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    Habits – wie du mit Hilfe von Yoga Gewohnheiten änderst

    Habits – wie du mit Hilfe von Yoga Gewohnheiten änderst

    Du willst etwas ändern? Mehr Gesundheit, Klarheit, Offenheit und Mitgefühl? Sehr gut 🙂 Aber wie?

    Der sprichwörtliche Schweinehund lässt sich nicht einfach überwinden. Aber mit Hilfe der Inspiration der Yoga Sutren und moderner Forschung zum Thema “Veränderung von Gewohnheiten” schaffen wir das.

    Patanjalis Yoga Sutra

    Der Text wird als einer der Grundlagentexte des klassischen Yoga betrachtet.
    Entstanden wahrscheinlich in den ersten Jahrhunderten n. Chr. erklären sie, wie man den Geist von seinen Fesseln befreit. Das ist ein zeitloses Thema. Trotz all unserer materiellen und technischen Entwicklung hat sich der menschliche Geist grundlegend nicht viel verändert. Neid, Hass, Wut, Scham, Schuld, Eifersucht, Enttäuschung, Stress, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Einsamkeit, Unsicherheit plagen uns immer noch wie zuvor. Und Depression scheint global pandemische Ausmaße anzunehmen.

    Wir können an den Symptomen arbeiten oder an der Wurzel. Für die „Wurzelbehandlung“ ist eine Transformation des Bewusstseins unumgänglich. Das “Problem”: Es kann niemand für uns machen: weder ChatGPT noch die neuesten Designerdrogen. Man muss an sich selbst arbeiten. Und das fängt mit dem Erkennen und Verändern eigener Gewohnheiten an

    Copy-of-Light-Journey-1280-x-400-px1 im Soma Yoga Freiburg

    Von der Resolution zur (Yogi) Revolution

    Gute Vorsätze sind gut – die die haben wir ja alle – aber dann muss der nächste Schritt folgen: Die Kultivierung einer Praxis über lange Zeit (dīrgha-kāla), ohne Unterbrechung (nairantarya), mit echter Hingabe (satkāra) und konsequentem Dranbleiben (āsevito) – dann wird sie zur „festen Basis“ (dṛḍha-bhūmiḥ).

    Übersetzt ins moderne Leben: Soll die Yoga Praxis wirklich transformierend sein, braucht es über eine lange Zeit Commitment, Regelmäßigkeit, Hingabe – und eine innere Haltung, welche die Praxis als etwas Wertvolles behandelt.

    Commitment und Fokus

    Commitment heißt Verbindlichkeit und Disziplin. Du musst dem Yoga und der Praxis Priorität geben, um weiterzukommen. Dazu braucht es ein Herauskommen aus der Beliebigkeits- und Junkfoodfalle. Es ist ein bischen wie in einer Beziehung. Um das ganze Potenzial einer Beziehung zu erfahren, musst du dich komplett auf sie einlassen. Wenn dir die Person wirklich wichtig ist und du sie wahrhaftig liebst, gibst du nicht auf, wenn Schwierigkeiten oder Hindernisse auftauchen. Du bleibst dabei. Wenn du dich nicht festlegen willst, hast du vielleicht mehr Abwechslung aber nicht wirkliche Tiefe. Du driftest von einem zum anderen ohne Fokus. Commitment entsteht, wenn du etwas als wichtig erachtest und dafür Verantwortung übernimmst. Und was gibt es wichtigeres als dein wahres Selbst zu entdecken und wahre Verbundenheit, Freude und Mitgefühl zu erfahren? 
    Und nebenbei: Mit etwas Commitment und Disziplin wirst du staunen, wie pünktlich du zu den Yogastunden kommst 😉 und wie du zuhause plötzlich jeden Tag Zeit findest für deine Praxis.

    Praktischer Tipp: Verpflichte dich ein Jahr lang regelmäßig Yoga zu machen. Im Studio und zuhause, geh auf Retreats und Workshops etc. Danach schau, wie es dir geht. Betrachte das Ganze als Selbstexperiment. 

    Regelmässigkeit

    Gewohnheiten ändern sich durch Häufigkeit. Je mehr du eine bestimmte Handlung machst, umso mehr wird sie verfestigt. Im positiven wie im negativen: Wenn du täglich einen Doppelwhopper Burger mit extra Majo und Ketchup isst, wirst du gut im Burger essen mit all den Folgen. Wenn du dich täglich ärgerst, wirst du gut im dich ärgern und Ärger wird ein Teil von dir. Wiederholung ist ausschlaggebend. Versuche deshalb kleine tägliche Einheiten mit positiven Gewohnheiten zu trainieren. Z.b. sind tägliche Mini Einheiten Yoga besser als einmal in der Woche eine 2 Stunden Praxis.

    Praktischer Tipp: Mache kleine Schritte und versuche zusätzlich zum Üben im Studio, kleine Yogasessions zuhause zu etablieren um Kontinuität aufzubauen. Fange mit 5 Minuten an und steigere langsam. Versuche nach der Praxis kurz in der Meditation zu sitzen. In unserer On Demand Library findest du viele Praxis Videos dafür.

