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Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

Konzentration, Fokus und Japa Mala

Den Geist auszurichten und zu fokussieren ist eine der fundamentalen FĂ€higkeiten fĂŒr mentale ImmunitĂ€t, Selbstkontrolle und Willenskraft. Sie bestimmt schlussendlich erheblich die QualitĂ€t unserer Lebenserfahrung. Statt dem stĂ€ndigen mentalen und emotionalen auf und ab durch Ă€ußere oder innere Ereignisse hilflos ausgeliefert zu sein, bleiben wir verankert, ohne uns ablenken zu lassen.

Die Kraft der Aufmerksamkeit

Allerdings ist das oft leichter gesagt als getan. Aufmerksamkeit und die Mechanismen der Wahrnehmung sind eine komplexe Angelegenheit. Sicher ist: Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, bekommt mehr Kraft und wird Teil unserer Erfahrung. Deshalb ist es wichtig den Geist, d.h sich selbst, besser kennenzulernen und mehr Kontrolle ĂŒber die Aufmerksamkeit zu bekommen.
Nötig ist eine Kombination von vorurteilsfreier Erforschung und Introspektion und zielgerichteter VerÀnderung.
Neurophysiologisch ist unsere Aufmerksamkeit wie ein Spotlight, durch das unser Gehirn funktionell und auch physisch stĂ€ndig stimuliert und verĂ€ndert wird. Neuronale Strukturen bilden sich vorwiegend durch das was in unserem bewussten Fokus ist. Gleichzeitig ignoriert und verhindert dieses Spotlight das andere Inhalte und Informationen in unser Gehirn bzw Bewusstsein gelangen. Das ist ein sinnvoller Vorgang solange wir unser Spotlight positiv und kreativ nutzen. Aber nicht, wenn wir keine KapazitĂ€t haben den Fokus von dem zu lösen was negativ, schĂ€dlich und destruktiv auf uns wirkt, wie Ă€ngstliches GrĂŒbeln, zwanghaftes- und Suchtverhalten, brodelnder Groll oder ungesunde Obsessionen.
FĂŒr psychologische Heilung ist die FĂ€higkeit sich von dem zu lösen was verletzt und destruktiv ist und sich mit dem zu verbinden was hilft und heilt zentral.

Dieses Wissen ist fĂŒr die alten kontemplativen Traditionen der Menschheit nichts neues. Im Gegenteil, die KlĂ€rung und Heilung unseres Bewusstseins wird hier meistens als Voraussetzung fĂŒr jede Art von weiterer spiritueller Erkenntnis gesehen. Moderne Achtsamkeitspraxis, Neurowissenschaft und neue therapeutische AnsĂ€tze sowie das alte Wissen des Yoga ĂŒber die Natur des Geistes zeigen erstaunliche Übereinstimmungen und befruchten sich gegenseitig. TatsĂ€chlich kann man ohne weiteres die alten Yogis als die ersten Gehirn- und Achtsamkeitsforscher bezeichnen. Sie haben herausgefunden, wie man das eigene Bewusstsein durch VerĂ€nderung der Gehirnchemie positiv und dauerhaft verĂ€ndert. Achtsamkeitspraktiken mit Körper, Atem, Klang, Visualisierungen, Introspektion und Meditation, genauso wie Gebet und Ritual, resultieren in nachhaltigen VerĂ€nderungen von Einstellungen und Sichtweisen – und zeigen sich im Gehirn. Strukturell in einer StĂ€rkung und ‚Verdickung‘ des PrĂ€frontalen Cortex, desjenigen Gehirnareals das mit der Kontrolle der Aufmerksamkeit, der Handlungen und der Emotionen zu tun hat
und die Wirkung der Amygdala, des „Angstzentrums“ im Gehirn hemmt.
So wie ein Muskel bewegt und trainiert werden muss um stĂ€rker zu werden, muss auch unsere Aufmerksamkeit trainiert werden. Und dafĂŒr ist eine regelmĂ€ĂŸige Praxis und Übung (Sadhana) nötig, so dass sich der Geist von seinem ungesunden „default setting“ – der Fixierung auf das Negative – langsam verabschieden kann. Das ist kein Prozess von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, Geduld und Disziplin. Anders gesagt, es braucht eine VerĂ€nderung der Gewohnheiten durch eine Praxis, die uns hilft, Fokus und PrĂ€senz neu auszurichten.
Diese Praxis wird im Yoga Dharana genannt. Dharana kommt von der Wortwurzel ‚Dhri‘ und bedeutet stĂŒtzen, halten, tragen. Es ist im Raja Yoga System das sechste Glied von acht auf dem Weg den den Geist still werden zu lassen. Es bildet mit Dhyana (Meditation) und Absorbtion (Samadhi) die letzten 3 Stufen.

