Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

In der zeitschrift yoga Aktuell

Ausgabe Aug/Sept 2021

Wespenstiche

Übersetzung aus dem englischen von Nina Haisken, Yoga Aktuell

ES ist wieder passiert.

Ich bin von einer Wespe gestochen worden – und da ich in hohem Maße allergisch bin, brachte mir dies einen kurzen Aufenthalt auf der Intensivstation ein: den nunmehr dritten. Auf dem Nachhauseweg gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf, die ich hier mit dir teilen mochte.

Ja, es geht mir wieder gut. Die Kombination aus mitfühlender Fürsorge und Eiscreme sowie kostlichem Pflaumenkuchen von meiner Partnerin Daisy, zuvor ein arztlich verschriebener Cocktail hochwirksamer Chemikalien gegen den allergischen Schock, der durch meine Venen floss – all das hinterließ in mir ein Gefiihl entspannter Weite und eine angenehme Gedankenleere.
Nett… Vielleicht entspricht das der auf medizinischen Drogen basierenden Vorstellung von Erleuchtung des 21. Jahrhunderts? Aber mal ernsthaft: In Momenten wie diesen ist man trotz eines gewissen alternativen Lebensstils sehr dankbar fiir die moderne Medizin!

Es ist erstaunlich und interessant, zu erkennen und zu erfahren, dass man <lurch ein kleines Insekt, von dem man – zumindest im Sommer – standig umgeben ist, ster­ben kann (oder durch ein Virus, das sogar noch kleiner und gar nicht sichtbar ist), und dass man binnen eines einzigen, kurzen Augenblicks vollstandig die Kontrolle iiber ,,seinen“ Karper verlieren kann. Er macht plotzlich sein eigenes Ding, vielleicht stirbt er sogar! Und ,,man“, oder das so genannte ,,Ich“, hat überhaupt keinen Ein­fluss darauf.
Das Gleiche gilt fiir den Geist. Obwohl ich natiirlich Gedanken der Besorgnis hatte, erschienen sie mir weit weg, ohne Substanz und in keiner Weise ,,griffig“ bzw. geeignet, das, was da geschah, zu erklaren oder sinnvoll einzuordnen. Stattdessen war da eher die Wahrnehmung eines Feldes, das – man konnte sagen – eine Prasenz beinhaltete, die nicht naher spezifiziert war. Ich mi.isste dazu mal Ramana Maharshi fragen …

ES GIBT NICHTS ZU TUN

Auf eine eigenartige Art und Weise hatte dieses Erlebnis auch deshalb etwas entspannendes an sich, weil es in dieser Situation nichts zu tun, nichts zu verhindern oder zu andern gab. Die Wespe hatte gestochen, es war bereits geschehen – nun konnte ich mich nur noch dem ergeben, was immer auf mich zukommen wi.irde. Hingabe ist die einzige ,,Handlung“, die Frieden bringen kann. Die Zer­brechlichkeit des Lebens und die – aus einer gewissen Perspektive – auBerst nichtige Bedeutung des ,,Ich“ anzu­erkennen, ist eine Erfahrung, die Demut mit sich bringt. Es ist nun ma! so: Das Leben kann zu jedem Zeitpunkt ein plotzliches Ende finden, und ,,ich “ kann nichts dage­gen tun (ahnlich, wie ich auch nicht iiber meine Geburt

bestimmen konnte). All die glanzvollen Vorstellungen von zukünftigen Erfolgen, der Traum von Wohlstand, Bekanntheit oder Ruhm – oder von ,,spirituellem“ Voran­kommen – können innerhalb kürzester Zeit zerbrechen. Es gibt keinerlei Garantie – auch dann nicht, wenn man sich bemüht, gesundheitsbewusst, achtsam und mit guten Absichten zu leben, oder viel Yoga praktiziert und an die ,,richtigen“ Dinge wie Frieden, Liebe und Einheit glaubt. Das ist ein ziemlich beunruhigender Gedanke, mit dem wir uns für gewöhnlich nicht gerne beschäftigen, auch wenn wir tief im Inneren darum wissen.

Denn etwas in uns fragt sich, Bin ich etwa nicht das Zentrum des Universums? Der Fokuspunkt, das Wichtigste überhaupt? Schuldet mir das Leben nicht etwas? Glück, Freude, Gesundheit, Erfüllung meiner Wünsche; mindestens achtzig Jahre, in denen Nahrung, Unterkunft, Geld und ein so genanntes ,,gutes Leben“ gewährleistet sind, oder, sogar noch besser, ein spirituelles Leben, das hoffentlich mit der Erleuchtung belohnt wird?“ (Was auch immer Erleuchtung bedeutet – wir stellen sie uns in der Regel jedenfalls als Zustand vor, in dem sich alle Probleme auflösen und wir uns stets zutiefst erfüllt, glücklich und zufrieden fühlen).

Wespen sind für mich versteckte, wilde Zen-Lehrer. Sie sind eine gute Erinnerung daran, dass das Leben stets eine lebensbedrohliche Angelegenheit ist, und dass man nichts als selbstverständlich erachten darf. Das Einzige, was uns bleibt, ist der jetzige Moment – und irgendwie liegt, so kommt es mir vor,‘ gerade darin die Wurzel immenser Schönheit.

In den Worten des Dichters Wallace Stevens:

“Death is the mother of beauty; hence from her, Alone, shall come fulfilment to our dreams and our desires…” (1)

,,Der Tod ist die Mutter der Schönheit, folglich rührt von ihm allein die Erfüllung unserer Traume und unserer Wünsche her.“)

Der Anerkennung der unbeständigen und unergründlichen Natur des Lebens entspringen – wenn man es wagt, sich ihr zu öffnen – Dankbarkeit, Verbundenheit und Mitgefühl. Es ist schwierig, Dankbarkeit für etwas zu empfinden, wenn es fortwahrend sicher und stabil bleibt. Man nimmt es dann schnell als selbstverständlich hin, weil es ja ohnehin immer da ist. Etwas Beständiges nehmen wir als langweilig und starr wahr. Deshalb sind wir von unserem Leben auch zuweilen gelangweilt – wir bewegen uns tagaus, tagein gewohnheitsmäßig in den immer gleichen mental-emotionalen Konstrukten. Auch mit unserer Yogapraxis geschieht das, wenn wir sie nach einem sich stets wiederholenden Schema als weiteren Punkt in unseren durchgeplanten Tagesablauf einfügen. Oft handelt es sich dabei um nichts weiter als einen Versuch, am Status quo festzuhalten und erschreckenden Emotionen oder unterdrückte Gefühle in Schach zu halten.

DIE GEFAHR VON LANGEWEILE UND GLEICHGULTIGKEIT

 Langeweile als dauerhafte unterschwellige Grundstimmung ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass man den Kontakt zum Leben verloren hat. Sie ist ein Zeichen für eine Taubheit und eine Dumpfheit, aus denen Gleichgültigkeit entsteht. Doch wenn man gleichgültig ist, dann ist man mehr tot als lebendig. Und wenn man nicht aufpasst, dann verkauft man sich das leicht als spirituelle Haltung und nennt es Gleichmut. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!

Wenn man schon von ,,spirituell“ sprechen möchte, dann kann man einen Hinweis auf wachsende Spiritualität darin sehen, dass man lebendiger, empfindsamer und engagierter wird – man spürt mehr, nicht weniger. Und man nimmt alles intensiver wahr. Entweder kann man davor zurückschrecken und das Leben als schwierig und als im negativen Sinne überwältigend betrachten -als einen Kampf, der am Ende aussichtslos bleibt -, oder man kann Verantwortung übernehmen und die Gegebenheiten als Herausforderung annehmen, sie zu erforschen und das Beste daraus zu machen.

DIE EIGENE WAHRHEIT FINDEN

Und wahrhaftig: Uns auf das Nichwissen einzulassen, hält uns gesund und munter und offen für Veränderung – vermutlich empfehlen deshalb alle großen spirituellen und religiösen Traditionen das tiefe Kontemplieren der Unbeständigkeit des Lebens. Es kann Konzepte und mentale Verhaftungen aufbrechen und befördert den Geist aus seiner Komfortzone heraus. Es öffnet dich für dein eigenes Verständnis, für deine eigene Erleuchtung sozusagen. lndem wir zulassen, dass die Wahrheit des Augenblicks hervorleuchtet, trauen wir uns, unsere Vorstellungen davon loszulassen, wie etwas sein sollte – und wie wir sein sollten. In diesem Sinne wird der Geist zu einer leeren Tafel, unbeschrieben von unserem angehäuften Wissen und unseren mentalen Konstrukten.

Ironischerweise ändert sich dadurch auch unsere Wahrnehmung von (bzw. unser Bedürfnis nach) Spiritualität oder Religion, denn das Leben zeigt sich als etwas, das jenseits von bestimmten Namen, Etiketten oder dogmatischen Ideologien ist, an die sich der Geist klammert. In dieser Hinsicht könnte es eine gute Idee sein, sogar die Vorstellung zu hinterfragen, dass es in uns – wie viele spirituelle Traditionen sagen – eine ewige, unveränderliche, freie, wunderbare Essenz gibt; ebenso den von vielen Religionen in Aussicht gestellten Übergang in einen perfekten Himmel nach dem Tod.

Ich sage nicht, dass all das nicht wahr ist; vielleicht ist es vollkommen zutreffend. Aber wer weiß das ganz genau? Und wie kann man es herausfinden? Einfach nur zu glauben, was andere sagen, ist nicht genug. Es liegt an jedem von uns, selbst die Wahrheit herauszufinden – durch eigenes Bemühen und eigene Erforschung. Für diese Erforschung bedarf es des Einsatzes unseres ganzen Wesens mit Körper, Geist und Herz. Möglicherweise stellen wir dann fest, dass wir die Vorstellungen von etwas Ewigem als eine Flucht benutzen: als tröstliches Konzept, das uns in einer Art von Trance hält, weil wir uns vor dem fürchten, was unter diesem Filter zum Vorschein kommen konnte, wenn wir ihn wegnehmen.