    Hingabe

    Was immer du machst, ohne Hingabe fehlt die entscheidende Qualität. Es fehlt Erfüllung, Zufriedenheit und Genährtsein. Hingabe hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun, sondern sie verbindet dich mit den großen Kräften des Universums: Loslassen, Verbundenheit & Fülle. Erfahrbar wird Hingabe durch Präsenz und Gegenwärtigkeit. Und das ist eine Qualität des Herzens: die Yogis sprechen hier vom “inneren” Herz als Symbol einer ganzheitlichen, fühlenden Erkenntnisfähigkeit jenseits der konditionierten Reaktionen und Anhaftungen des Geistes. Durch Hingabe wirst du von einer grösseren Kraft getragen und was du machst, wird anstrengungslos. Du bist im Flow. Ganz allgemein heißt Hingabe: du bist ganz dabei, lässt dich ohne Widerstand auf die Erfahrung ein und gibst dich hin. 
    Eine der ältesten Übungen zur Hingabe sind Tanzen und Singen. Im Bhakti Yoga wird gesagt, singen zum Höchsten reinigt den Spiegel unserer Herzen.

    Praktischer Tipp: Erforsche mal, wie oft und wann im Alltag Widerstand gegen eine Erfahrung auftaucht. Es ist ein Gefühl der Kontraktion im Herz, starken mentalen Bewertungen, Zweifel und Abgeschnittensein vom Körper.

    Unterstützung

    Umgebe dich mit Menschen, die dir helfen, deine Gewohnheiten zu ändern – oder noch besser, die deine angestrebten Gewohnheiten schon Leben. Vermeide eine Umgebung oder Menschen, die dich runterziehen, Energie kosten oder verwirren. Deshalb ist es wichtig, ins Yogastudio zu kommen: hier ist die ideale Umgebung und Community, die sog. Sangha, die deine Werte teilt und unterstützt.

    Praktischer Tipp: erforsche im Alltag welche Umgebung und welche Menschen dir Energie geben oder rauben.

    Erkenntnisse aus moderner Forschung & Habit-Science 

    1. Identität verändern
      Nachhaltige Gewohnheiten entstehen, wenn du sie als Teil deiner Identität lebst: „Ich bin praktizierender Yogi“ statt „Ich bin ein Couch Potatoe und sollte mehr Yoga machen.“
    2. Umgebung ist der geheime Coach
      Was sichtbar und leicht zugänglich ist, passiert häufiger. Lege Matte/Block schon bereit, entscheide die Uhrzeit vorher. Plane im Voraus.
    3. Wenn–Dann Pläne (Implementation Intentions) funktionieren besser als gute Vorsätze. Beispiel: Wenn die Kaffeemaschine läuft, dann mache ich 3 Runden Sonnengrüsse. Konkrete Auslöser machen Commitment alltagstauglich.
    4. kleine Belohnungen & Tracking
      Ein kurzes gutes Gefühl danach (durch Tee, Musik, Häkchen im Kalender) verstärkt die Routine. Nicht weil du Belohnungen “brauchst“, sondern weil so dein Nervensystem lernt und die neue Gewohnheit positiv verankert wird.
    IMG_5346-scaled im Soma Yoga Freiburg

    Buchtipp:
    Atomic Habits – James Clear

    wie kleine, kontinuierliche Veränderungen enorme Auswirkungen auf unser Leben haben können. Das Buch basiert auf wissenschaftlich fundierten Prinzipien der Verhaltenspsychologie und liefert praktische Strategien, um positive Gewohnheiten aufzubauen und destruktive zu überwinden. Clear erklärt, wie man durch das “Four Laws of Behavior Change”-Modell – bestehend aus Auslöser, Attraktivität, Umsetzung und Belohnung – Gewohnheiten nachhaltig etabliert. Das Buch bietet zahlreiche Beispiele und konkrete Tipps, um Hindernisse zu überwinden, Motivation zu fördern (z.b um wieder mehr Yoga zu machen 😉 und langfristig erfolgreich zu sein…na dann…

    Brauche ich einen Guru? Gedanken zur Schüler- Lehrer Beziehung

    Brauche ich einen Guru? Gedanken zur Schüler- Lehrer Beziehung

    Jedes Jahr im Juli wird in Indien Guru Purnima gefeiert. Es ist eine Feierlichkeit um den Lehrern* in seinem Leben zu gedenken und zu danken. Guru ist der Lehrer, Purnima ist der Vollmond. Der Vollmod symbolisiert den “erleuchteten” Geist. Wie der Mond die Sonne reflektiert kann sich unser Geist  für das Licht des höchsten Bewusstseins öffnen und dieses reflektieren. Das wird als ein ekstatisches Erwachen und überwinden persönlicher Grenzen und Limitierungen erfahren. Aber unser Geist ist ein gewiefter Genosse und lässt nicht so einfach von seinen Überzeugungen und Gewohnheiten los, seien sie noch so einschränkend, leidvoll oder negativ. Deshalb war in den Yoga Traditionen die Rolle des Guru fundamental. Der Guru hilft uns, das zu sehen, was wir allein nicht erkennen – und zu lösen, woran wir unbewusst festhalten.

    Guru bedeutet: von der Dunkelheit (gu) ins Licht (ru)

    Der Begriff Guru bedeutet nicht nur einen menschlichen Lehrer sondern ebenso ein universelles Prinzip der Selbsttransformation. Es ist das in der Schöpfung angelegte bestreben Selbstausdruck, Wissen und Wahrheit auszudehnen und zu erfahren. Das kommt schön in dem Guru Stotram (siehe weiter unten) zum Ausdruck: Alles ist unser Lehrer: die Schöpfung, das Leben, die Schwierigkeiten und Hindernisse (die besonders). Wenn unsere Herzen offen sind sehen wir überall die Möglichkeit des Lernens und des Wachstums. 

