prozess der VerĂ€nderung und Transformation, wodurch wir langsam das SelbstgefĂŒhl ausweiten um uns als Teil und Ausdruck des gesamten Lebens zu erfahren. Yoga bringt uns so nicht weg von der Welt in einen sorglosen Raum der Transzendenz, sondern hilft uns wieder zurĂŒckzufinden in die VitalitĂ€t und Lebendigkeit des gegenwĂ€rtigen Moments.

Alles Leben ist verbunden und nur möglich durch abhĂ€ngige Wechselbeziehungen. Alles hĂ€ngt miteinander zusammen als ein großer Organismus. Unsere menschliche Welt ist abhĂ€ngig von und verbunden mit aller nichtmenschlichen Welt.
Deshalb startet Yogapraxis oft mit dem Körper und dem Atem. Der Körper ist immer da. Wieder den Körper zu spĂŒren und zu achten ist der Beginn einer holistischen Achtsamkeit.
Laut Yoga und Ayurveda besteht der Körper aus vitalen Energien aus denen auch die Welt besteht: den 5 Elementen von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther.

Es wird gesagt der Körper besteht aus 80% Wasser. Kann ich wirklich mein Körperwasser trennen von den FlĂŒssen, Seen, dem Ozean oder dem Wasser in einem anderen Körper, sei es Mensch, Tier oder Pflanze? Kann ich die Luft, die ich einatme, wirklich trennen von der Luft um mich herum und sagen: das ist meine Luft?

Der Körper kann nicht wirklich von der ihn umgebenden natĂŒrlichen Welt getrennt werden, außer in meiner Vorstellung und meinem illusionĂ€ren Empfinden von Autonomie. Die Haltungen im Yoga rufen uns dazu auf wieder in Verbindung und Beziehung zu gehen mit den elementaren KrĂ€ften der Natur und der Erde. So gesehen ist die Welt von Körper, Atem und Geist untrennbar verflochten mit der grĂ¶ĂŸeren Welt und was sich darauf befindet und passiert.
Der Körper ist die Welt und Yogapraxis kann so zur Weltpraxis werden, oder gar Universumspraxis.
Wir erkennen uns in allem wieder.
Die Praxis, die wir Yoga nennen orientiert uns zu einer neuen Sichtweise und Wahrnehmung der RealitÀt. Von Trennung hin zu gegenseitiger Verflochtenheit, Verbindung und Einheit.
Ausschlaggebend fĂŒr diese BewusstseinsĂ€nderung ist der Geist

CHIT

Sein ist grundsÀtzlich bewusst und sogar selbstbewusst. Geist und Körper sind eine Einheit und eng verbunden.
Kosmologisch ist Chit das Licht- und Bewusstseinsprinzip vor dem Auftauchen von Subjekt und Objekt. Es ist das klare Licht der Existenz welches alles Sein beleuchtet und belebt. Yoga betrachtet Chit, Bewusstsein, als das eigentliche Licht hinter dem Geist. Es ist nur durch dieses Licht, das der Geist funktionieren und wahrnehmen kann.
Den Geist, im Sanskrit Chitta, zu klĂ€ren und ihn zu einem VerbĂŒndeten auf der inneren Reise zu machen ist enorm wichtig und eines der zentralen Themen im Yoga.
Unsere Lebenserfahrung hÀngt vorwiegend von unserem Geist, wie wir damit wahrnehmen und was wir darin tragen, ab.
Yoga und Ayurveda betrachtet den Geist als grundsĂ€tzlich natĂŒrlichen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten unterworfen, wie der Körper. Der Geist braucht die richtige Nahrung, muss sie gut verdauen können und unverdautes muss ausgeschieden werden. Der Geist braucht genauso Erholung und Heilung wie der Körper auch.

Achtsam zu werden mit was wir den Geist fĂŒttern ist elementar. Der Geist wird prinzipiell durch SinneseindrĂŒcke aufgebaut und erhalten durch meine inneren Dialoge, tiefen Überzeugungen und Konditionierungen.
Was nehme ich mit den Sinnen auf? Welche Gedanken trage ich in mir? Welche GefĂŒhle?
Wie sind SinneseindrĂŒcke, Gedanken und GefĂŒhle verbunden?
Wie funktioniert mein Geist, was sind seine Gewohnheiten, Reaktionsmuster und Mechanismen? Trage ich Ablehnung, Hass, Groll und Ärger in mir?