YOGA ALS VERBINDUNG – AUCH MIT DER VERLUSTANGST

In der Regel können wir über das Trennungsleid der menschlichen Existenz, also über unsere Begrenzungen, Unsicherheiten und Ängste, nur dann hinauswachsen, wenn wir sie uns ansehen und es zulassen, sie zu spüren. Das bedeutet auch, dass wir uns mit dem Thema Tod konfrontieren und es tiefgehend reflektieren sollten. Zu einer Konfrontation damit kommt es zweifellos ohnehin für uns alle irgendwann. Wir können uns davon abzuschotten versuchen, indem wir das Thema verdrängen, oder wir können uns lernbereit dafür öffnen. Je früher wir Letzteres tun, desto besser. Das soll übrigens nicht heißen, dass ich mich selbst als furchtlos betrachte. Im Gegenteil: Ich hatte stets – und habe noch immer – eine offensichtliche Angst vor dem Sterben. Aber wenn ich sie mir genauer anschaue, handelt es sich dabei eher um Verlustangst oder um eine Angst vor dem Loslassen. lch habe Angst vor dem Verlust des Lebens, der geliebten Menschen, der liebgewonnenen Gefühle und Sinneseindrücke, der Sinnesfreuden. Und auch davor, die Person zu verlieren, in die ich so viel investiere: mich selbst. Es ist die Angst tief auf dem Grund des Daseins: die Angst davor, nicht mehr da zu sein.

Yoga wird oft als Mittel für Verbindung bezeichnet. Aber in Wahrheit ist er die Verbundenheit mit dem Lebendig sein, in welcher Form auch immer es erfahren wird – inklusive der Angst davor, es zu verlieren.

HINGABE

Wie wandelt man nun auf Messers Schneide? Auf der einen Seite der Abgrund von Tod und Ausradierung, auf der anderen Seite der Trost des uns Vertrauten? Indem man sich in Hingabe übt, also durch vollkommene Präsenz im jetzigen Moment. Das heißt: Du wirst geradezu zu diesem Moment, der in den nächsten Moment hineinstirbt – anders ausgedrückt, du wirst zu einem Dahinfließen. Zum Fluss des Lebens, der mit dir identisch ist und der stets auch den Tod beinhaltet. Hingabe öffnet uns für das Wunder der Lebendigkeit, das dich steuert (und nicht von dir gesteuert wird). Leben und Tod sind offenbar nichts weiter als zwei verschiedene Aspekte ein- und desselben. Sie gehören zusammen. Solange wir den Tod nicht als Teil des Ganzen akzeptieren, können wir das Leben nicht voll erfahren. Und solange wir es nicht wagen, uns dem Leben und auch dem Tod zu ergeben, leiden wir!

 

Wie das Tao Te Ching (Vers 40) sagt:

Wiederkehr ist die Bewegung des Tao fließen ist der Weg des Tao
Alle Dinge werden aus dem Sein geboren Das Sein wird aus dem Nicht-Sein geboren (2)

 

Die Zeiten, in denen wir leben, können mit all ihren Unwägbarkeiten und den damit einhergehen Sorgen und Ängsten ein großes Tor für echte Transformation hin zu mehr Bewusstheit, Integration, Verbundenheit und Liebe sein.

Erhöhte Bewusstheit kommt für gewöhnlich mit dem Erkennen ihrer Notwendigkeit – wenn wir also erkennen, dass wir der Wahrheit ins Auge blicken müssen, statt die Dinge nur als das zu betrachten, das wir gern darin sehen möchten. Und das geschieht meist dann, wenn wir Schwierigkeiten gegenüberstehen oder uns in einer Krise befinden.
Ich vermute, dass die Menschen zu früheren Zeiten eine viel schärfere Wahrnehmung für die Gefahren und Unsicherheiten des Lebens hatten, diese zugleich aber auch viel mehr akzeptiert haben. Man bedenke: Es gab z.B. keine Antibiotika, bereits eine einfache Wundinfektion konnte den Tod bedeuten. Wahrscheinlich waren sie in vielerlei Hinsicht viel bewusster und aufmerksamer, weil der Tod viel stärker Teil des Lebens war als heutzutage. Heute haben wir ein Virus (oder Wespen), und aus irgendeinem Grund meint jeder, das sei nicht fair, das sollte so nicht sein und sei in unserem hochtechnisierten Zeitalter beinahe ,,anachronistisch“.
Nun, vielleicht brauchen wir ab und an eine Erinne­rung daran, dass wir als Menschen sterbliche biologische Wesen und integraler Teil eines größeren Organismus namens Natur sind.

Diese Erkenntnis konnte sogar eine heilsame Wirkung auf unsere Annahme haben, dass alles unserer Kontrolle und unserem Kommando untersteht oder unterstehen sollte. In der Zwischenzeit gebe ich mich dem Genuss des eingangs erwähnten Pflaumenkuchens hin … und hoffe, dass die Wespen mir fernbleiben! •

 

  1. Aus: Sunday Morning, erschienen in der Sammlung Harmonium (1923)
  2. Deutsche Obersetzung basierend auf einer Obertragung ins Englische von Stephen Mitchell

 

Ralf Schultz ist Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg. Er integriert in seine Arbeit ldeen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen sowie moderne wissenschaftliche und psychologische Ansätze. Im Soma Yoga Studio bietet er seit vielen Jahren Yogalehrerausbildungen sowie Weiterbildungen in Ayurveda und Meditation an.

Wie kann man sein Immunsystem stärken? Entdecke die 10 besten Tipps der Yogis

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Feat. in yoga Aktuell

Mai 2021

WIE KANN MAN SEIN IMMUNSYSTEM STÄRKEN?

Originaler Text

Die gegenwärtige Corona Krise zeigt deutlich die Notwendigkeit und Dringlichkeit in vielen Bereichen umzudenken und neue alternative Wege der Prävention und Gesundheit zu gehen. Obwohl immer noch viele Menschen daran glauben, dass eine wissenschaftlich hochtechnologisierte Medizin uns retten wird, werden die Grenzen dessen und auch die Gefahren und Probleme, die damit einhergehen immer deutlicher. Vielen von uns wird bewusst, dass wir selber Wege finden müssen unsere Gesundheit und vor allem das Immunsystem zu stärken und das dafür eine alternative Sicht-und Denkweise nötig ist.

Yoga und Ayurveda können uns da viele wertvolle Tipps und Hinweise geben. Ganz allgemein entsteht Gesundheit, wenn wir in Harmonie mit unserer inneren und äußeren Natur leben und die Verbundenheit und das eingewoben sein in das organische Lebensgewebe erkennen. Das geht nur wenn wir mit den Kräften der Natur arbeiten, – d.h. mit unserem Körper und unserem Geist – und nicht gegen sie. Yoga und Ayurveda fordern uns zu einer ganzheitlichen und auch spirituellen Sicht auf den Menschen und was Gesundheit bedeutet auf. So ist Gesundheit nicht nur eine Frage von optimalen biochemischen Abläufen des Körpers, sondern inwieweit wir Balance, Harmonie und Integration von Körper, Geist, Emotionen, Seele und unserer Umwelt und sogar dem Kosmos erfahren.

Das erfordert unsere aktive Partizipation, den Willen zur Veränderung, Verantwortung und Einsatz. Nur eine Pille zu nehmen oder sich impfen zu lassen, um wieder „normal“ zu funktionieren reicht leider nicht.
Mehr Bewusstsein und Achtsamkeit für sich selbst ist oft die Voraussetzung, um langsam Veränderungen im eigenen Leben anzugehen, anstatt darauf zu warten das es andere für uns tun.

 

Ojas

Das optimale Funktionieren des Immunsystems ist abhängig von unserer Lebenskraft, der Kapazität für physische und mentale Ausdauer und Widerstandskraft und, sehr wichtig, die Freude, Fülle und Zufriedenheit, die wir im Leben erfahren. In der Terminologie des Yoga wird das auch Ojas genannt. Ojas ist die sublimierte, feinste Form des Wasser Elements und Basis für die Bildung aller Körpergewebe und des Nervensystems. Es ist sozusagen die gespeicherte vitale Kraft des ganzen Körpers aus der Essenz aller verdauten Nahrung, dem Wasser, der Luft, den Impressionen und Gedanken.

Prana, Tejas & Ojas
Ojas ist Teil einer Dreiheit subtiler Energien von Prana, Tejas und Ojas. Tejas ist die innere vitale Wärme und Strahlkraft die subtile Form des Feuer Elements welche Ojas als deren Brennstoff braucht.  Prana ist die vitale bewegliche Lebenskraft, die subtile Form der Luft und verantwortlich für Bewegung und Zirkulation welche nötig ist, um Ojas zu verteilen. Gleichzeitig braucht Prana als tiefere Grundlage die Stabilität und Verwurzelung von Ojas. Haben wir wenig Ojas fühlen wir uns ausgebrannt, kraftlos, nervös, erschöpft, negativ, ohne Antrieb und die Immunabwehr ist schlecht. Alles was wir Essen, fühlen, denken und tun kann Ojas stärken oder verringern. Ojas ist die Grundlage, das Lagerhaus und Ressource, die wir brauchen damit wir die Kapazität haben durch Schwierigkeiten und Herausforderungen hindurchzugehen und unser ganzes Wesen und Potenzial zu entfalten und auszudrücken. Haben wir genug Ojas besitzen wir innere Stabilität, Zufriedenheit, Kraft und Durchhaltevermögen. Wir sind wenig krank, positiv und erfahren das Leben als freudvoll und erfüllend.

Mentale Immunität
Während viele sich der Notwendigkeit der Körperlichen Fitness, Gesundheit und Resilienz bewusst sind ist aus yogischer Perspektive die mentale Immunität, unser geistiges Ojas fast noch wichtiger. Körperliche und geistige Immunität bedingen sich und sollten beide entwickelt werden. Aber wenn der Geist nicht von alten Mustern und Gedanken loslassen kann, getrübt ist von negativen Emotionen wie Angst, Groll und Schuld haben wir keine oder wenig mentale Abwehrkraft. Wir haben keine Resilienz gegen das Auf und Ab des Lebens und sind innerlich verwirrt und unklar. Unser Geist ist unfokussiert, leicht zu irritieren, überstimuliert und gefangen in unreflektierten Reaktionen. Wir werden unter Umständen leichter Opfer äußerer mentaler Pathogene in Form von extremen Meinungen, Ideologien, Verschwörungtheorien, existenziellen Zweifeln, Nihilismus oder sonstigen toxischen Einflüssen.