    Wie Eckhart Tolle so schön sagte: 

    “Ich hatte viele Zen Lehrer – alle von Ihnen Katzen”

    Verehrung ohne Personenkult

    Das Thema Guru ist für viele kein einfaches. Wir verbinden damit Autorität, Hirarchien, Personenkult, Machtmissbrauch. Besonders die Bedeutung eines spirituellen Lehrers* ist in unserer eher materialistisch orientierten westlichen Kultur ein relativ unbekanntes Konzept. Anders sieht es in den östlichen Weisheitstraditionen aus wo der Guru oft eine zentrale Rolle einnimmt. Auch das Yoga ist ursprünglich eine Guru (Lehrer)-Shishya (Schüler) Tradition. Hat es dich auch schon mal irritiert das am Ende einer Yogastunde sich Schüler mit zusammengefalteten Händen leicht vor dem Lehrer verneigen?

    Es ist sehr wichtig folgendes zu erkennen: Wenn wir uns im Yogaunterricht oder auf dem spirituellen Weg vor einem Lehrer verneigen, dann ehren wir nicht die Person, sondern die Lehre, die durch sie wirkt. Wir verneigen uns nicht vor einer Persönlichkeit – sondern vor dem Licht, das durch sie scheint. Dankbarkeit dem Lehrer – aber unsere Hingabe gilt der Wahrheit. Mit diesem Verständnis kann die Übung der Hingabe im (Yoga-) Unterricht, durch Hände zusammenlegen oder einer leichten Verneigung sehr heilsam sein. Deshalb experimentiere doch mal damit. Spüre bewusst deinen Widerstand atme tief ein und aus, bringe dir in das Bewusstsein wofür du dankbar bist: das du es überhaupt ins Studio geschafft hast, für das Lächeln deines Mattennachbarns, deine Katze zuhause, deine Familie, das Leben…und verneige dich!

    Wie finde ich den „richtigen“ Lehrer?

    Durch Entspannung; es gibt das alte Sprichwort: Ist der Schüler bereit, zeigt sich der Lehrer. Normalerweise sind die Personen und Beziehungen in deinem Leben jetzt genau die richtigen Lehrer für dich. Abgesehen davon bietet die Beziehung zu einem spiritueller Lehrer eine potente Möglichkeit die eigene innere Freiheit, die eigene Flamme – den eigenen inneren Lehrer – zu realisieren. Deshalb wird sie in der Yoga Tradition als die höchste mögliche Form menschlicher Beziehung betrachtet. Der Guru fungiert als Portal, als Magnet und Möglichkeit. Er führt den Schüler entsprechend seiner Qualfikation an Schwellen: durchgehen muss der Schüler selbst. Und wie das mit sehr potenten Beziehungen so ist: es kann unser höchstes Potenzial freilegen oder das Gegenteil. Der “äussere” Lehrer fungiert dabei idealerweise als Projektionsfläche durch die sich alte Muster, Verstrickungen und Bindungen  zeigen und aufgelöst werden. Das jedoch braucht eine grosse Reife und das richtige Verständnis, die vor allem beim Schüler, aber auch manchmal beim Lehrer nicht immer vorhanden ist. Ein Klassiker: alte persönliche Projektionen (sehr beliebt: Eltern, Lover) werden aktiviert und ausgelebt  und in dessen komplexen Drama bleibt die Beziehung stecken bzw der Schüler verlässt desillusioniert die Beziehung.

    Guru-Yoga

    Meine persönliche Meinung: Guru Yoga wie es in traditionellen Pfaden gelehrt wurde, ist heute nur für wenige wirklich geeignet. Viele von uns tragen tiefe Verletzungen im Umgang mit Autorität und Beziehung in sich. Wer sich auf diese Art von Schüler-Lehrer-Beziehung einlässt, sollte den inneren Ruf verspüren, schon an sich gearbeitet haben und eine gewisse Selbstkenntnis und Stabilität  mitbringen. Wie sagte es Ramakrishna, ein Heiliger aus Indien so schön: „Suche nicht nach Erleuchtung, es sei denn, du suchst sie so, wie ein Mann, dessen Haare brennen, einen Teich sucht.“ Es gibt wunderbare therapeutische Ansätze die für uns westlich orientierte Menschen oft besser geeignet sind um “kleine” Feuer, wie Selbstwert- und Beziehungsthemen sowie Traumata zu löschen.

     Während die Frage, ob ich einen spirituellen Lehrer brauche für viele “modernen” Fitness- bzw Gesundheitsorientierten Yogaschüler sowieso völlig irrelevant ist, kann es für andere der nächste logische Schritt sein um tiefer einzutauchen.

    Woran erkenne ich einen problematischen Lehrer?

    Hier eine kurze Checkliste – 
    Sei achtsam, wenn du folgende Anzeichen bemerkst:

    • Die gesamte Aufmerksamkeit kreist um den Lehrer
    • Es wird (direkt oder subtil) Unterordnung verlangt.
    • Autoritärer, dogmatischer Unterricht bzw Teaching.
    • emotionale Kälte und Humorlosigkeit
    • Die Gemeinschaft wirkt ängstlich, unlebendig und abgeschottet.
    • Kein echtes Mitgefühl oder Dankbarkeit dem Schüler gegenüber.
    • andere Schulen, Lehrer oder Sichtweisen werden abgewertet
    • Schüler die die Gemeinschaft verlassen haben werden abgewertet
    • spiritueller Chauvinismus: Es wird vermittelt die eigene Methode, Schule, Sichtweise, Lehre ist die Beste, Tiefste, spirituellste…
    • Keine Ermutigung an den Schüler den eigenen Weg zu gehen und das gelernte in die Welt zu tragen
    • Kritik wird nicht akzeptiert, ignoriert oder sonstwie abgeschmettert.
    Ralf-Frawley im Soma Yoga Freiburg