Was und wie möchte ich wirklich leben?
Mit dem Geist zu arbeiten heißt auch sich der Kraft der Aufmerksamkeit bewusst zu werden. Alles was ich beachte und ‚fĂŒttere‘ bekommt mehr Kraft und Energie.
Nur wenn ich die tiefen Schichten meiner unbewussten Intentionen erreiche kann ich mein Erleben jenseits von positivem Denken verÀndern.
HierfĂŒr nutzt das Yoga Pranayama, Mantra und Erforschung und das Setzen von elementaren Intentionen.
Voraussetzung fĂŒr Erforschung ist ein wertfreier Raum des Anerkennens und der Offenheit.

 

Meditation

In der Achtsamkeitsmeditation lernen wir wieder uns und unseren Geist zu beobachten, ohne zu reagieren. Wir schaffen einen wertfreien Raum von Offenheit fĂŒr egal wie sich jeder Moment zeigt.

So lernen wir langsam uns selber zu sehen, und anzunehmen, wie wir sind, mit all den immer gleichen Gedankensschlaufen, Selbstablehnungen, Wunden, Bewertungen, Neurosen und vergrabenen Kummer. Dadurch, dass wir erlauben alles zu sehen – und vor allem zu fĂŒhlen, verbinden wir uns mit dem Licht (Chit) und der Stille (Sat) hinter jeder Erfahrung.
Durch Selbstakzeptanz bringen wir wahres Verstehen, MitgefĂŒhl und positive Handlung in der Welt.
Meditation heißt dann nicht nur auf einem Kissen zu sitzen, sondern wir bringen diese Weite und Offenheit in den handelnden Alltag. Es fließt wieder mehr Energie und neue Lebenskraft wird erfahrbar.
Als grundlose Freude

 

Om Namah Shivaya - Der Innere Lehrer und Selbstakzeptanz

ANANDA

Ananda heisst Freude oder gar Ekstase durch die einfache Tatsache, dass wir alles erlauben zu spĂŒren. Die KapazitĂ€t des fĂŒhlens ist der Faktor, der uns mit der Tiefe und FĂŒlle des Lebens und Seins verbindet. Es ist keine Freude stimuliert durch Entertainment, Drogen, neuer Beziehung, Schokobrownies und sonstigen Kicks und Highs.
Ananda taucht auf, wenn wir bereit sind alles zu fĂŒhlen, nicht nur das Schöne, auch das schmerzvolle und schwierige und nichts ausweichen. So kann jede Erfahrung eine Möglichkeit fĂŒr Wachstum, Transformation, Freude und Gnade werden.

Ananda ist eng verbunden mit Zufriedenheit und Dankbarkeit und der FĂ€higkeit der Hingabe und des Fließens. Hingabe heißt, ich partizipiere vollstĂ€ndig ohne Widerstand im gegenwĂ€rtigen Moment, in dieser Erfahrung, dieser Begegnung, dieser Beziehung. Hingabe ist eine QualitĂ€t des Herzes; zu vertrauen, nicht einer Ă€ußeren Instanz, sondern einer empfundenen Kraft der Liebe als Basis des Lebens. Es ist der Ruf in uns das alte loszulassen und das Unbekannte, unlimitierte und Grenzenlose einzuladen, ohne welches unser Leben schal und unlebendig wird.