Das energetische Modell.

Das mentale Feld ist aus der Sicht des Yoga aufgebaut aus verschiedenen Ebenen von energetischen Schwingungen und Frequenzen. Die tiefsten Schichten sind unsere unbewussten Einstellungen, Überzeugungen, Werte und Ziele. Unsere bewusste Erfahrung mit all den Gedanken, Bewertungen, Einstellungen, GefĂŒhlen und Handlungen sind der erfahrbare Ausdruck von diesem tieferen Pool. Jede Erfahrung, die wir machen steuert zu diesem Schwingungsfeld bei – je nachdem wie bewusst wir die Erfahrung annehmen, verstehen und verdauen wachsen wir daran oder bestĂ€tigen und stĂ€rken die alten Programmierungen.  Wird eine Ereignis als Überforderung oder zu intensiv erfahren reagieren wir mit einer Stressreaktion bis hin zu Abspaltung der Erfahrung aus unserem Bewusstsein.
Es ist wichtig einerseits unseren Geist vor negativen, stresserzeugenden und traumatischen Erfahrungen zu schĂŒtzen und andererseits positive Ressourcen zu schaffen. Diese stĂ€rken die Resilienz des Geistes und wir können aus ihnen schöpfen, wenn die Zeiten herausfordernd werden. Die stĂ€rkste Schutz- und Widerstandskraft hat Liebe als Folge von Selbstakzeptanz und des GefĂŒhls des getragen- und eingebunden Seins in das Lebensgewebe. Die niedrigste Schwingung und Schutzkraft haben Hass, Neid und Groll.
Die VerĂ€nderung des Schwingungsfelds der tieferen Schichten des Geistes werden im Yoga mit verschiedenen Praktiken angestrebt. Eine der wichtigsten ist die Arbeit und Übung mit Klang (Mantra), Atem (Pranayama) Licht (Visualisierung, Symbol) und Hingabe.

Mantra

 „Man“: Geist
„Tra“: Mittel, Instrument

Mantras sind ein wichtiges Instrument im Yoga, um den Geist auszurichten, zu energetisieren, zu heilen und zu klÀren.
Mantrapraxis hat einen heilenden Effekt auf die zugrundeliegenden mentalen Muster und gibt dem Geist PlastizitĂ€t, AnpassungsfĂ€higkeit und Offenheit und prĂ€pariert ihn fĂŒr die Meditation.

Mantras helfen den Geist von seinen gewohnheitsmÀssigen und oft negativen repetitiven alten Gedankenmustern zu lösen und die ganze Psyche neu mit einem energetischen inneren Fluss zu revitalisieren.
Mantras sind so eine kraftvolle VerjĂŒngungstherapie fĂŒr Kopf und Herz.

3 Typen von Mantras kann man unterscheiden:

  1. Bija (Samen) Mantras:
    Z.B. Om, Shrim, Hum oder Hrim; sie wirken vorwiegend durch die innewohnende Klangvibration und haben eine tiefe Wirkung. Sie drĂŒcken fundamentale energetische KrĂ€fte und Prinzipien aus. OM z.B. ist die subtilste Vibration und die Basis aller Manifestation, es wirkt ausdehnend und öffnend, Hrim wirkt erwĂ€rmend und energetisierend (Sonne), Shrim kĂŒhlend und beruhigend (Mond), usw.
  2. Namen Mantras:
    Z.B. ‘Om Namah Shivaya’ oder ‘Om Namo Bhagavate’, angewandt vorwiegend im Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe, welches einen bestimmten Aspekt des Göttlichen bzw von archetypischen KrĂ€ften ausdrĂŒckt und auf unserer inneren Herzverbindung beruht.
  3. lÀngere Gebete, Hymnen und Anrufungen wie das Gayatri Mantra oder unterschiedliche Friedensmantras. (Lokah Samastah Sukhino Bhavantu z.B.) mit mehr wörtlicher Bedeutung, z.b. die Hanuman Chalisa

Diese Mantras schliessen sich nicht aus sondern können auch zusammen kombiniert werden. Allgemein drĂŒcken sie persönliche und kollektive Wahrheitsebenen aus die wir energetisch aktivieren und  mehr und mehr in unser Bewusstsein heben können. Und was so in unser Bewusstsein kommt und gestĂ€rkt wird, verĂ€ndert von innen heraus unser Leben.