Hier ein paar Tipps und Gedanken für mehr körperliches und mentales Ojas

 

1. Viel an die frische Luft, Bewegung und Workout

Der Körper braucht Bewegung. Am besten in der Natur. Wir sind Natur und unser Organismus braucht die Verbindung zu den Elementen, der Erde, den Pflanzen, der Luft. Das erste was ich im Moment jeden Morgen mache ist ein kurzer Lauf. Das muss nicht lange sein. 10-20 min. Ein flotter Spaziergang funktioniert genauso. Angemessener Workout: Yogahaltungen, Tai-Chi, Qi Gong oder andere Bewegungsformen angemessen an die körperliche Verfassung. Die Körperarbeit des Yoga öffnet durch Dehnungen Blockaden in der Muskulatur und dem Faszialen Gewebe und bringt die Energie wieder ins Fließen. Ebenso kräftigt Yoga die Muskulatur, idealerweise ohne zu überfordern. Um die Resilienz des Körpers zu stärken braucht er Herausforderung und möglichst eine Auseinandersetzung mit vielen verschiedenen Reizen. Rückzug, die Entfremdung von der Natur, das Leben in klimatisierten Räumen, das Vermeiden von Keimen und Bakterien schwächen den Organismus. (Bitte beachten: Das ist keine Ermunterung ohne Maske herumzulaufen 😉

Aber wichtig: wenn man sowieso schon erschöpft, überreizt und ausgebrannt ist kann ein zu intensiver Workout – oder zu intensives Yoga – das noch verschlimmern. Hier braucht es oft zuerst tonisierende und stärkende Methoden, um die Energiereserven zu füllen oder sanfte Yogarichtungen wie Yin Yoga. Dann kann man anfangen leicht zu reinigen um dann Ojas, die Immunkraft gut aufzubauen. Dieser Hinweis ist auch in Bezug auf Pranayama (siehe unten) wichtig).  Yoga in Form einer täglichen Körperpraxis ist generell eine gute Form der Reinigung und viele Menschen kennen die wohltuende stressreduzierende und balancierende Wirkung am Ende eines Tages oder gehen einmal die Woche in einen (online-) Kurs. Gut ist es eine eigene regelmässige Praxis zu etablieren. Das muss nicht unbedingt lange sein. Ein paar Runden Sonnengruss am Morgen kann schon helfen den Tag besser zu starten.

Von den Asanas (Haltungen) entsteht
Stabilität in Körper und Geist,
Freiheit von Krankheiten und Leichtigkeit
 

Hatha Yoga Pradipika

In der Hatha Yoga Pradipika, ein Hatha Yoga Text aus dem vermutlich 14 Jhdt wird empfohlen zuerst den Körper durch sogenannte Kriyas (Reinigungshandlungen) zu reinigen, um Schlacken und Toxine aus den Geweben zu lösen (ähnlich wie Pancha Karma des Ayurveda). So wird der Körper und das Nervensystem fit, kräftig und flexibel gemacht für Asanas, Pranayama und Meditation. Obwohl manche der Praktiken zu intensiv und nicht leicht umzusetzen sind (und auch nicht empfehlenswert ohne kompetente Begleitung und den richtigen Kontext) können manche angepasst werden und haben eine gesundheitsfördernde und Immunstärkende Wirkung
Sehr gut, um die inneren Organe wie den Darm, die Leber und die Nieren zu stimulieren und zu reinigen sind z.b Nauli und Agni Sara, sowie Uddhiyana Bandha. Sie alle geben eine Art innerer Massage und lösen das fasziale Bindegewebe um und zwischen den Organen.

Ein Praxisvideo dafür seht ihr hier:

2. Richtig essen: natürlich und möglichst vegetarisch

Essen ist unser Hauptenergielieferant. Es ist die Basis für das Leben und wandelt die Nahrung in Energie um. Im Ayurveda ist die richtige Ernährung die wichtigste Medizin. Erst danach folgen andere Behandlungsformen.
Die Ernährung sollte möglichst nahrhaft, natürlich, leicht, gut verdaulich und angepasst an die jeweilige Konstitution sein. Möglichst wenig verarbeitet und idealerweise aus biologischem Anbau. Die vielleicht wichtigste Regel ist, nicht zuviel zu Essen. Ein Viertel des Magens sollten frei bleiben. Auch zu spätes Essen vor dem Schlafengehen ist nicht ideal.

Ziel ist ein ausgeglichenes Verdauungsfeuer, Agni. Wenn unsere Verdauung optimal funktioniert, alle Nährstoffe absorbiert und die Abfallstoffe gut eliminiert werden erfreuen wir uns normalerweise guter Gesundheit. Dabei wird nicht nur auf die Wirkung der Nahrung auf den Körper geachtet, sondern auch auf die Herkunft, die Verarbeitung und die Präsentation. Nahrung, die mit Liebe und Achtsamkeit gekocht wurde, ist immer zu bevorzugen! Die Farben und Gerüche des Essens sollten uns erfreuen und innerlich erheben. Am besten im Sitzen und in Stille und mit Fokus essen, ohne Ablenkung. Auf die Emotionen achten: Essen mit Stress oder negativen Emotionen ist schwer verdaulich und sollte vermieden werden. Außerdem sollte die Nahrung möglichst wenig Leid anderen Lebewesen und der Umwelt zufügen, weshalb grundlegend eine fleischlose Ernährung bevorzugt wird. Im yogischen Verständnis hat Fleisch eine träge machende, schwere Energie und verhindert den Fluss durch die feinstofflichen Energiekanäle (Nadis)

Gutes Wasser trinken:
Wichtig ist auch den Körper ausreichend mit hochwertigem Wasser zu versorgen. Ojas ist die feinstoffliche Essenz von Wasser. Und der Körper besteht zu 70% daraus! Softdrinks, Alkohol, zuviel Kaffee und Schwarztee besser vermeiden.

Kräuter und Gewürze
Sie sind voller Heilkräfte und können helfen subtilere Energien und Prozesse zu unterstützen. Kräuter und Gewürze müssen nicht unbedingt aus Indien kommen damit sie „ayurvedisch“ sind. Wichtig ist die Heilraft und Wirkung. Auch wir haben wunderbare Heilkräuter und ein altes Wissen darüber. Hier eine kleine Auswahl mit ayurvedischen und heimischen Kräutern:

Kräuter, um Ojas und das Immunsystem zu stärken: Amalaki, Shatavari, Ashwagandha, Bala, Süssholz, Koriander, Kamille, Petersilie, Kurkuma…
Kräuter für Zirkulation und Energie, Prana: Engelwurz, Guggul, Ingwer, Pfeffer, Ginseng
Kräuter zur Reinigung: Brennessel, Bärlauch, Aloe, Guduchi, Brahmi, Chlorella (Alge)

Mein Lieblingsgetränk abends ist eine wohltuende warme Reis- oder Mandelmilch mit einer Gewürzmischung aus Kardamon, Zimt und Ingwer im Verhältnis 1:2:2 Man kann auch etwas Kurkuma oder Ghee hineingeben. Sehr beruhigend und nährend! Wer sich mehr für Ernährung und den ayurvedischen Lebensstil interessiert dem sei unser Ayurveda Essentials Kurs empfohlen!

 

3. Richtig atmen – Atemübungen und bewusstes Atmen

Ojas ist die Grundlage auf der sich die bewegliche vitale Energie, Prana, entfalten und ausdehnen kann. Prana ist die vitale Kraft welche Bewegung und Ausdruck erlaubt. Prana nehmen wir durch Nahrung, Atem und die Sinne auf. Ein gewahr sein dafür, durch was wir Energie gewinnen oder verlieren und von welcher Qualität die verschiedenen „Energiequellen“ sind ist eine der nötigen Kompetenzen auf dem inneren Weg des Yoga. Einer der wichtigsten Träger von Prana ist unser Atem. Durch ihn haben wir das vielleicht wichtigste Werkzeug zur Heilung und zur Regulierung und Kontrolle der Energien und des Geistes. Atemübungen, Pranayamas, helfen, Stagnationen aufzulösen, den mental-emotionalen Körper zu reinigen und frische Energie (Prana) in unser System zu bringen. Der Atem ist außerdem das Bindeglied zwischen Körper und Geist. Achtsamkeit für den Atem entwickelt Achtsamkeit, Fokus und Präsenz, was heißt, der Geist wird wieder mit dem Körper verbunden und stabilisiert. So ist Pranayama im Yoga eines der Mittel, um Geist und Sinne zu beruhigen und auf die Meditation vorzubereiten.

Prana Vidya
Yoga ist die Wissenschaft von Prana Vidya, dem Wissen über Energie und wie ich sie kontrollieren und ausdehnen kann. Die 2 Hauptbewegungen von Ein-und Ausatem sind die 2 grundlegenden dualen Komponenten eines jeden Energiekreislaufs: Aufnehmen und Abgeben. Ähnlich wie beim Verdauen von Nahrung sollten beide in Balance sein. Frische Luft und Sauerstoff, frisches Prana wird aufgenommen, zu den Organen und in den ganzen Körper transportiert, verdaut, in Energie umgewandelt. Verbrauchtes, und Co2 wird abgegeben. Die Atemübungen arbeiten mit dem Atem, um bestimmte energetische Resultate zu erzielen: z.b. um zu reinigen, zu stimulieren und zu aktivieren, um zu beruhigen und zu kühlen oder um auszugleichen.

Kapalbhati ist eine schnelle aktive Atmung, die reinigt und stimuliert. Der Fokus ist auf dem Ausatmen.  Besonders gut morgens. Außerdem aktiviert es die inneren Organe und erzeugt einen Massageeffekt auf die Bauchorgane.

Die Wechselatmung balanciert und harmonisiert und hat einen ausgleichenden Effekt. Je nach persönlicher Konstitution kann man diese Atmung auch abends noch machen.

Bewusst atmen durch die Nase!
Das wichtigste ist vielleicht immer wieder den Atem bewusst zu vertiefen, und in den Bauch zu atmen. Das hat einen ausgleichenden Effekt auf das Nervensystem. Die Nasenatmung ist hierbei wichtig als ein Filter für Bakterien und andere Erreger. In einer wissenschaftlichen Studie wurde festgestellt das 11 Minuten langsame gleichmäßige Nasenatmung schon messbare positive Resultate erbringt: Dann startet der Organismus eine Art Wartungsprogramm. Beim Umschalten auf den Parasympathikus setzen biologische Reparaturmechanismen ein, es werden Zellschäden behoben und Energiereserven bereitgestellt. Die Ratio, die die Wissenschaftler empfehlen ist ca 4 Sekunden einatmen und 6 Sekunden ausatmen, eine geläufige Frequenz, die man in der Wechselatmung praktiziert.