    Charisma lebt von deiner Energie

    Generell sei ebenso achtsam bei sehr charismatischen Lehrern und achte darauf wem du deine Aufmerksamkeit und Lebenskraft schenkst. Charisma braucht Publikum und nährt sich von der Energie und Aufmerksamkeit anderer. Während es Teil einer funktionierenden Lehrer-Schüler Beziehung ist, dass dir der Lehrer Themen wiederspiegelt damit du sie auflösen kannst, wird er nicht versuchen dich an ihn zu binden. Natürlich, wie in  jeder Beziehung gibt es verschiedene Phasen, die ein Committment und einlassen auf die Beziehung beinhaltet und braucht. Aber ebenso ermutigt dich jeder wahre Lehrer irgendwann (ihn / sie) loszulassen und deinem eigenen inneren Licht zu folgen.  Ein guter Check kann sein: öffnet sich (noch) etwas in dir wenn du in der Nähe oder im Kontakt mit ihm / ihr bist, fühlst du Expansion, Inspiration, Neugier, gesteigerte Lebendigkeit? Oder verschliesst sich etwas, fühlst dich eingeengt, unfrei, klein gemacht und eingeschüchtert?…
    Tipp: renn weg so schnell es geht!

    Eine mystische Beziehung

    Alles was wir sind und erreicht haben verdanken wir anderen Menschen, Tieren und Wesen die unsere Lehrer und Mentoren waren. Angefangen von unseren ersten Gurus: Mutter und Vater! Ebenso sind wir immer auch Lehrer für andere und lehren dadurch, wie wir leben, denken und handeln. Es ist gut das ab und zu zu reflektieren.

    Eine Schüler  / Lehrer Beziehung ist eine heilige Beziehung die wir unmöglich ganz erfassen können. Heute an Guru Purnima kann es eine schöne Möglichkeit sein, diese besondere Beziehungen zu würdigen. Es ist eine magische und mystische Angelegenheit des Herzens. In ihrer reinsten Form ist sie auf Liebe, Wahrhaftigkeit und gegenseitigem Respekt gegründet. Wo diese Qualitäten lebendig sind, wird Lehre nicht zur Belehrung, sondern zur Befreiung. Befreiung heisst, du stehst auf deinen eigenen zwei Beinen und folgst deinem eigenen (Seelen-) Licht.

    Danke und Pranam (Verneigung) 🙏 an alle die Lehrer über die ich irgendwie durch Zufall, Glück oder Bestimmung ‘gestolpert’ bin und immer wieder stolper:
    Amir und Samira Ahler, Dr. David Frawley, Yogini Shambhavi, Igor Kufayev, Clive Sheridan, Shri Anish, sowie Indien mit all den Meistern, Saints & crazy wisdom. Ebenso Pranam an Sundari Ma, meine beloved Daisy Bowman, Katzen und vor allem an all den Yoga Schülern die mich immer wieder neu inspirieren!

    Om Jai Ma Guru!

    Guru-Purnima-Praxis – die Lehrer ehren

    Dauer: 10–15 Minuten
    Ort: Ein ruhiger Platz – mit bequemer Sitzhaltung, vielleicht eine Kerze oder ein Bild, das dich inspiriert.

    1. Ankommen & Ausrichten (1–2 Min)

    Schließe deine Augen.
    Spüre den Boden unter dir. Nimm ein paar tiefe, ruhige Atemzüge.
    Lasse dein Gesicht und Körper entspannen

    1. Innere Verneigung – Visualisiere deine Lehrer (3–5 Min)

    Rufe in deinem Herzen einen Menschen oder mehrere ins Bewusstsein, die für dich Lehrer:innen im Leben waren – spirituell, menschlich, schmerzhaft oder inspirierend. (Vielleicht war es eine Yogalehrerin, eine Mentorin, ein Kind, ein Tier, ein Verlust, sogar ein Konflikt.

    Lass jede dieser Figuren innerlich vor dir erscheinen –
    und verneige dich in deinem Herzen.

    Sage innerlich: „Ich danke dir. Du hast mich etwas Wahres über mich selbst gelehrt.“
    sei offen und achtsam für die Gefühle die auftauchen, alle sind erlaubt.

    1. Der innere Guru – das Licht in dir (2–4 Min)

    Lege nun die Hände auf dein Herz.
    Visualisiere ein kleines Licht oder Flamme in dir

    Wiederhole und chante das Mantra „Guru Brahma“ (oder nur innerlich) 3x

    1. Abschließen & Segnen (2 Min)

    Zum Abschluss bringe beide Hände in Namasté oder berühre leicht deine Stirn – als Zeichen der inneren Verneigung.
    Wenn du möchtest, sprich laut oder innerlich: Ich danke allen meinen Lehrer:innen – in dieser Welt und darüber hinaus.“

    Öffne sanft die Augen. Schreibe die wichtigsten Erkenntnisse auf oder schreibe jemand einen Dankesbrief!