Atem

Mantras können wunderbar mit dem Atem synchronisiert werden. Und wirken dadurch noch besser. Der Atem ist die einzige vitale Funktion, die wir willentlich beeinflussen können und ein Bindeglied zwischen Körper und Geist.
Es ist einer der wichtigsten TrĂ€ger von Prana (Energie) und liegt jedem Mantra zugrunde. Langsame und etwas tiefere Atmung spricht direkt den Vagusnerv an und den evolutionĂ€r alten Hirnstamm. Es beruhigt die Amygdala und aktiviert das parasympathische Nervensystem, welches unseren Organismus in einen Ruhemodus versetzt. Forscher haben jetzt auch herausgefunden das durch gleichmĂ€ĂŸige und bewusste Atmung die neuronale AktivitĂ€t des Gehirns in einen Gleichklang kommt und mehr geistige Klarheit daraus resultiert.

Japa Mala

Mantra und Atem sind also enorm potente Faktoren zur VerÀnderung und Stabilisierung unserer Aufmerksamkeit mit vielen positiven Wirkungen auf Körper und Geist.
Die alte Technik von Japa Mala ist wunderbar dafĂŒr geeignet. Dabei wird mit Hilfe einer Gebetskette das Mantra rezitiert. Wenn man dann noch alles mit dem Atem synchronisiert, haben wir Körper, Atem und Geist zusammengefĂŒhrt.
Traditionell haben die Malas (Gebetsketten) 108 Steine oder Perlen und fĂŒr jede Perle wird das Mantra rezitiert.
Z.b. kann man einatmen mit „Om Namah“, ausatmen „Shivaya“, dann zur nĂ€chsten Perle usw. Morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem zu Bett gehen ein paar Runden Japa Mala kann Wunder wirken.
Frage den Yogalehrer deines Vertrauens fĂŒr die genaue Technik 😉

Soma Dharana
‚Dhara‘ in Dharana heißt auch Fluss, Bewegung. Yoga ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Frage was mein Lebensfokus ist, wohin meine Lebensreise fließen soll.
Der Geist folgt natĂŒrlicherweise immer dem was ihm Zufriedenheit verspricht. Im Versuch zufrieden zu sein suchen wir meist ErfĂŒllung durch Ă€ußere Faktoren.
Soma ist FĂŒlle und Zufriedenheit, die ins Fließen kommt, wenn wir unser Leben darauf ausrichten dem zu folgen was unsere Seele braucht. Es ist der innere Impuls nach Wahrhaftigkeit den wir durch yogische Selbsterforschung und Transformation freilegen und der es uns ermöglicht einschrĂ€nkende Kontrolle loszulassen. Es ist die Anerkennung des Wunsches im innersten unserer Herzen nach Wahrheit, Freiheit und Licht und dessen Realisierung als das höchste Ziel im Yoga.
Yoga Dharana, ist deshalb nicht nur eine Frage der Anstrengung zur Verbesserung der eigenen Gesundheit oder zur persönlichen Heilung, wie wichtig diese auch ist, sondern immer getragen von einer ‚höheren‘ Motivation und Intention zum Wohle aller Wesen und der Erde.

Sind wir von dieser Motivation getragen dann wird jeder Moment, ob angenehm oder nicht zu einem Moment der FĂŒlle und Dankbarkeit, wĂ€hrend wir unabgelenkt und fokussiert unserem inneren Ruf folgen.

Om Namah Shivaya

Ralf Schultz

 

FĂŒlle leben – das Purnamadah Mantra

FĂŒlle leben – das Purnamadah Mantra

Feat. in yoga Aktuell – Mai 2021

ist FĂŒlle, dieses (hier) ist FĂŒlle, aus der FĂŒlle kommt FĂŒlle hervor. Wenn man von der FĂŒlle FĂŒlle nimmt, bleibt FĂŒlle ĂŒbrig. Das Purnamada Mantra ist ein Mantra aus der Isha Upanischad. Upanischaden sind mehr philosophisch orientierten Texte und erlĂ€utern den mantrischen Hauptkorpus, Samhita genannt, der Veden.
Die upanischadischen Texte sind relevant fĂŒr das Yoga, weil hier wichtige metaphysische und spirituelle Grundkonzepte des inneren Weges zur Befreiung beschrieben werden.