Hier ein Pranayama Praxisvideo dazu zum Zuhause üben.  Am besten morgens, bevor man in den Tag geht!

4. Mentale immunität – die Kraft der Aufmerksamkeit!

Genauso wie der Körper braucht auch der Geist geeignete, gut zu verdauende Nahrung. Zu laute Musik, zu grelle Farben und zu viele künstliche Stimulierungen stören und irritieren den Geist. Auch der Geist braucht das richtige Training und immer wieder kleine Trainingspausen der Erholung und Regeneration. Durch das Internet und den Massenmedien nehmen wir ständig neue Informationen, auf die wir nicht mehr verdauen können, welche gleichzeitig aber eine Abhängigkeit erzeugen. Das Resultat ist ein Gefühl der Erschöpfung und Leere bis hin zu Depression. Polarisierungen und Spannungen nehmen auf kollektiver Ebene immer mehr zu und soziale Medien spielen eine erhebliche Rolle darin, auch wenn sie mehr das Symptom sind als die wirkliche Ursache. Die Ursache ist ein abgespaltenes entfremdetes Bewusstsein ohne Verbindung zur Gesamtheit.
(Hier ein Artikel von mir über dieses Thema)

Wir lassen zu, dass andere Menschen bestimmen was wir sehen, hören und schlussendlich denken. Wir werden zu einem Spielball politischer, sozialer und gesellschaftlicher Kräfte mit ihren eigenen Interessen und versteckten Intentionen. Unser Geist ist ständig aktiv, leicht abzulenken und wir lassen die Gedanken unreflektiert Amok laufen, ohne Kontrolle darüber zu haben. Wir sind leicht irritierbar und immer weniger fähig Kritik oder Konflikt auszuhalten und verlieren leicht die innere Ruhe und Zentriertheit.
Unsere Aufmerksamkeit ist unsere wichtigste Kraft. Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit legen bekommt auch Energie. Mit was wir uns innerlich beschäftigen bestimmt unsere Lebenserfahrung. Welche Gedanken tragen wir im Kopf herum? Was haben sie für eine Wirkung? Sind es unsere eigenen? Oder doch die vom letzten YouTube Video oder Facebook Post. Sind die Gedanken und Emotionen die ich auf täglicher Ebene erfahre und kultiviere positiv und aufbauend oder schwer verdaulich und negativ?
Alles was wir über die Sinne aufnehmen hat eine Wirkung und erschafft unsere Realität. Bewusstheit über die Kraft unserer Aufmerksamkeit und was wir in uns hinein lassen schafft mehr Wahlfreiheit. Uns mit natürlichen Eindrücken, Farben, Gerüchen und Geräuschen zu umgeben sind das beste Erholungsprogramm für Sinne und Geist.

Digitales Fasten,

In unserer Zeit von Social Media und zunehmender Digitalisierung ist es essentiell immer wieder auszuschalten und den Geist wieder leer werden zu lassen und mit möglichst natürlichen Eindrücken zu füttern. Auch wenn es durch die Pandemie noch schwerer fällt, oder beruflich schwierig ist auf das Internet zu verzichten.
Wir haben vor kurzem das für 3 Tage gemacht: Kein Internet, Computer oder Handy. Es war sehr aufschlussreich. Ein kleiner Bericht darüber und die Erkenntnisse hier von Daisy!

Wir planen das auch jeden Sonntag zu machen und morgens und abends zu meditieren. Wer beim digitalen Sonntagsfasten mit dabei sein möchte kann sich melden unter info@somayoga-freiburg.de und ihr bekommt weiter Infos

 

5. Meditation!

Ojas ist eine Kraft, die aus der Stille entsteht. Stille und Raum haben die größte Heilkraft. Der Geist ist in seiner Essenz still und weit. Meditation hilft uns diese natürliche Stille wiederzuentdecken. Durch Achtsamkeitsmeditation trainieren wir den Geist zu beobachten, ohne gleich impulsiv zu reagieren. Wir schaffen ein größeres Gewahrsein in dem jeder Impuls, jeder Gedanke, jede Emotion Platz bekommt. Aber wir beobachten nur, ohne einzugreifen, ohne zu bewerten. Und wenn wir bewerten bemerken wir das auch…und lassen wieder los. Durch Visualisierungen oder Mantra Meditation trainieren wir den Geist und fangen an eine gewisse Kontrolle zu bekommen welche Gedankenformen wir zulassen und welche nicht. Unser Geist wird flexibler und wir werden unabhängiger von den Gedanken, Meinungen und Sichtweisen anderer und lernen unseren eigenen direkten Erfahrungen und Wahrnehmungen zu vertrauen. Am besten ist es langsam eine eigene Praxis Zuhause etablieren. Morgens und abends ca 20 Minuten. Auch geführte Meditationen über MP3 (hier zum Beispiel) oder Gruppenmeditationen sind hilfreich. Aber auch immer wieder Raum schaffen, um nichts zu tun. Den Atem spüren, die Langeweile und die Stille. Beobachten und es aushalten, wenn nichts mehr flimmert und den Geist zu einer Reaktion stimuliert.

 

6. in Beziehung gehen, aber richtig!

Alles besteht in und aus Beziehung und Yoga ist grundlegend eine Praxis des In Beziehung Gehens. Mit seinem Körper, dem Atem, dem Geist, aber auch mit seiner Umgebung, anderen Menschen, der Natur. Es ist eine Bewegung hin zu mehr Beziehung und zu mehr Intimität mit dem Leben. Je mehr wir dieses eingebunden sein in Beziehung erleben umso mehr Ojas. Allerdings ist Beziehung auch potentiell gefährlich, weil es unsere Autonomie infrage stellt und unsere Verletzlichkeit deutlich macht. Viele von uns haben sich zum Schutz abgewandt und zurückgezogen, oft in der Kindheit oder durch traumatische Erlebnisse und haben Probleme sich voll und ganz auf Beziehung einzulassen. Sich langsam wieder für Beziehung zu öffnen kann ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess sein.
Nirgends so scheint es, wird das das Potenzial für Erfüllung und Glück oder tiefster Verletzung und Unglück deutlicher als im Thema Beziehung. Welche Qualität haben meine Beziehungen? Nur wenn die Beziehungen, die ich führe, respektvoll, liebevoll und ehrlich sind können sie nähren und erfüllen und Soma (Ojas) kann fließen.
Beziehungen zu anderen Menschen, besonders auch intime Beziehungen, bestimmen wie vielleicht kein anderer Faktor, ob ich mich geschätzt, geborgen und wertvoll oder das Gegenteil davon empfinde. Beziehungen sind der Spiegel, in dem ich mich selber erkennen kann. Anders ausgedrückt: Äußere Beziehungen sind Reflektionen einer inneren Beziehung zu mir selbst. Themen und Probleme, die in Beziehungen auftauchen sind immer, in der ein oder anderen Form auch die eigenen. Ich kann den Partner verantwortlich machen oder an mir arbeiten. Ich kann natürlich auch den Partner wechseln, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die gleichen Probleme in der ein oder anderen Form wieder auftauchen wie zuvor sind hoch.

Selbstakzeptanz
Solange ich für mich selbst nicht mein Herz öffnen und meine eigene Ganzheit erkennen kann, werden meine Beziehungen immer Hoffnungs- und Handelsbeziehungen sein auf der Suche nach Erfüllung durch den anderen. Und nicht wenige von uns glauben, dass der eine richtige Partner alle Probleme lösen würde und sind auf einer ewigen erschöpfenden Suche.

Deshalb: Zuerst braucht es die Reduzierung und Eliminierung von Selbstablehnung, Selbtshass, Selbstabwertung und Schuldgefühlen durch vollkommene Selbstakzeptanz. Nur dann wenn wir niemand anderen brauchen zur Selbstbestätigung, zum Schutz oder Erfüllung oder andersrum, als Feindbild um uns zu definieren, können wir uns für wahre Verbindung und Beziehung jenseits oberflächlicher Anziehung oder Ablehnung öffnen.

 

7. Verbundenheit und Gemeinschaft erfahren

Einer der wichtigsten fundamentalen Faktoren für Gesundheit und langes Leben ist das Gefühl von Verbundenheit und das eingebunden sein in etwas Größeres. In einer wissenschaftlichen Studie wurde herausgefunden, dass soziale Unterstützung und Integration größeren Einfluss auf die Gesundheit haben als Sport und Übergewicht!
(Social Science and Medicine10.2016/j.socscimed.2017.12.020.2018).
Je isolierter wir leben umso ungesünder. Gruppenzugehörigkeit gibt uns Identität und Sicherheit…und dadurch Gesundheit. Seine Gruppe und Community zu finden ist sehr wichtig! Yoga und Ayurveda limitiert diese Verbundenheit allerdings nicht nur auf eine bestimmte Gruppierung, sondern dehnt diese aus auf die Gesamtheit der Existenz.

      Vasudhaiva Kutumbakam

„Die ganze Welt ist meine Familie“. Dieses Zitat aus einer alten Yoga Upanischad deutet auf die tiefste, und heilsamste Art von Verbundenheit hin, welche die Yogis anstreben. Es ist eine Vision der Einheit, die sich in Vielheit ausdrückt. Es ist die Fähigkeit hinter den Unterschieden das Verbindende zu erkennen. Alles ist ein Ausdruck der gleichen Kräfte und als ein Organismus miteinander verbunden – und trägt in sich dieselbe Essenz. Wenn wir uns in allem widergespiegelt sehen, erkennen wir die verbindende, tragende Basis, die Wurzeln. Die Unterschiede sind wie die diversen Blumen und Früchte…auch wenn manche Bitter erscheinen  sind sie Teil einer geteilten Realität und Identität. So gesehen ist für den Yogi jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jede Umgebung seine Community. Trotzdem, oder gerade deshalb, weil die Welt ein bunter, herausfordernder und komplexer Ort ist, ist es wichtig sich mit den Menschen zu verbinden die die gleichen Werte und Ideale teilen damit diese wachsen und gedeihen können. Das ist auch die Idee von Sangha (Gemeinschaft) der spirituellen Traditionen. Gemeinsam Yoga zu praktizieren oder zu meditieren schafft ein unterstützendes Netzwerk und hilft motiviert zu bleiben. Gerade wenn man im Umbruch ist und Veränderungen angehen möchte ist diese Unterstützung wichtig. In diesen besonderen Zeiten von Lockdown und Kontakteinschränkungen brauchen wir ein Netzwerk der Gemeinschaft und das kann, wenn auch reduziert, über Zoom funktionieren!
Eines ist wichtig zu reflektieren: Gruppen und Gemeinschaften, ja ganze Gesellschaften, erzeugen eine Dynamik und Kraft die über das Individuum hinausgehen und gleichzeitig das Individuum formen und verändern. Es ist sicherlich sinnvoll genau hinzuschauen auf was man sich einlässt und mit wem man sich verbindet. Ausschlaggebend sind die Werte, Intentionen und Ziele hinter einer Gruppe oder Gemeinschaft.