     

    Om Shanti Shanti Shanti 
    Ralf,

    Direktor Soma Yoga

     

    OM Tannenbaum – yoga, Weihnachten & holy nights

    OM Tannenbaum – yoga, Weihnachten & holy nights

    Weihnachten steht vor der Tür. Für viele eine Zeit die man im Kreis der Familie verbringt oder mit guten Bekannten. Von manchen herbeigesehnt, weil es ein willkommenes Verschnaufen vom sonst hektischen Jahr verspricht, von vielen gefürchtet oder gar verachtet als konsumbeladener, heuchlerisches Friede, Freude Eierkuchenfest ohne wahre Bedeutung. Zudem so scheint es, kommen gerade an Weihnachten familieninterne Konflikte vermehrt zum Vorschein und verstärken noch den Stress. Dann ist noch das Problem mit der Religion. Viele von uns stehen Religion kritisch oder ablehnend gegenüber und wollen damit nichts (mehr) zu tun haben…oder können damit nichts anfangen.

    Also, ich finde Yoga, Weihnachten und auch Religion sind eine wunderbare Kombination. Wenn man etwas hinter die Kulissen der eigenen Weihnachtsmuffelkonditionierung schaut und gleichzeitig hinter die „religiösen“ Symbole, kann das enorm helfen, Weihnachten und die Zeit danach ganz neu zu entdecken und wertzuschätzen.

    Die Sonnwenden – aussen und innen

    Schon lange vor Jesus wurde die Neu- und Wiedergeburt der Natur und des Lebens als Licht oder in Form eines Neugeborenen imaginiert. Niemand weiss wann genau Jesu geboren wurde. Es wurde auf die Weihnachtszeit gelegt, die Zeit der Wintersonnwende, weil es die Zeit der Wiedergeburt des Lichts ist. Jesus steht in diesem Fall für das Licht in jedem von uns. In der indischen Tradition nimmt die gleiche Stellung und Bedeutung Krishna oder Lakshmi ein (oder eine andere „Form“). Es ist die Sehnsucht und das Potential neu zu erwachen; zu größtmöglicher Liebe, Verbundenheit und Schönheit und es zu leben und zu verkörpern.

    Potente Zwischenzeiten

    Während dieses Erwachen potenziell immer möglich ist, wie die Yogatradition betont, können bestimmte äußere Zeitqualitäten unterstützen. Diese Erkenntnis der gegenseitigen Beeinflussung von äußeren und inneren Faktoren ist auch die Basis der vedischen Astrologie. Ganz allgemein empfehlen die Yogis in einem Zeitfenster, das sie Brahmamuhurta nennen, zu meditieren. Es ist eine Übergangszeit von der Mitte der Nacht bis zum Sonnenaufgang, ungefähr zwischen 3.30 und 6.30 Uhr. Hier wird die formlose Dimension erfahrbar, alles ist still, zurückgezogen und undefiniert. Der neue Tag hat noch keine Form und ist durch die geistigen Samen, die wir säen beeinflussbar. Es ist die alte Vision und Erfahrung, das wahre Erneuerung nur durch das Berühren einer zeitlosen Dimension in uns möglich ist.  Wenn wir das “tiefere” Selbst jenseits der Ego Identifikation erfahren, wird loslassen und Neubeginn möglich. Diese Dimension ist aber auch immer eine Auseinandersetzung mit Dunkelheit, Unsicherheit, Nicht Wissen und Auflösung; diese sind oft Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung und Neuschöpfung. Das Aushalten und Bewusstmachen der eigenen „Dunkelheit“ liefert das Substratum durch welches das Licht in einem alchimistischen Umwandlungsprozess neu erstrahlen kann. Dunkelheit und Licht sind jeweils im anderen enthalten und bedingen sich gegenseitig. Keines ist per se besser oder schlechter.
    In der Abenddämmerung wird in Indien mit einer Lichterzeremonie, dem Arati, dem göttlichen Licht in allem gedacht. Im größeren Jahreskreis sind diese potenten Zwischenzeiten unter anderem die Sonnwenden, wie jetzt die Zeit der Wintersonnwende. Sie wurden kulturübergreifend schon immer mit festlichen Ritualen gewürdigt und gefeiert. Es ist eine transformative Übergangszeit, von Auflösung, Stille und Neubeginn. Ein Ritus des Wandels und der Möglichkeit von Erneuerung und Transformation.

    Hinter die Symbole schauen

    Yoga ist als spirituelle Praxis nicht an einen bestimmten Glauben oder Religion gebunden, obwohl es natürlich eng mit dem Hinduismus verbunden ist. Aber die Essenz von Yoga ist Selbstverwirklichung. Es basiert auf Erfahrung und nicht Glauben. Gleichzeitig anerkennen die Yogis das (religiöse) Symbole und Ideen eine Hilfe sein können, wenn wir sie nicht als absolut betrachten. Mit dem richtigen Verständnis und einem offenen Geist können sie uns mit einer tieferen Bedeutungsebene verbinden. Schon immer haben wir existenziell menschliche, sowie universelle Wahrheiten und Erfahrungen in (Götter-)Geschichten, Metaphern, Symbolen, Ritualen und Mythen ausgedrückt. Je nach Kultur, Religion und Zeitalter unterschiedlich verweisen sie auf tiefere Realitäten jenseits Ratio oder Logik – und jenseits von Religion.
    Tatsächlich sind die tiefsten Symbole verbunden mit archetypischen Erfahrungen, die unsere Psyche strukturiert haben und unbewusst in uns wirken.
    Symbole, mythologische Geschichten und Rituale enthüllen gleichfalls Orientierung und Sinn und verweisen auf die eigene mysteriöse Verbundenheit mit dem Kosmos. Wenn wir lernen die alten Geschichten und Symbole zu decodieren enthüllen sie ihr Potenzial der inneren Transformation hin zu mehr Ganzheit und Verbindung.
    In dem Zusammenhang hat Weihnachten einiges zu bieten

    Schauen wir uns ein paar Weihnachts ‚features‘ an.