Shiva als das Unbekannte und Mysterium des Seins

Sein, Bewusstsein und die Freude Shivas ist schlussendlich das Geheimnis des Lebens selbst.
Wir alle sind Ausdruck eines mysteriösen und magischen Universum mit vielen Energien, KrĂ€ften und versteckten Dimensionen, die sich jeder Kategorisierung und jedem Verstehen entziehen. Wieder Staunen zu lernen ĂŒber die Ungreifbarkeit und GrandiositĂ€t dieser Existenz beginnt durch PrĂ€senz im Hier und Jetzt – und damit, jeden Atemzug und Moment in seiner nicht Definierbarkeit und Einzigartigkeit zu erleben.
In der Essenz ist jede Erfahrung frisch und neu.
Ist es nicht erstaunlich welche GefĂŒhle man fĂŒhlen kann, welche Gedanken man denken kann, das Spiel der Farben, die Varianten der GeschmĂ€cker, das immense Spektrum der Formen, die Kraft der Töne und KlĂ€nge, die IntensitĂ€t von BerĂŒhrung?
Wenn die Kontraktion- und Kontrollsucht des Ich sich ausreichend entspannt wird jede Erfahrung zu einer Entdeckung die uns ĂŒber die rein persönliche, gesellschaftliche und menschengemachte Welt hinausfĂŒhrt.

Schlussendlich, neben unseren ĂŒblichen WĂŒnschen und Bestrebungen in der vertrauten und bekannten Ă€ußeren Welt besitzen wir alle einen Drang die ungekannte grĂ¶ĂŸere RealitĂ€t in uns zu entdecken. Dieser Antrieb ist vielleicht die Grundlage wahrer Religion und SpiritualitĂ€t seit Anbeginn unserer Spezies.

Shiva erinnert uns daran, dass die Umwandlung unseres Bewusstseins und unseres Herzens durch ein zulassen des Unbekannten und des Nichtwissens passiert und die Schönheit des Lebens sich in einem undefinierten, endlosen Raum entfaltet. Niemand kann wirklich wissen was das Leben ist, aber wir können lernen vollstÀndig daran teilzuhaben und es Sein.
Darin, in uns, finden wir alles.
Und das ist mysteriöser und fantastischer als wir glauben.

Oder in den Versen der Shiva Samhita

„In diesem Körper ist Mount Meru,
die WirbelsÀule, umgeben von 7 Inseln
Es sind darin FlĂŒsse, Seen, Berge, Felder, und auch die Herren der Felder.

Es sind darin die Seher und Heiligen, all die Sterne und Planeten.
Es sind heilige Pilgerfahrten und heilige StÀtten,
und die Gottheiten der heiligen StÀtten darin.

Sonne und Mond, KrÀfte der Schöpfung und der Zerstörung
bewegen sich in ihm, genauso wie Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde!“

Alle Wesen, die in den 3 Weltebenen existieren findet man auch im Körper
um Mount Meru herum erfĂŒllen sie ihre jeweiligen Aufgaben

Aber normale Menschen wissen das nicht.
Jemand der das weiß ist ein Yogi – da besteht kein Zweifel

Shiva Samhita Kap.2 1-6

OM NAMAH SHIVAYA

 

Mahamrityunjaya Mantra mit Daisy & Ralf
Yoga & Religion – Ist Yoga Gottesdienst?

Yoga & Religion – Ist Yoga Gottesdienst?

Yoga & Religion
Ist Yoga Gottesdienst?

Ich werde nie die Antwort vergessen, die ich bekommen habe, als ich einen jĂŒngeren Mann nach seiner ersten Yogastunde gefragt habe wie die Erfahrung fĂŒr ihn war:

„Yoga ist wie eine Mischung aus Gottesdienst und Synchronschwimmen“

Wo er Recht hat hat er Recht. Besonders der Ausdruck „Synchronschwimmen“ wirft eine neue Perspektive auf Yoga. Aber auch eben Gottesdienst: Man spielt andachtsvolle Lieder (Mantren) rezitiert Litaneien (Chants) singt zusammen, fĂŒhrt rituelle Gesten aus, der Priester (Yogalehrer) hĂ€lt eine salbungsvolle Predigt und alle bewegen sich synchron zum choreografierten Ablauf.
SpÀtestens am Ende versenkt sich die Gemeinde in die Andacht Gottes. (Meditation, Shavasana)

Desweiteren höre ich immer wieder nach einer Yogastunde ekstatische Äußerungen wie: „göttlich“ „himmlisch“ oder „herrlich“, „Ich fĂŒhle mich total verbunden“, â€žĂŒberirdisch“

Wenn das keine klaren Indizien sind!