 

8. Singen

Als Kinder haben wir das noch gewusst: Singen ist schön, verbindet und tut gut.
Singen ist wichtiger Bestandteil des traditionellen Yoga weil es eine direkte Wirkung auf unser Befinden und Nervensystem hat! Es beruhigt den Geist, klärt die Emotionen und hilft uns vom Kopf in das Herz zu sinken.
Besonders gemeinsam zu singen ist gesund. Mantra singen ist im Yoga oft eine Praxis des Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe. Dabei ist es nicht wichtig „schön“ oder „gut“ zu singen. Hauptsache man singt.
Durch Hingabe an den Klang, die Vibration, und das Wissen um die innere Bedeutung der Mantras können wir tief loslassen und positive Kraft schöpfen.
Mantras sind innere Wegweiser, die uns zu unserem Selbst führen können – zur Zeitlosigkeit in unserem Herzen!

Zusammen Singen  hat eine erwiesenermaßen heilsame Wirkung, es

  • unterstützt die Atemtätigkeit
  • stärkt das Herz
  • kurbelt die Darmaktivität an
  • bringt den Kreislauf in Schwung
  • reguliert den Blutdruck
  • erhöht die Sauerstoffsättigung im Blut
  • regt die Selbstheilungskräfte an
  • löst Verspannungen
  • sorgt für Ausgeglichenheit
  • baut Aggressionen ab
  • vertreibt Ärger und Stresssymptome
  • hebt die Stimmung
  • hält das Gedächtnis in Schuss
  • fördert die Konzentrationsfähigkeit
  • macht kontaktfreudiger und selbstbewusster.Schon nach dreißig Minuten Singen produziert unser Gehirn erhöhte Anteile von Beta-Endorphine, Serotonin und Noradrenalin. Stresshormone wie zum Beispiel Cortisol werden praktischerweise gleich mitabgebaut.

Bei Soma Yoga veranstalten wir regelmässiges Mantra Singen. Jeder kann mitmachen! Hier findet ihr die nächsten Termine!

 

9. Die richtigen Werte und Intentionen leben

Unsere Lebenserfahrung ist abhängig von unseren tieferen Überzeugungen und Intentionen. Diese sind meistens unbewusst. Sie zeigen sich in Form von Gedanken, Einstellungen, Überzeugungen aber auch Widerständen, Abneigungen und einfach in den Werten, die wir anstreben – und versuchen zu leben. Wir erfahren das Leben dann als bereichernd, wenn es Bedeutung und Sinn vermittelt und wir das Gefühl haben unser Leben hat Signifikanz für andere. Positive und verbindende Werte und Einstellungen wie Mitgefühl, Liebe, Teilen, Fürsorge, Emphatie machen uns und andere gesünder und lassen uns innerlich expandieren. Yoga basiert deshalb auf den sogenannten Yamas, Vorschläge ethischer Prinzipien für den Umgang mit uns und unserer Umwelt von Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, nicht stehlen, bewusster Umgang mit der Lebenskraft und Nicht horten.

Es ist gut sich zu fragen: Was und wie will ich Leben? Geht es nur um die Maximierung von dem eigenen Wohlstand, Sicherheit und Status? Was soll durch mich in die Welt kommen? Lebe ich mein eigenes Leben, oder passen ich mich den Erwartugen meiner Eltern oder der Gesellschaft an, mache Kompromisse und verleugnen meine innere Stimme? Übernehme ich Verantwortung über mein Leben oder gebe ich anderen oder den Umständen die Schuld das nichts vorangeht oder das ich leide? Geht es nur um mich und meine Bedürfnisse oder soll durch mich mehr Liebe, Harmonie, Mitgefühl und Verständnis zum Wohle aller in die Welt kommen? Bin ich bereit altes loszulassen, zu heilen und über mich selber hinauszugehen?
Für Werte, die uns verbinden, öffnen und wachsen lassen braucht es unsere aktive Unterstützung und Bereitschaft der Veränderung. Und den Mut dem ins Auge zu blicken was in uns verschlossen, abgekapselt und in einer Opferhaltung bleiben will. Yoga ist eine Aufforderung die eigene Selbstbezogenheit und Egozentrik zu erkennen und darüber hinaus zu gehen und universelle Werte von Mitgefühl & Verbindung zu leben. Das ist enorm befreiend – und gesund!

 

10. Wundern, Staunen und Nichtwissen zulassen!

Was bringt mir ein gesunder Körper, Reichtum oder viel Wissen wenn mein Herz verschlossen ist und ich die Fülle des Lebens nicht spüren kann? Einer der größten Kräfte des Universums ist Offenheit, loslassen und Hingabe. Zu erkennen und zu Staunen, das jeder Moment neu ist und es nichts festzuhalten gibt. Leben an sich ist grenzenlos und nicht zu erfassen. Zumindest nicht mit dem denkenden Geist. Obwohl vieles im Yoga darauf ausgelegt ist ein tieferes Gewahrsein und mehr Kontrolle über Körper, Atem und Geist zu bekommen ist schlussendlich die höchste Form der Kontrolle ein Loslassen davon. Ein hineinentspannen in die Stille, Akzeptanz und das Nichtwissen jenseits der Ambitionen unserer limitierten Selbstidentität.

Leben passiert jenseits von Ideen und Konzepten darüber. Bin ich da, präsent, gegenwärtig? Wenn ja, dann ist jeder Moment frisch, so wie er ist. Ohne Erklärung, Bewertung oder Rechtfertigung. Die Farben des Himmels, der Geruch der feuchten Erde, die Begegnung auf der Straße, der Geschmack des Cappuccinos sind so wie sie sind vollkommen ausreichend und erfüllend.

„Wenn alle Knoten des Herzens gelöst sind,
dann wird der Sterbliche Unsterblich“

Katha Upanishad

Der konditionierte Geist trennt, unterscheidet, hält fest, abstrahiert und macht alles kompliziert, das innere Herz ist das Symbol der ganzheitlichen fühlenden Erkenntnisfähigkeit und Einfachheit jenseits der Reaktionen und Anhaftungen des Geistes. Einfachheit bedeutet, die Dinge so zu sehen, wie sie sind ohne „Wissen“, ohne Ideen von gut oder schlecht und eigenen Präferenzen. Dann, sagen die Yogis, in diesem direkten Sehen fließt Soma, das höchste Ojas, und wir berühren etwas außerhalb der Grenzen von Zeit und Raum.

Das Herz, die Essenz im Yoga wird oft mit einer Höhle verglichen. Versteckt, geheim, dunkel und schwierig zu finden. Es ist das Mysterium des Unendlichen, Unaussprechlichen, ewigen und gleichzeitig die Quelle des Kosmos, der sich durch jeden von uns enthüllt. Im Hier und Jetzt. Es wird gesagt das Geheimnis des Herzens ist nur zu finden, wenn wir uns auf die Reise in die Dunkelheit und das Unbekannte machen um das versteckte und tiefste Licht des Bewusstseins darin zu entdecken.

Wie wollen wir diese Lebenszeit, die wir haben nutzen? Alleine die Tatsache das wir nur eine begrenzte Zeit hier zur Verfügung haben und sterblich sind (wie uns auch die gegenwärtige Pandemie zeigt), sollte uns motivieren auf die Suche zu gehen nach dem inneren Soma, dem Elixier des Lebens, dem wahren Quell von Gesundheit im Sinne des Yoga.

In diesem Sinne:

May all beings be happy
May all beings be healthy
May all beings find the right way to live
May all beings be free from suffering

Om shanti, shanti, shantih

Fülle leben – das Purnamadah Mantra

Fülle leben – das Purnamadah Mantra

Feat. in yoga Aktuell

Mai 2021

Die Fülle des Lebens

Originaler Text

Das Purnamada Mantra

om
pūrṇam adaḥ pūrṇam idaṃ ‚
pūrṇāt pūrṇam udacyate /
pūrṇasya pūrṇam ādāya ‚
pūrṇam evāvaśiṣyate //

Jenes (Jenseits) ist Fülle, dieses (hier) ist Fülle, aus der Fülle kommt Fülle hervor. Wenn man von der Fülle Fülle nimmt, bleibt Fülle übrig.

Das Purnamada Mantra ist ein Mantra aus der Isha Upanischad.
Upanischaden sind mehr philosophisch orientierten Texte und
erläutern den mantrischen Hauptkorpus, Samhita genannt, der Veden.
Die upanischadischen Texte sind relevant für das Yoga, weil hier wichtige metaphysische und spirituelle Grundkonzepte des inneren Weges zur Befreiung beschrieben werden.

Die Isha Upanishad ist kurz, in nur 18 Versen wird eines der fundamentalen Ideen der indischen Spiritualität beschrieben und im Purnamadah Mantra poetisch und fast schon paradox ausgedrückt:
Die grundlegende Realität ist Fülle und diese ist, als Essenz, immer da (auch wenn wir sie selten wahrnehmen)
Oder anders ausgedrückt: die Fülle, das Höchste, das vollständige, das Soma, ist immanent (im Herzen eines jeden Wesens) als auch Transzendent (im Formlosen, jenseits des Manifesten, das Absolute)
Es ist diesseits, im Hier und jetzt, als auch jenseits. Es ist überall!
Und man kann nichts wegnehmen.