    Vom Weihnachtsbaum und Weltenbaum

    Der Weihnachtsbaum ist ein universelles Symbol für den Weltenbaum. Ein kosmischer Baum. Diese Vorstellung ist uralt und wir haben sie größtenteils vergessen. Es ist in vielen nativen und schamanischen Traditionen rund um die Welt zu finden. Auch bei unseren Vorfahren, das waren die Kelten und Germanen. Wir holen uns einen immergrünen Baum ins Haus, weil er die Quelle von Vitalität, ja das Leben selbst symbolisiert. Der Weltenbaum ist die Axis Mundi, die Achse der Welt, welche mit tiefen Wurzeln Erde und Himmel verbindet. Am Fuße des Baumes stellen wir Maria und Josef, das Urpaar, Shiva und Shakti auf. In der Krippe, auf Gras und Heu liegt unser göttliches Selbst das sich als Kind in diese Welt verkörpert hat.
    An den Weihnachtsbaum selbst hängen wir Kerzen und runde leuchtende Kugeln, welche die Sterne die Planeten und den Kosmos repräsentieren. Auf die Spitze kommt ein großer Stern, der Polarstern, der unserer Seele die Richtung weist.
    In den schamanischen Vorstellungen verbindet der Weltenbaum 3 Ebenen: die Unterwelt (Erdgeister, Elementarwesen), Mittelwelt (Welt der Menschen) und der Oberwelt (Engel, Götter).
    Er ist der Baum des Wissens und der Baum des Lebens. Es ist alles ein Lebensgewebe und es ist heilig.

    Tree-of-Life im Soma Yoga Freiburg

    Baum des Lebens

    Black Elk, ein Sioux Medizinmann, wurde dieses Wissen in einer Vision enthüllt:

    „Das heilige Band eines Volkes ist nur einer von vielen welche zusammen den großen Kreis der Schöpfung ausmachen. In der Mitte wächst ein mächtiger blühender Baum des Lebens, der alle Kinder von einer Mutter und einem Vater beschützt. Alles Leben ist heilig.“

    In der indischen Vorstellung kommt alle Manifestation vom Bewusstsein, der geistigen Ebene; deshalb wurzelt der Weltenbaum in Brahman, dem Ewigen:

    Das Universum ist ein Baum, der ewig existiert, seine Wurzeln ragen nach oben, seine Äste abwärts. Die reine Wurzel dieses Baumes ist Brahman, das Unmanifeste, Formlose, Unsterbliche. Alle Welten sind in ihm enthalten, niemand geht darüber hinaus und er ist das Selbst.“

    In der Bhagavad Gita sind die Blätter des Baumes die Veden (von Veda, Wissen, die alten spirituellen Schriften Indiens) welche das Wissen über das Unsterbliche vermitteln.
    In einer weiteren Legende ist der indische Weltenbaum auch die Quelle des Soma, des Elixiers der Unsterblichkeit.

    Der innere Körper als Baum

    In der inneren energetischen Anatomie des Yoga wird die erweckte Bewusstseinskraft, die Kundalini Shakti, vom Wurzelchakra, dem Muladhara, über den mittleren Energiekanal der Wirbelsäule (Sushumna) bis zum Kronenchakra (Sahasrara) hochgeleitet und vereint sich dort mit dem transzendenten Aspekt (Shiva), was mit der Erfahrung von Integration und „Erleuchtung“ beschrieben wird. Auch hier finden wir die Analogie des Baumes wieder.

    WhatsApp-Image-2022-12-16-at-22.08.43-1 im Soma Yoga Freiburg

    Weihnachtszeit: Reinigung, Vergebung & Loslassen

    Die Idee der „alten“ Rituale zur Weihnachts- und Neujahrszeit – die wir auch heute noch, meist unbewusst ausführen – war, ungelöste Themen, Verletzungen, verpassten Chancen und Fehler des vergangenen Jahres bewusst zu machen, anzuschauen, und mit einem Gefühl der Vergebung loszulassen, damit sie nicht in das neue Jahr mitgenommen werden. Eine unbewusste Erinnerung an die Notwendigkeit der Reinigung liegt der Weihnachtszeit zugrunde. Man merkt es daran, dass viele Konflikte innerhalb der Familie ausgerechnet jetzt zum Vorschein kommen 😉 Und tatsächlich, diese Reinigung war und ist auch teilweise die Aufgabe der Familie. Leider ist dieses Verständnis nicht mehr weitverbreitet.
    in vielen indigenen Stammestraditionen ist man in Übergangszeiten für Rituale zusammengekommen. Man hat sich wieder verbunden, zusammen getanzt und gesungen und so neue Kraft geschöpft. In Heilungsritualen konnte jeder der Anwesenden seine Probleme, Zweifel und Schwierigkeiten schildern, oder, falls es ungelöste Konflikte mit anderen Teilnehmern gibt, diese ansprechen und ausdrücken. Ohne das die anderen Widersprechen oder kommentieren. Das ist äußerst heilsam. Daraus wurde wohl im Christentum der Beichtstuhl und in modernen Zeiten der Therapeut. Gerade am Ende eines Zyklus oder Jahres verspürt man den Wunsch nach Klärung und Loslassen. Unsere Psyche bringt die unterdrückten oder unbewussten Themen dann meist mit den Menschen zum Vorschein die uns emotional am nächsten stehen.

    Familienfest oder hält einen die Familie fest?