Die FĂŒlle des Lebens

Originaler Text

Das Purnamada Mantra

om
pĆ«ráč‡am adaáž„ pĆ«ráč‡am idaáčƒ ‘
pĆ«ráč‡Ät pĆ«ráč‡am udacyate /
pĆ«ráč‡asya pĆ«ráč‡am ādāya ‘
pĆ«ráč‡am evāvaƛiáčŁyate //

Jenes (Jenseits) ist FĂŒlle, dieses (hier) ist FĂŒlle, aus der FĂŒlle kommt FĂŒlle hervor. Wenn man von der FĂŒlle FĂŒlle nimmt, bleibt FĂŒlle ĂŒbrig.

Das Purnamada Mantra ist ein Mantra aus der Isha Upanischad.
Upanischaden sind mehr philosophisch orientierten Texte und
erlÀutern den mantrischen Hauptkorpus, Samhita genannt, der Veden.
Die upanischadischen Texte sind relevant fĂŒr das Yoga, weil hier wichtige metaphysische und spirituelle Grundkonzepte des inneren Weges zur Befreiung beschrieben werden.

Die Isha Upanishad ist kurz, in nur 18 Versen wird eines der fundamentalen Ideen der indischen SpiritualitĂ€t beschrieben und im Purnamadah Mantra poetisch und fast schon paradox ausgedrĂŒckt:
Die grundlegende RealitĂ€t ist FĂŒlle und diese ist, als Essenz, immer da (auch wenn wir sie selten wahrnehmen)
Oder anders ausgedrĂŒckt: die FĂŒlle, das Höchste, das vollstĂ€ndige, das Soma, ist immanent (im Herzen eines jeden Wesens) als auch Transzendent (im Formlosen, jenseits des Manifesten, das Absolute)
Es ist diesseits, im Hier und jetzt, als auch jenseits. Es ist ĂŒberall!
Und man kann nichts wegnehmen.

Das Mantra ist eine Erinnerung das alles immer und jederzeit vollstĂ€ndig und ganz ist. Diese Ganzheit und FĂŒlle von Moment zu Moment zu erfahren ist eines der Ziele des Yoga.

FĂŒlle und Mangel

Das könnte man auch als eine schöne Definition des Wortes Yoga verstehen:
Yoga ist der Zustand in welchem nichts fehlt.

Leider erfahren wir aber oft das Gegenteil: Mangel
Oft haben wir dieses MangelgefĂŒhl tief in uns.
Wir glauben wir sind unvollstĂ€ndig, sind nicht gut genug oder irgendetwas ist „falsch“ an uns. Irgendetwas fehlt. Ein existentielles GefĂŒhl der nagenden Leere, das wir versuchen so gut es geht zu stopfen.
Wir haben sogar eine ganze Zivilisation und Wirtschaftssystem auf der Kultivierung des Mangels aufgebaut. Und auf das Versprechen durch Konsum den Mangel zu beheben: Das nĂ€chste Produkt, der nĂ€chste (online-) Workshop, die nĂ€chste Beförderung, die nĂ€chste Yogaklasse, das nĂ€chste magische Mantra, das Ende des Lockdowns, noch mehr Wissen, mehr Geld, ein gemeinsames Kind, der nĂ€chste (Seelen-) Partner

dann


bin ich glĂŒcklich, erfĂŒllt und alles ist gut.
Wir schauen nach ErfĂŒllung und VollstĂ€ndigkeit in anderen limitierten Objekten, Menschen und ZustĂ€nden in der Hoffnung, dass unsere eigene empfundene Limitierung und das MangelgefĂŒhl dadurch beendet wird.
Aber nichts was limitiert und begrenzt ist kann uns erfĂŒllen.
Das ist ein bisschen, wie wenn man versucht Minus mit Minus zu addieren und dann ein Plus erwartet.
Das funktioniert nicht, ich habe es selbst probiert (und probiere es immer mal wieder, nur um sicherzugehen, haha ;))

Keine andere Person und kein anderes Objekt, keine Information und kein Status kann das fĂŒr uns erreichen.
Außer unser Bewusstsein transformiert sich. Und dann benötigen wir keine anderen Objekte, Menschen, Information, Gipfelerfahrungen und Status mehr, um unsere innere Leere zu fĂŒllen.
Das ist das Thema von Yoga: eine innere Transformation von empfundenen Mangel hin zum gelebten Überfluss und Reichtum.
In jedem Moment.