Das Mantra ist eine Erinnerung das alles immer und jederzeit vollständig und ganz ist. Diese Ganzheit und Fülle von Moment zu Moment zu erfahren ist eines der Ziele des Yoga.

Fülle und Mangel

Das könnte man auch als eine schöne Definition des Wortes Yoga verstehen:
Yoga ist der Zustand in welchem nichts fehlt.

Leider erfahren wir aber oft das Gegenteil: Mangel
Oft haben wir dieses Mangelgefühl tief in uns.
Wir glauben wir sind unvollständig, sind nicht gut genug oder irgendetwas ist „falsch“ an uns. Irgendetwas fehlt. Ein existentielles Gefühl der nagenden Leere, das wir versuchen so gut es geht zu stopfen.
Wir haben sogar eine ganze Zivilisation und Wirtschaftssystem auf der Kultivierung des Mangels aufgebaut. Und auf das Versprechen durch Konsum den Mangel zu beheben: Das nächste Produkt, der nächste (online-) Workshop, die nächste Beförderung, die nächste Yogaklasse, das nächste magische Mantra, das Ende des Lockdowns, noch mehr Wissen, mehr Geld, ein gemeinsames Kind, der nächste (Seelen-) Partner…
dann…

bin ich glücklich, erfüllt und alles ist gut.
Wir schauen nach Erfüllung und Vollständigkeit in anderen limitierten Objekten, Menschen und Zuständen in der Hoffnung, dass unsere eigene empfundene Limitierung und das Mangelgefühl dadurch beendet wird.
Aber nichts was limitiert und begrenzt ist kann uns erfüllen.
Das ist ein bisschen, wie wenn man versucht Minus mit Minus zu addieren und dann ein Plus erwartet.
Das funktioniert nicht, ich habe es selbst probiert (und probiere es immer mal wieder, nur um sicherzugehen, haha ;))

Keine andere Person und kein anderes Objekt, keine Information und kein Status kann das für uns erreichen.
Außer unser Bewusstsein transformiert sich. Und dann benötigen wir keine anderen Objekte, Menschen, Information, Gipfelerfahrungen und Status mehr, um unsere innere Leere zu füllen.
Das ist das Thema von Yoga: eine innere Transformation von empfundenen Mangel hin zum gelebten Überfluss und Reichtum.
In jedem Moment.

Alles gehört zusammen

Das wird nur funktionieren, wenn wir zuerst unsere eigene innere Spaltung überbrücken – und die eigene innere Fülle entdecken.
Wir müssen sozusagen das unbegrenzte und vollständige in und durch unseren limitierten Körper-Geist neu entdecken.
Tatsächlich ist das einer der „Geheimnisse“ des yogischen Weges der Transformation:
Unser Mangelgefühl, unsere inneren Verletzungen, Kontraktionen und Narben werden zur motivierenden Kraft, zum Brennstoff, ja, zur Voraussetzung für das innere Feuer der Befreiung.

Das war eines meiner kleinen Erleuchtungserlebnisse mit einer meiner Lehrerinnen vor vielen Jahren. Wir, als Schüler, saßen alle im Kreis und tauschten uns über unsere Erfahrungen aus. Ich war wieder, wie so oft in der Zeit, am Hadern über Gott und die Welt und besonders über mein inneres Gefühl des gespalten seins und dem Gefühl des Mangels.
Ja, ich konnte erahnen das es Einheit gibt, allerdings nur wenn ich mich „gut“ fühlte, oder „offen“.
Sie sagte nur: „Bring es zusammen, das negative, das positive, die Leere und die Fülle sind alles eins. Es gehört alles zusammen“
Und sie führte ihre beiden Handflächen zusammen wie für den Namaste Gruss vor dem Herz. Mehr als ihre Worte war es diese Geste, die für mich die Zeit zum Stillstand brachte.
Ein kleiner Satori Moment. Für einen Moment konnte ich die Wahrheit erkennen, auf die ihre Worte hindeuteten.

Die verborgene Schönheit des Unvollkommenen

In der japanischen Zen Tradition entwickelte sich im 16 Jhd. ein neues ästhetisches Prinzip, das die Fehlerhaftigkeit in der Vollkommenheit hervorhebt. Kintsugi. Zerbrochene Keramiktassen und Krüge wurden wieder zusammengeklebt. Die Bruchstellen wurden vergoldet. Nicht Makellosigkeit und Perfektion, sondern die verborgene Schönheit des Unvollkommenen wurde zum Ideal.  Und zum Ausgangspunkt der Kontemplation über die Einfachheit und Vollkommenheit des Seins.

Können wir unsere Bruchstücke, Verletzungen, Gefühle des Selbstzweifels, des Mangels und der Einsamkeit, der Wertlosigkeit und Selbstablehnung annehmen und akzeptieren und erkennen das sie dazugehören?
Nur durch Akzeptanz und ein komplettes Loslassen in die Limitierung, der Unsicherheit und des Nichtwissens erfahren wir die zugrundeliegende Fülle.

Und das erstaunliche passiert: wir sehen überall simultan Fülle und Limitierung als 2 Aspekte eines großen Ganzen.
Gespürter Ärger koexistiert mit einem zugrundeliegenden Frieden.
Hitzige Eifersucht wird erfahren in einem Ozean von tiefer Akzeptanz.
Die jeweilige Erfahrung der Begrenzung wird ein bisschen transparenter, ein bisschen weniger dramatisch, ein wenig weniger Ablehnens wert.
Sie weicht einem faszinierenden Wundern und Staunen über den Reichtum und der Vielfältigkeit der menschlichen Erfahrung in all ihren Facetten.
Durch Annehmen und dem vollständige Verkörpern unserer limitierten, unvollständigen, fehlerhaften und oft widersprüchlichen limitierten Erfahrung der Realität öffnet sich der Weg zu einer universellen, mehr vollständigen und umfassenderen Wahrheit in der alles Platz findet.

Oder wie manche Traditionen des Yoga betonen:
Wir sehen uns selber widergespiegelt in der unendlichen Vielfalt aller unterschiedlichen Lebensformen, von den Elementen der Natur bis hin zur kosmischen Ebene, gleichzeitig ist das „Ich“ das die Erfahrung macht, weder getrennt noch identifiziert damit. Es ist die Erfahrung und gleichzeitig frei davon.

Vielleicht ein bisschen so wie in Savasana, wenn wir bewusst tief in den Moment entspannen und unser „Ich“ für wenige Momente sich selbst vergisst.
– eine ungemein stressreduzierende Erfahrung.

Fülle heißt, dich selber In die Welt bringen

Im weiteren Verlauf fragt die Upanischad. Was ist besser: ein zurückgezogenes Leben der Meditation und Innenschau oder ein aktives Leben in der Welt?
Die Antwort? Keines davon, beides gehört zusammen. Spiritualität muss gelebt und in die Welt gebracht werden, gleichzeitig wird das Leben selbst eine große Meditation.

Der Text geht sogar so weit zu sagen, dass die weltverneinenden, innenschauenden Yogis noch verlorener sind als die aktiv handelnden Menschen…

„In dunkler Nacht leben jene, für die alleine die Welt draußen real ist;
in noch dunklerer Nacht jene, für die allein die Welt drinnen real ist.
Das erste führt zu einem Leben der Tat, das zweite zu einem Leben der Meditation.
Aber jene, die tätiges Handeln mit Meditation verbinden,
überqueren das Meer des Todes durch tätiges Handeln
und gehen in die Unsterblichkeit ein durch die Ausübung der Meditation.
So haben wir es von den Weisen vernommen“

 

(Isha Upanishad 9-11, Übersetzt von Eknath Easwaran, Goldmann Verlag)


Und in der Tat: Vor allem in unserer heutigen Zeit können wir uns die Flucht in eine nabelschauende schöne neue Wohlfühl Yogawelt nicht leisten.
Die Welt braucht Menschen, die aus ihrer bewussten Verbindung zur eigenen Fülle diese in die Welt bringen; als aktive Kraft der Verbindung, des Mitgefühls, der Liebe und der Schönheit. Ein vollständiges partizipieren im gegenwärtigen Moment ohne Widerstand.

Wie genau es sich manifestiert ist abhängig vom Individuum, dessen Berufung und Persönlichkeit. Jeder hat einen ganz eigenen, einmaligen und dadurch faszinierenden Weg und Ausdruck. Er kann nicht durch jemand anderen kommen. Und er kann vor allem nicht erdacht oder kopiert werden. Er entwickelt sich spontan aus dem eigenen Vertrauen heraus in die unsichere Leere (Fülle) des nächsten Moments zu treten. Und zu bemerken das wir, egal wo wir hintreten, gehalten werden.

Jenseits von Copy & Paste
Langsam können wir so unseren eigenen Prozess achten und respektieren, was heißt, wir verlassen die innere „Copy & Paste“ Funktion und stehen auf eigenen Füssen, finden unsere eigene Wahrheit, unseren eigenen Geist, auf dem Fundament von universeller Weite und Fülle.
Und unser Ausdruck, geboren aus den geheilten Verletzungen und Narben der Vergangenheit, kommt dann aus einem fühlenden Herz das ekstatisch in der Gegenwart schlägt.

Rezitiere gerne als Praxis das Mantra morgens und abends. Als Erinnerung und Stärkung deiner eigenen immer vorhandenen Fülle, Kraft und Schönheit. Spüre die zugrundeliegende immense Lebenskraft in jeder Zelle deines Körpers pulsieren und bemerke die gleiche Kraft in der Natur um dich herum, in den anderen Menschen, in allem!