Laut Wikipedia definiert sich Gottesdienst so:
Ein Gottesdienst ist eine Zusammenkunft von Menschen mit dem Zweck, mit Gott in Verbindung zu treten, mit ihm Gemeinschaft zu haben


Na also. Obwohl, hier kommen wir vielleicht doch mit gewissen Schwierigkeiten in Kontakt. Die erste ist natĂŒrlich: Was meinen wir eigentlich mit Gott? Und wie treten wir mit ihm in Kontakt?

Schwieriger Gottesbegriff

Gott kann ja alles mögliche Bedeuten und dadurch fast schon wieder gar nichts. Den Begriff “Gott” scheinen viele verschiedene Gruppen, Camps, Religionen und Mannschaften, fĂŒr sich zu beanspruchen und auf ihre eigene Art und Weise exklusiv zu definieren. Es gibt dann einen christlichen, islamischen, evangelikalen, methodistischen, hinduistischen, atheistischen, theologischen, psychoanalytischen, und sonstigen Gottesbegriff; mit bestimmten „special features“, Attributen und Eigenschaften die eher auf eine soziale und kulturelle Funktion schließen lassen. Religion scheint so eher eine Möglichkeit der exklusiven Identifikation, Abgrenzung und empfundenen Sicherheit zu sein als der Verbindung. Die vielen Konflikte und Kriege im Namen Gottes und von Religionen sind leider ein trauriges Zeugnis davon.

Auch wenn man sich selbst als nicht religiös betrachtet, manche sagen dazu, sÀkular und modern, ist die Kraft und Tiefendimension der Gottesidee enorm und nicht zu ignorieren.

Als Yogalehrer kann man das manchmal merken und dosiert einsetzen, um eine dahinplĂ€tschernde Yogaklasse aufzupeppen und emotional interessanter zu gestalten: Ich lasse dann das Wort „Gott“ einfließen. Es ist erstaunlich:
Die Stimmung wird gleich prÀsenter und intensiver.

Trennung zwischen Gott und Schöpfung

Nicht nur auf der Ă€ußeren auch auf der inneren Ebene: die meisten der großen monotheistischen Religionen formulieren eine Trennung zwischen Gott und seiner Schöpfung (also uns und dem Leben hier auf der Erde). Die nach außen transportierte Geschichte geht ungefĂ€hr so: (es gibt noch eine innere, gnostische, aber lassen wir die mal beiseite)

Das Heilige ist irgendwo im Jenseitigen und Transzendenten und eine Verbindung kann nur durch ein befolgen bestimmter Regeln oder durch ein Bekenntnis zu einem auserwĂ€hlten Botschafter, bzw Sohn Gottes (Jesus z.b.) hergestellt werden. Irgendwie fand ich das schon immer verdĂ€chtig. Warum er und nicht ich? Was ist so speziell an Jesus? Er war ja Zimmermann – ein ehrbarer Beruf, aber das ist Bankkaufmann oder Yogalehrer auch. Und: Gott ist nicht hier und in mir, sondern irgendwo „da draußen“? Und nur durch den Glauben an einen bestimmten Gottmenschen, kann ich auch ein bisschen teilhaben? Und wenn ich mich dann zu einer bestimmten Gruppe bekenne, die das gleiche glaubt wie ich, bin ich Teil der Gemeinde. Die anderen sind angeschmiert, weil sie nicht das „richtige“ Glauben! Seltsame Geschichte.

Ich bin das – die Sichtweise des Yoga

Yoga negiert nicht unbedingt Religion, es ist selber verwoben mit einem religiösen Ausdruck, dem des Hinduismus. Allerdings: Yoga betrachtet die Verschiedenheit der Religionen und Gottesvorstellungen als Ausdruck einer tieferen zugrundeliegender Ebene der Einheit. So stoppt Yoga nicht auf der Ebene der Manifestationen d.h. der einzelnen Religionen, sondern nutzt diese um eine tiefere Dimension zu realisieren, die universell ist. Diese Dimension kann sich unterschiedlich, in im Prinzip unendlichen Möglichkeiten, zeigen:

Verschiedenheit in Einheit.
Einheit in Verschiedenheit.