Alles gehört zusammen

Das wird nur funktionieren, wenn wir zuerst unsere eigene innere Spaltung ĂŒberbrĂŒcken – und die eigene innere FĂŒlle entdecken.
Wir mĂŒssen sozusagen das unbegrenzte und vollstĂ€ndige in und durch unseren limitierten Körper-Geist neu entdecken.
TatsĂ€chlich ist das einer der „Geheimnisse“ des yogischen Weges der Transformation:
Unser MangelgefĂŒhl, unsere inneren Verletzungen, Kontraktionen und Narben werden zur motivierenden Kraft, zum Brennstoff, ja, zur Voraussetzung fĂŒr das innere Feuer der Befreiung.

Das war eines meiner kleinen Erleuchtungserlebnisse mit einer meiner Lehrerinnen vor vielen Jahren. Wir, als SchĂŒler, saßen alle im Kreis und tauschten uns ĂŒber unsere Erfahrungen aus. Ich war wieder, wie so oft in der Zeit, am Hadern ĂŒber Gott und die Welt und besonders ĂŒber mein inneres GefĂŒhl des gespalten seins und dem GefĂŒhl des Mangels.
Ja, ich konnte erahnen das es Einheit gibt, allerdings nur wenn ich mich „gut“ fĂŒhlte, oder „offen“.
Sie sagte nur: „Bring es zusammen, das negative, das positive, die Leere und die FĂŒlle sind alles eins. Es gehört alles zusammen“
Und sie fĂŒhrte ihre beiden HandflĂ€chen zusammen wie fĂŒr den Namaste Gruss vor dem Herz. Mehr als ihre Worte war es diese Geste, die fĂŒr mich die Zeit zum Stillstand brachte.
Ein kleiner Satori Moment. FĂŒr einen Moment konnte ich die Wahrheit erkennen, auf die ihre Worte hindeuteten.

Die verborgene Schönheit des Unvollkommenen

In der japanischen Zen Tradition entwickelte sich im 16 Jhd. ein neues Ă€sthetisches Prinzip, das die Fehlerhaftigkeit in der Vollkommenheit hervorhebt. Kintsugi. Zerbrochene Keramiktassen und KrĂŒge wurden wieder zusammengeklebt. Die Bruchstellen wurden vergoldet. Nicht Makellosigkeit und Perfektion, sondern die verborgene Schönheit des Unvollkommenen wurde zum Ideal.  Und zum Ausgangspunkt der Kontemplation ĂŒber die Einfachheit und Vollkommenheit des Seins.

Können wir unsere BruchstĂŒcke, Verletzungen, GefĂŒhle des Selbstzweifels, des Mangels und der Einsamkeit, der Wertlosigkeit und Selbstablehnung annehmen und akzeptieren und erkennen das sie dazugehören?
Nur durch Akzeptanz und ein komplettes Loslassen in die Limitierung, der Unsicherheit und des Nichtwissens erfahren wir die zugrundeliegende FĂŒlle.

Und das erstaunliche passiert: wir sehen ĂŒberall simultan FĂŒlle und Limitierung als 2 Aspekte eines großen Ganzen.
GespĂŒrter Ärger koexistiert mit einem zugrundeliegenden Frieden.
Hitzige Eifersucht wird erfahren in einem Ozean von tiefer Akzeptanz.
Die jeweilige Erfahrung der Begrenzung wird ein bisschen transparenter, ein bisschen weniger dramatisch, ein wenig weniger Ablehnens wert.
Sie weicht einem faszinierenden Wundern und Staunen ĂŒber den Reichtum und der VielfĂ€ltigkeit der menschlichen Erfahrung in all ihren Facetten.
Durch Annehmen und dem vollstĂ€ndige Verkörpern unserer limitierten, unvollstĂ€ndigen, fehlerhaften und oft widersprĂŒchlichen limitierten Erfahrung der RealitĂ€t öffnet sich der Weg zu einer universellen, mehr vollstĂ€ndigen und umfassenderen Wahrheit in der alles Platz findet.