Much love… und natürlich Purna!
Ralf

 

 

Identifikationen tranzendieren – Yoga Aktuell feat. Ralf Schultz Dez. 2020

Identifikationen tranzendieren – Yoga Aktuell feat. Ralf Schultz Dez. 2020

Feat. in yoga Aktuell

Dez 2020

Indentifikationen Tranzendieren - Originaler Text

Yoga - und die destruktive Kraft der Identifikation

Yoga Aktuell Dez 2020

Yoga
und die destruktive Kraft der Identifikation
oder: Warum in jedem von uns ein Rassist schlummert

Yoga als Begriff deutet auf etwas hin was über Kultur, Namen, Geschlecht, Gruppenidentität, Nation, Rasse, Ideologie, Idee und Konzept hinausgeht. Es ist die Erkenntnis dessen, was all die individuellen Ausdrucksformen, Lebensformen und Manifestationen hervorbringt, verbindet und erhält.
Wie viele wissen, Verbindung oder Einheit ist eine der geläufigen Definitionen des Wortes Yoga.
So wie eine individuelle Welle, obwohl einzigartig, in ihrer Essenz immer Wasser bleibt und somit den Ozean in sich trägt. Oder wie Inseln im Ozean durch den Meeresgrund miteinander verbunden sind. Was man sieht sind die individuellen Inseln aber nicht die zugrundeliegende Verbindung oder gar die Identität mit einer fundamentalen Realität.
Je nach Kultur, Zeit und Tradition wurde diese Ebene, dieses Einheitsprinzip unterschiedlich ausgedrückt: Essenz, Leben, Liebe, Bewusstsein, Gott, Shiva, Kali, Wakan Tanka, Selbst, Quantenfeld, Shunya, Purusha, etc…

Wir alle, oder zumindest diejenigen von uns die sich mit Yoga oder Spiritualität beschäftigen, haben diese Worte schon gehört. Aber wie machen wir aus diesen Worten, Ideen und Konzepten eine gelebte Realität?

Manchmal wird gesagt, diese Essenz wird im Herzen erkannt.
Nicht Herz im Sinne von Emotionalität, eher als Ausdruck und Symbol einer inneren ganzheitlichen Erkenntnisfähigkeit, die den Intellekt weit übersteigt.
Wie hier aus einer alten Schrift, der Mundaka Upanishad:

“Hell, aber verborgen wohnt das Selbst im Herzen.
Alles was sich bewegt, atmet, öffnet und schließt,
lebt im Selbst. Es ist die Quelle der Liebe
und mag durch die Liebe erfasst werden,
aber nicht durch das Denken”

Yoga geht in diesem Sinne weit über verschiedene Stile, Lehren, Tradition, Sichtweisen, spirituelle Systeme oder Praktiken hinaus, obwohl es diese natürlich nutzt. Es bezieht sich auf die grundlegende Identität der individuellen „Welle“ mit dem Ozean, mit der Gesamtheit.
So gesehen ist jede Manifestation egal auf welcher Ebene und egal welche Form der Realität sie annimmt ein Ausdruck einer größeren Verbundenheit. Soziale und politischen Aspekte sind keineswegs außerhalb dessen, was wir als Thema von Yoga bezeichnen können. Schlussendlich kann jede Art von Erfahrung, die wir von Moment zu Moment machen, ein Zugang sein, durch den wir Yoga erfahren können. Oder anders ausgedrückt: jeder Moment
ist die einzige Möglichkeit Yoga zu erfahren und die wahrgenommene Trennung zwischen mir und der Welt aufzulösen.

Yoga als Weg der Erforschung Irgendwann müssen wir deshalb auch die Trennung zwischen „Yoga“ – oder meiner Yogapraxis -und dem Rest des Lebens hinterfragen und so unsere Sicht auf Yoga erweitern.

Was hilft mir die schönste Yogapraxis, wenn dabei mein Herz verschlossen bleibt und sich innerlich nichts verändert? Wenn sich weiter alles nur um mich dreht, und die Zuflucht in „mein“ Yoga zu einem Bollwerk wird, genauso wie fixierte politischen Meinungen oder rigide Vorstellungen was man essen soll oder nicht?
Es ist sicherlich nicht damit getan ein- oder zweimal pro Woche zu einem Yoga-Kurs zu gehen, tief zu atmen, das richtige Outfit zu tragen, die richtigen Mantras zu singen oder die richtigen Dinge zu sagen. Positives Instagram und Facebook Profil inklusive.
Traditionell ist Yoga keine eindimensionale Sache. Es gibt viele Formen, Traditionen und Sichtweisen. Viele auch, in denen Asana, die Haltungen, nur eine geringe oder gar keine Bedeutung haben. Das ist unter anderem deshalb, weil Yoga von den Menschen lebt, die es praktizieren und leben und es braucht nicht unbedingt eine elaborierte Asanapraxis dafür.
Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen wird zum Portal für die Erkenntnis der zugrundeliegenden Einheit.
Oder wie es in der Rig Veda, eines der ältesten spirituellen Texte der Menschheitsgeschichte, frei übersetzt, heißt:

„Die Wahrheit ist Eins, die Wege dahin sind vielfältig“

Im Kern kann man Yoga als eine offene, undogmatische Untersuchung des Lebens in all seinen Aspekten verstehen. Eine Untersuchung mit einem offenen Ende ohne vorgefertigte Antworten. Wie Untersuche ich das Leben? Indem ich mich selbst erforsche!
Es deutet auf die Möglichkeit hin, dass jeder potenziell fähig ist, innere Barrieren zu überwinden und innerlich frei zu werden. Die spezifischen Praktiken und Methoden sollen uns dabei unterstützen, sind aber nicht das ultimative Ziel.

Diese Form der Erforschung braucht – um fruchtbar zu sein – eine wichtige Voraussetzung: Die Yogis nennen es Satya, Wahrhaftigkeit, oder auch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
weil – potenziell – tragen wir alle Aspekte des Lebens in uns, auch jene, die wir ablehnen.
Fundamental werden
Die innere Dimension des Yoga erschließt sich, wenn wir erkennen, dass unsere Gefühle, Vorstellungen und Meinungen, obwohl sie sich individuell einzigartig ausdrücken und erfahren werden, gar nicht so persönlich sind wie wir meinen. Sondern sie stellen, jenseits der individuellen Manifestation, Energieformen dar, die einen universellen Charakter haben.
Es gibt Energieformen von Wut, Hass, Freude, Eifersucht, Liebe, Zuneigung usw.
(in früheren Zeiten wurden diese als Götter ausgedrückt), das ganze Spektrum der menschlichen Erfahrung, die jeder von uns erfährt.
Ob ich die „Rechten“ hasse oder die „Linken“, die gemeinsame Ebene, der verbindende Faktor auf mental-emotionaler Ebene, ist Hass und Groll, der auf eine spezifische Gruppierung gerichtet wird. Was ist wichtiger zu bekämpfen? Die Spezifizierung d.h die Gruppe, den Anderen, oder das dahinterliegende, fundamentale Prinzip?
Es ist offensichtlich immer wichtiger die tiefere Ebene zu erkennen und zu transformieren.

Yoga ist so ein alchemistischer Prozess der Transformation von „niederen“ Energieformen (Neid, Hass, Selbstsucht…) in das Licht des Erkennens von Shiva ;).
Yoga verbindet unsere biologische, gegebene Natur, mit all den „vererbten“ Flucht- / Kampfmechanismen, Abwehrstrategien und Urängsten die in den tiefen, alten Gehirnschichten unbewusst wirken, mit dem höchsten spirituellen Potential der Befreiung und der Realisierung von grenzenloser Verbundenheit. Psychologisch ausgedrückt ist es die Verwandlung des Unbewussten und des Schattens in das pure Gold des integrierten Selbst, wir verwandeln unsere eigene Dunkelheit in Licht.
Konzeptionelles Verstehen reicht nicht

Der Schatten ist all das was wir verdrängt oder nach außen projiziert haben. Ein als negativ erkannter Mechanismus zu verstehen reicht allerdings nicht aus, um ihn grundlegend zu verändern, obwohl es sicherlich ein erster Schritt sein kann sich zu bilden und aufzuklären. Man kann auch die Gründe von Krieg, Ungleichheit und Rassismus wunderbar erklären und intellektuell verstehen und viele Doktorarbeiten und Studien darüberschreiben, oder hitzig darüber diskutieren und trotzdem ändert sich auf grundlegender Ebene nicht viel. Dasselbe trifft auch auf unsere inneren Blockaden und Hindernisse zu.

Die Tiefe der Erforschung hängt davon ab ob wir bereit sind mit unseren Identifikationen – und Schatten – in Kontakt zu treten, sie aufzudecken, zu fühlen und zu integrieren.
Nur durch eigene Erforschung, den eigenen Mut und die eigene Anstrengung finden wir unseren ganz eigenen Weg zu Einheit und Verbundenheit. Mut deshalb, weil es nur funktioniert wenn wir aufhören die Schuld anderen zu geben.
Das kann unser Selbstbild erschüttern und uns schlussendlich mit dem Unbekannten und Unsicheren innerlich konfrontieren – mit all dem, was wir vorher nur im Außen gesehen und oft abgelehnt haben. Trauen wir uns den eigenen inneren Rassisten, Sexisten, Diktator und Terroristen zu entdecken, anzuschauen, zu fühlen, anzuerkennen und zu integrieren?

Unangenehme Wahrheit:
In uns allen schlummert ein kleiner Rassist…
Am Beispiel von Rassismus haben Psychologen festgestellt, das rassistische Vorurteile bei jedem Menschen angelegt sind. Es ist eine Art Abwehrmechanismus gegen das potentiell Unbekannte, Fremde und damit potentiell Gefahrvolle.
Schon im Alter von 3 Jahren ordneten die Kleinen heller Haut ohne Zögern positive Eigenschaften zu und dunkler Haut eher negative. Das ist keine böse Absicht, sondern das unbewusste übernehmen von Zuschreibungen durch die Umgebung in Zusammenspiel mit Evolutionsbiologisch verankerten Mechanismen.

Alleine die Unterscheidung zwischen Hell und Dunkel ist vielleicht das älteste Reaktionskette, die wir in uns tragen.
Werden dann äußere Merkmale mit tiefen Emotionen verknüpft entstehen kraftvolle unbewusste Überzeugungen.
Forscher haben in einem „Impliziten Assoziationstest“ gemessen, wie eng zwei Begriffe im Gehirn miteinander verbunden sind. Weil „weiß und gut“ im Gehirn fester verknüpft sind als „schwarz und gut“, reagiert das Gehirn von Menschen auf die erste Kombination deutlich schneller und positiver.