    Die Familie oder die Gemeinschaft ist idealerweise der Ort wo das Individuum Kraft und Vertrauen schöpft und in die größere Welt initiiert wird. So kann es verantwortungsvoll die Herausforderungen der Welt meistern und seinen Weg finden. So wichtig die Verbundenheit und Versöhnung mit der eigenen Familie und Familiengeschichte ist; so wichtig ist auch das wir loslassen und unserer eigenen Bestimmung folgen. Auf der inneren Reise braucht es dafür manchmal eine neue oder zusätzliche Familie die einen darin unterstützt das alte loszulassen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Im Yoga ist das die Sangha (spirituelle Gemeinschaft). Ob man dafür in ein Yogastudio geht, zu einem spirituellen Meister oder einer Meditationsgruppe, wir brauchen alle Unterstützung, um das zu manifestieren, was wir im Bild von Christuskind sehen: Das Licht von göttlicher Verbundenheit, Heilung und Liebe, das wir und die Welt brauchen.

    Weihnachten, das Fest der Liebe!

    Liebe ist die zugrundeliegende Realität unserer inneren Essenz sagen die Yogis – und Jesus und vieler anderen Meister, Lehrer und Traditionen. Weihnachten ist ein kollektiver Ausdruck dieser Erkenntnis und eine magische Zeit, in der wir in der Stille der heiligen Nächte der Stimme der Liebe lauschen können. Der Polarstern auf der Spitze des Weihnachtbaumes weist uns den Weg: Alles Leben ist verbunden, alles wird erhalten von der gleichen Lebensraft, vom gleichen Licht, der gleichen Liebe. Die Familie, zu der wir alle gehören, ist nicht nur unsere Herkunftsfamilie, nicht nur unsere Nation oder unsere Glaubensrichtung, sondern die ganze Welt.

    ‚Vasudhaiva Kuṭumbakam’

    steht in der Maha Upanischad, eine der spirituellen Schriften Indiens: Die Weisen erkennen: die ganze Welt ist eine Familie.
    Gerade jetzt, wo Polarisierungen und Spannungen in der Welt zunehmen, brauchen wir dieses Verständnis. Das geht nur wenn wir die Spaltungen in uns selbst erkennen, heilen und loslassen und selbst wieder ‚ganz‘ werden. Yoga ist die Erfahrung eines heiligen Universums, das sich durch uns bewusst wird. Das geht nicht ohne unsere proaktive praktische Beteiligung. Yoga ist die Praxis das heilige zurück in unser Leben zu bringen durch Reinigung und Neuausrichtung von Herz und Verstand.

    Sankalpa

    Mit der Weihnachtszeit schließt sich ein Kreislauf damit etwas Neues entstehen kann. All die Feiertage, Bilder, Symbole, Metaphern und altüberlieferten Rituale der Religionen und spirituellen Traditionen sind tief im kollektiven Bewusstsein verankert. Es liegt an uns sie mit Leben, Sinn und Bedeutung zu füllen. Dann können wir sie nutzen, für was sie eigentlich gedacht sind: der inneren Erneuerung und Transformation des eigenen Lebens und Bewusstseins.

    Wohin soll es gehen? Was soll durch mich in die Welt kommen? Was wünsche ich mir tatsächlich auf der Seelenebene? Wie kann ich das Licht in mir zum Strahlen bringen?  Die Formulierung einer Intention, im Yoga Sankalpa genannt kann dabei helfen. Ein Sankalpa wirkt wie ein Kompass. Man ist noch nicht am Ziel, aber man geht in die richtige Richtung.

    “Ich verbinde mich mit meinem inneren Licht des Wissens. In Stille, Dankbarkeit, Wahrhaftigkeit und Loslassen führt mich Präsenz zur ewigen Flamme in meinem Herzen.” 
    Das neue Licht wird durch mich geboren.
    ― Yoga Sankalpa

    Happy Christmas
    much love und
    Om Namah Shivaya

    Ralf

    Selbstakzeptanz: „du bist genauso richtig wie du bist“ oder nicht?

    Selbstakzeptanz: „du bist genauso richtig wie du bist“ oder nicht?

    Wer kennt ihn nicht, den Aufruf zur Selbstakzeptanz. Er ist nicht nur in Yogastunden zu hören, man findet ihn ständig auf dem großen Selbsthilfe- und Selbstoptimierungs Marktplatz. In esoterischen oder psychologischen Zeitschriften, Blogs und Ratgebern, Kursen, Workshops usw. gehört er zum Standard: „relax, du bist richtig und gut…nimm dich an“. Nun, das ist gar nicht verkehrt, ich teile den Aufruf – so ähnlich – auch ab und zu in Yogastunden. In einem bestimmten Kontext hilft es zu entspannen und loszulassen.

    Doch irgendwie scheint es im Alltag nicht immer so zu funktionieren mit dem Akzeptieren. Für einen Moment, z.b nach einer Yogastunde, fühlt es sich zwar etwas besser an, aber eigentlich ändert sich nicht grundlegend etwas. Der Ärger, die Schuldgefühle oder die Scham tauchen immer noch auf. Warum? Das hat damit zu tun, das Selbstakzeptanz meist nur ein oberflächliches mentales Konzept bleibt, das unser Geist als Ablenkung nutzt. Eigentlich gibt es 2 Arten von Selbstakzeptanz. Eine die dich verändert und freier macht, die andere wo du so bleibst wie du bist und steckenbleibst.

    mentale Halluzinationen

    Die mentale Form des vermeintlichen Annehmens und Akzeptierens hat mehr mit einer beruhigenden Trance gemein. Wir versuchen uns einzureden, dass es schon ok ist. Wir, die anderen, die Welt. An der Oberfläche sieht es ruhig aus, weiter unten brodelt es. Wir benutzen die Idee von Akzeptanz als Anästhetikum und auch Entschuldigung um zu bleiben, wie wir sind. Und wir weichen nötigen wirklichen Veränderungen aus.
    „So bin ich halt, ich werde immer wütend, aber ist ok, da kann man nichts machen, ich hab’s akzeptiert“. Dabei spielen wir uns selbst einen Streich und fallen darauf herein. Warum? Weil es unter Umständen unangenehm, schmerzhaft oder einfach unbequem werden würde, die Wut wirklich zuzulassen.