Oder wie manche Traditionen des Yoga betonen:
Wir sehen uns selber widergespiegelt in der unendlichen Vielfalt aller unterschiedlichen Lebensformen, von den Elementen der Natur bis hin zur kosmischen Ebene, gleichzeitig ist das „Ich“ das die Erfahrung macht, weder getrennt noch identifiziert damit. Es ist die Erfahrung und gleichzeitig frei davon.

Vielleicht ein bisschen so wie in Savasana, wenn wir bewusst tief in den Moment entspannen und unser „Ich“ fĂŒr wenige Momente sich selbst vergisst.
– eine ungemein stressreduzierende Erfahrung.

FĂŒlle heißt, dich selber In die Welt bringen

Im weiteren Verlauf fragt die Upanischad. Was ist besser: ein zurĂŒckgezogenes Leben der Meditation und Innenschau oder ein aktives Leben in der Welt?
Die Antwort? Keines davon, beides gehört zusammen. SpiritualitĂ€t muss gelebt und in die Welt gebracht werden, gleichzeitig wird das Leben selbst eine große Meditation.

Der Text geht sogar so weit zu sagen, dass die weltverneinenden, innenschauenden Yogis noch verlorener sind als die aktiv handelnden Menschen


„In dunkler Nacht leben jene, fĂŒr die alleine die Welt draußen real ist;
in noch dunklerer Nacht jene, fĂŒr die allein die Welt drinnen real ist.
Das erste fĂŒhrt zu einem Leben der Tat, das zweite zu einem Leben der Meditation.
Aber jene, die tÀtiges Handeln mit Meditation verbinden,
ĂŒberqueren das Meer des Todes durch tĂ€tiges Handeln
und gehen in die Unsterblichkeit ein durch die AusĂŒbung der Meditation.
So haben wir es von den Weisen vernommen“

 

(Isha Upanishad 9-11, Übersetzt von Eknath Easwaran, Goldmann Verlag)


Und in der Tat: Vor allem in unserer heutigen Zeit können wir uns die Flucht in eine nabelschauende schöne neue WohlfĂŒhl Yogawelt nicht leisten.
Die Welt braucht Menschen, die aus ihrer bewussten Verbindung zur eigenen FĂŒlle diese in die Welt bringen; als aktive Kraft der Verbindung, des MitgefĂŒhls, der Liebe und der Schönheit. Ein vollstĂ€ndiges partizipieren im gegenwĂ€rtigen Moment ohne Widerstand.

Wie genau es sich manifestiert ist abhĂ€ngig vom Individuum, dessen Berufung und Persönlichkeit. Jeder hat einen ganz eigenen, einmaligen und dadurch faszinierenden Weg und Ausdruck. Er kann nicht durch jemand anderen kommen. Und er kann vor allem nicht erdacht oder kopiert werden. Er entwickelt sich spontan aus dem eigenen Vertrauen heraus in die unsichere Leere (FĂŒlle) des nĂ€chsten Moments zu treten. Und zu bemerken das wir, egal wo wir hintreten, gehalten werden.

Jenseits von Copy & Paste
Langsam können wir so unseren eigenen Prozess achten und respektieren, was heißt, wir verlassen die innere „Copy & Paste“ Funktion und stehen auf eigenen FĂŒssen, finden unsere eigene Wahrheit, unseren eigenen Geist, auf dem Fundament von universeller Weite und FĂŒlle.
Und unser Ausdruck, geboren aus den geheilten Verletzungen und Narben der Vergangenheit, kommt dann aus einem fĂŒhlenden Herz das ekstatisch in der Gegenwart schlĂ€gt.

Rezitiere gerne als Praxis das Mantra morgens und abends. Als Erinnerung und StĂ€rkung deiner eigenen immer vorhandenen FĂŒlle, Kraft und Schönheit. SpĂŒre die zugrundeliegende immense Lebenskraft in jeder Zelle deines Körpers pulsieren und bemerke die gleiche Kraft in der Natur um dich herum, in den anderen Menschen, in allem!

Much love
 und natĂŒrlich Purna!
Ralf

 

 

Purnamadah Mantra Meditation mit Daisy & Ralf