Vorurteile und Diskriminierungstendenzen sind eng mit der Entwicklung der eigenen Identität verwoben, mit dem Gefühl, wohin man gehört und wer man ist. Fühlt man sich in seiner Identität bedroht, dann macht sich das Ablehnungspotential in uns bemerkbar.
Die Kraft der Identifikation und das Ich Identifikation heißt, ich verbinde mein Selbstgefühl, mein Ich-Gefühl und meinen Selbstwert mit bestimmten Attributen und Qualitäten und Vorstellungen und definiere mich durch sie. Das „Ich“ ist aus yogischer (und neurowissenschaftlicher) Sicht keine wirklich statische Einheit, fixiert und abgekapselt, sondern setzt sich aus Erinnerungen, Erfahrungen, Zuschreibungen, und Attributen zusammen die sich immer dynamisch und in Abhängigkeit von Erziehung, Freundeskreis und anderen Umwelteinflüssen und inneren Prädispositionen gebildet haben…und veränderbar sind.

“Ich” identifiziere und erfahre mich als männlich/weiblich, bi, Hetero, queer, als liberal, national, progressiv, konservativ, als Doktor, Arbeiter, Arm, Reich, Sozialist, Wissenschaftler, Familienmensch, Individualist, Sportler, Musiker, Kommunist, Mutter, Hindu, Christ, Jude, Deutscher, Engländer, Lehrer, Schüler, Sohn, Yogi, Yogalehrer…
Wir alle investieren in Vorstellungen, Rollen und Sichtweisen die uns, dem Ich, Sicherheit, Stabilität, Schutz, Geborgenheit und ein gutes Gefühl vermitteln sollen. Es ist zuerst mal ein notwendiger Mechanismus und Teil jeder Persönlichkeitsentwicklung. Es vermittelt uns als getrennte, autonome Wesen ein Gefühl von Sinn und Besonderheit und hilft uns durch die Welt zu navigieren.
Manchmal als Ego ausgedrückt, tendiert es allerdings dazu unbeweglich, dicht und starr zu werden und bringt so Entfremdung und Leiden.
Wie erkennen wir unsere Identifikationen?

Durch die Vorlieben und Abneigungen und den starken Meinungen, Gefühlen und Emotionen die damit verbunden sind. Diese kommen zum Vorschein u.a. wenn wir kritisiert oder in Frage gestellt werden; z.B. wenn ich mich mit der Rolle des Musikers identifiziere macht es mir unter Umständen wenig aus, wenn man mich wegen meiner saloppen Kleidung kritisiert. Wenn man mich aber offen als „schlechten Musiker“ bezeichnet trifft das meinen Selbstwert unter Umständen immens.
Das gleiche gilt natürlich im selben Maße, wenn ich mich als „Yogi‘ oder mit dem Attribut „spirituell“ identifiziere und mich dadurch irgendwie besser oder zumindest „bewusster“ empfinde.

Weitere Hinweise:

– Abwehrreaktionen wie Verleugnung und Projektion
– den Drang sich zu rechtfertigen und zu verteidigen
– starkes „Recht haben“ wollen
– inneres be- und abwerten anderer Meinungen und Personen
– Rationalisieren und Intellektualisieren
– innere Kontraktion, Rückzug, Taubheit
– Ärger, Aggression
– Festhalten an Meinungen und Gewohnheiten

Wir alle fühlen uns natürlicherweise zu der einen oder anderen Ansicht, Person oder Gruppe mehr zugehörig als zu einer anderen. Wir haben unterschiedliche Meinungen und Einstellungen und vertreten unterschiedliche Perspektiven; und genau das macht die Welt zu einem bunten und schönen Ort.

Wenn diese „Besonderheit“, sei es Individuell oder in Form von Gruppenidentität, allerdings zum Maßstab der ultimativen Wahrheit, Sicherheit und Zuflucht wird und dadurch andere Gruppen und Meinungen verachtet, bekämpft und abgewertet werden und keine Verbindung mehr besteht zu der zugrundeliegenden Verbundenheit, wird es destruktiv.
Die Menschheitsgeschichte ist ein Beispiel für den zerstörerischen Effekt auf kollektiver Ebene durch den Wahn von Ideologien und Gruppenidentitäten.

Yoga: mehr als persönliche Wellness und Stressreduzierung
Yoga ist in seinem Kern nicht nur eine Praxis des persönlichen Wohlbefindens und des „Wohlfühlens“, wie wichtig das auch sein mag, sondern wir tragen im Idealfall dazu bei, die Welt um uns herum durch unser Beispiel positiv zu beeinflussen und zu verändern – eben dadurch, weil wir tief erkennen, dass wir nicht von ihr getrennt sind.

In diesem Licht gesehen ist es unmöglich, eine echte positive Kraft zu erzeugen, ohne zuerst diese vereinigende Ebene in uns selbst zu entdecken, was bedeutet, den Griff des Ego und seiner vielen Identifikationen zu lockern.
Dies kann ein unangenehmer und schwieriger Prozess sein, schließlich müssen wir das gesamte Spektrum dessen, was Leben bedeutet, von Schwarz bis Weiss, in uns selbst erfahren und fühlen und uns auf unsere eigene Verletzlichkeit einlassen.

Trotzdem ist das unabdingbar, denn solange wir nicht selbst in diesem Grund der Einheit verankert sind, oder zumindest Schritte in diese Richtung machen, und nicht durch die Unterschiede und äußeren Manifestationen hindurch das Erkennen was uns alle verbindet, werden wir immer von einem Ort der eigenen inneren Fragmentierung und Spaltung agieren beziehungsweise reagieren.
Bewusstsein, Begegnung und Kontakt

In einem Grundschulprojekt in Ostdeutschland wurde mit den Schülern gelesen und erforscht, wie andere Kinder in fremden Ländern leben. Sie übten, Kinder aus anderen Klassen bei ihren Spielen mitmachen zu lassen und möglichst viele „Gruppenzugehörigkeiten“ aufzubauen. Mit Erfolg, Vorurteile wurden enorm abgebaut und die Empathie Fähigkeit stieg an.
Genauso funktioniert es auch auf der inneren Ebene. Nur wenn wir direkt den Kontakt zu unserem Schatten herstellen, zu all den abgespaltenen Anteilen der Psyche und sie uns bewusst machen, kennenlernen und anerkennen, werden wir sie integrieren können.
Beobachten lernen: Meditation
Die Praxis der Meditation kann ein Werkzeug werden, um innere Identifikationen zu erkennen. Wir lernen durch die Lenkung der Achtsamkeit nach Innen unsere Mechanismen, Gedanken und Emotionen zu beobachten, ohne sofort zu reagieren.
Wir schaffen einen inneren Raum der Offenheit in dem alle Bewegungen vorurteilsfrei anerkannt und gesehen werden. Ein erster Geschmack von Freiheit entsteht, wenn wir erkennen, dass wir nicht allen Gedanken und Emotionen ausgeliefert sind, sondern sie in einem Feld größeren Gewahrseins ziehen lassen können.

Diese meditative Grundhaltung kann man auch im aktiven Alltag kultivieren. Man spürt wie sich der Bauch anspannt wenn man in einer Warteschlange steht, bemerkt die negativen Urteile über andere Menschen, bemerkt die Gedanken die daraus resultieren aber man folgt ihnen nicht, sondern konzentriert sich auf den Atem oder auf den inneren Raum der Wahrnehmung selber.
Die Vermittlung von Meditation ist vielleicht eines der wichtigsten Projekte auf gesellschaftlicher Ebene, besonders in Schulen, Jugendeinrichtungen und sozialen Brennpunkten.

Dieses Verbundensein jenseits von allen Grenzen zu erkennen und daraus eine gelebte Realität werden zu lassen ist auch kein wirklicher Luxus mehr, sondern vielleicht eine Frage des Überlebens. Yoga so verstanden hat das Potenzial unsere Werte, Ziele und Sichtweisen auf privater, aber auch gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Ebene grundlegend und positiv zu verändern. Wenn wir die Erde zu einem besseren, bewussteren Ort machen wollen müssen wir mit uns selbst anfangen, Schritt für Schritt.
Wir erfahren uns dann als Teil des großen, holistischen, unergründlichen und magischen Gewebes der Natur, verbunden mit jedem Menschen, den Tieren, Pflanzen, der Erde und dem Himmel, wo alles miteinander in lebendiger Beziehung steht, und alles seinen Platz hat Das bedeutet jedoch nicht das wir passiv alles akzeptieren und zulassen. Im Gegenteil, erst aus der gefühlten ganzheitlichen Verbindung heraus erkennen wir sehr genau die Unterschiede. Wir sehen was diesem Gewebe guttut und positive Impulse gibt und was nicht und können aus diesem direkten erkennen heraus agieren.
So stellen wir unsere ganz individuellen und einzigartigen Talente und Fähigkeiten in den Dienst dieses größeren Organismus dessen wir Teil sind,
Die individuelle Welle erkennt sich selbst im Ozean wieder.
Unser Herz kennt das Geheimnis.

“When I was the stream, when I was the
forest, when I was still the field,
when I was every hoof, foot,
fin and wing, when I
was the sky
itself
No one ever asked me did I have a purpose, no one ever
wondered was there anything I might need,
For there was nothing
I could not
love”
Meister Eckhart

Lokah Samastah Sukhino Bhavantu

Om Namah Shivaya,

much Love,
Ralf Schultz

 

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Artikel von Ralf „Die Verschwörung des Geistes“ in der neuen Ausgabe der Yoga Aktuell!

Artikel von Ralf „Die Verschwörung des Geistes“ in der neuen Ausgabe der Yoga Aktuell!

Artikel von Ralf “Die Verschwörung des Geistes”

in der neuen Ausgabe der Yoga Aktuell

Yoga Aktuell August 2020

Wie der Geist die Welt erschafft: Eine yogische Sicht auf unsere Wahrnehmung – und auf die Natur von Verschwörungstheorien in einem größeren Zusammenhang. In Krisenzeiten erwächst aus dem Drang, die Ursachen für die gegenwärtige Situation herauszufinden, eine beinahe süffisante Freude an der Vermutung, es müsse irgendeine Art von Verschwörung hinter all dem stehen. Und tatsächlich halte ich das für ziemlich zutreffend. Hinter den Kulissen sind auf vielen Ebenen versteckte Absichten, Begehrlichkeiten und Interessen am Werke, die an der Oberfläche nicht sichtbar sind. Unsere tieferen Gedanken, Motivationen, Ängste, Hoffnungen und Ambitionen bleiben größtenteils im Verborgenen. Aus yogischer Perspektive ist die Welt eine Manifestation unserer Überzeugungen, Vorstellungen, Meinungen, Werte und Entscheidungen, die ihren Ursprung im Geist nehmen….

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