Yoga kann man verstehen als ein praktischer Weg der Realisierung der Einheit.
Aber nicht der Einheit aller Religionen (ein seltsamer, libertÀrer Wunschgedanke meiner Meinung nach), Kulturen und Gruppen, sondern von Ebenen die auf gewisse Weise wichtiger, weil essentieller, sind als die Einheit der Religionen. (und falls uns Religionen nicht damit verbinden verfehlen sie ihren eigentlichen Zweck) Diese sind:

1. Einheit aller Menschen, jenseits aller Religionen, Kulturen, Rassen, Geschlechter, Ideologien und Glaubenssystemen.

2. der Einheit aller Lebensformen, als Tier, Pflanze, Erde, Mineralien


3. die Einheit allen Seins jenseits aller Dualismen wie Individuum und Kollektiv, Sein und Nichtsein, Transzendenz und Immanenz, Geist und Materie, Mikro und Makrokosmos.

Die QualitĂ€t die uns als Menschen diese Einheit spĂŒrbar vermittelt ist Liebe.
Falls Religionen das nicht vermitteln, jenseits aller Glaubensunterschiede, verfehlt sie ihre Aufgabe und wird zu einem Faktor fĂŒr Trennung und Spaltung.

Yoga geht ĂŒber Religion hinaus

Yoga selbst ist eine Tradition mit vielen verschiedenen Perspektiven und “Schulen”. Manche sind theistisch ausgerichtet und benutzen den Gottbegriff Ă€hnlich wie in der christlichen Sichtweise, andere wiederum kommen gĂ€nzlich ohne Gottesbegeriff aus. Generell werden im Yoga Unterschiede und Differenzierungen nicht abgelehnt, sondern als einzigartige ZugĂ€nge und Chancen begriffen. Religiöse Praktiken, wie Rituale, Beten, Singen etc können benutzt werden, sind aber nicht das Endziel. Das Ziel ist ein innerer Prozess der VerĂ€nderung, der Transformation des Bewusstseins und des Herzens. Damit etwas aufscheinen kann was schon immer da war. Unsere IdentitĂ€t mit der unergrĂŒndlichen Quelle allen Seins, der Quelle aller Liebe. Im Yoga als Shiva, Bewusstsein, Purusha und vielen anderen Namen ausgedrĂŒckt. Wir entdecken Jesus in uns – als uns!

Glauben ist dafĂŒr nicht genug, Es gibt auch keine Idee der Konvertierung zu einer bestimmten Religion oder Überzeugung durch ein Bekenntnis oder einem rein Ă€ußeren Ritus. Genauso wenig wie man zum Christen wird, nur weil man einmal in der Woche in der Kirche betet wird man zum Hindu, weil man einmal in der Woche eine Yogaklasse besucht und Om singt.

Es braucht die eigene individuelle Anstrengung und Bestrebung.
Eine spirituelle Praxis, eine sogenannte Sadhana. Es braucht das Feuer der Erforschung ohne Vorurteile. Ein „nach innen schauen“ um Shiva, das „Göttliche“ in uns zu entdecken und all das zu verbrennen was dem im Wege steht. Erforschen bedeutet eine Reise ohne fixiertes Ende. Ohne dogmatisches Festhalten an einer Vorstellung, Symbol oder einem bestimmten „Gott“. Das Objekt dieser Erforschung ist man selbst und kennt kein Ende. Das können wir heute machen. Jeder fĂŒr sich und zusammen.
Jetzt!

In diesem Sinne ist Yoga der wirkliche Gottesdienst indem es das Heilige dahin zurĂŒckbringt, wo es hingehört, nicht in die Kirchen, Moscheen und Tempel, sondern in uns, als uns: in unseren Körper, in die Natur, in jedes Ă€ußere Objekt, in jeden Moment, in jeden Atemzug, in jede Begegnung und Beziehung

Oder wie Pari, ein Musiker und Satsang Lehrer es so schön formulierte:

„Shiva (Gott) steckt in deiner Hose“

In diesem Sinne!

Hari Om Tat Sat
Ralf Schultz