    Das Phänomen ist nicht nur bezüglich Akzeptanz zu finden: wir benutzen allgemein Konzepte und Ideen damit unser Selbstbild erhalten bleibt.; und um uns selbst und andere zu bestätigen, zu beruhigen, zu überzeugen, aber auch um zu vermeiden, zu täuschen und zu manipulieren. Oder einfach um uns ein Gefühl der Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Manchmal geht das mit einem seltsam unbegründeten und oft infantilen Anspruch einher, die Welt um mich herum soll doch bitte meine Bedürfnisse erkennen und erfüllen.

    Hier kommt man nicht umhin festzustellen, dass besonders „spirituelle“ Konzepte wie Einheit, Akzeptanz, Toleranz, unkonditionierte Liebe oder einfach den Anspruch „gut“ zu sein, verlockend einfach missbraucht werden können. Sie werden zu einer oft toxischen Mischung, mit welcher unser Ego eine halluzinatorische und verlockende Wirklichkeit schafft. Die in sich zusammenfällt, wenn man etwas tiefer bohrt.

     „Ich habe es akzeptiert, Liebe ist universell, ich bin das Licht jenseits von Körper und Geist und muss lernen meine Anhaftungen zu lösen“ nachdem der Partner einen betrogen hat. Nun, das ist auch eine Möglichkeit den Schmerz von sich wegzuhalten. Zumindest oberflächlich.

    Wir alle kennen die Tendenz die Dinge so zu sehen, wie wir es wollen.

    Selbstakzeptanz heißt nicht etwas „gut“ zu finden,

    es ist kein Versuch etwas zu akzeptieren was einem schwerfällt zu akzeptieren. Es ist keine mentale Toleranzgymnastik, kein positives Gutmenschdenken, ja, meistens ist es eben nicht schön, sondern das Gegenteil:

    Es ist die Fähigkeit mit sich und seinen Empfindungen und Gefühlen zu sein. Egal wie diese sich zeigen. Den Ärger oder die Scham wirklich zu spüren. Ungeschminkt und direkt, ohne auszuweichen.
    Das ist oft verblüffend schwierig. Oft ist es sogar unklar welche Gefühle und Empfindungen überhaupt da sind oder wir werden von ihnen weggeschwemmt, ohne dass wir etwas dagegen tun können.

    Oder können wir doch etwas tun? Bewusstsein schaffen

    Yogapraktiken wie die Asanapraxis oder Meditation helfen, wieder in den Empfindungen anzukommen und einen Bewusstseinsraum zu schaffen, um zu erkennen was wirklich abläuft.

    All die wirren Gedanken, all die widersprüchlichen Emotionen brauchen zuerst mal Platz und Anerkennung. Oder die Taubheit und die Gefühllosigkeit. Meditation bedeutet nicht in einen gedankenfreien Raum voller Frieden und Glückseligkeit zu schwelgen…welcher meistens eh nicht eintritt, sondern die Fähigkeit mit dem zu Sein was ist…und es zu spüren. Sich mit den Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen und nicht ausweichen, in Beziehung gehen und erforschen.

    Dann kommt vielleicht eine große Erkenntnis in unserer Selbstakzeptanz Reise, man bemerkt: etwas in mir hat gar keine Lust darauf irgendwas zu akzeptieren. Das Einzige, was sich zeigt ist ein großer, wie sagt man so schön, „Stinkefinger“. Das ist eine wunderbare Erkenntnis 

    Denn jetzt kannst du Verantwortung für den Teil in dir übernehmen der sich nicht verändern will. Zu akzeptieren das man sich nicht akzeptieren kann. Es ist die Anerkennung der oft zuerst als deprimierend empfundenen Tatsache, dass etwas in uns so bleiben will und keine Lust auf Akzeptanz oder Veränderung hat. In uns lebt ein zwanghafter Tyrann, der uns die immer gleichen wiederkehrenden Programme von Meinungen, Gefühle und Verhaltensweisen diktiert. Sie sind zu unserer Identität und Teil unseres Selbstbildes geworden. Jetzt habe ich folgende Möglichkeit: ich kann ausweichen oder nicht. Ich kann wegschauen oder mich dem Teil stellen, was heißt, ihn zu spüren und anzuerkennen.
    Es ist eine Wahl zwischen 2 Lebensformen. Eine Wahl, die wir irgendwann treffen müssen und die entscheidend ist, wie sich unser Leben entfaltet. Es ist eine grundlegende Entscheidung:

    1. Entweder ich weiche aus und bleibe weiterhin Sklave meiner Gedanken und Gefühle und mache äußere Faktoren und die Welt für meinen Zustand verantwortlich, bin also das Opfer, oder
    2. Ich bleibe stehen und schaue den „inneren Dämonen“ in die Augen, übernehme Verantwortung und erkenne, dass es nur einen Menschen auf dem Planeten gibt, der sich ändern kann und sollte: Ich selbst

    Raus aus der Selbstverleugnung, Angst hilft!

    Ich muss ganzheitlich erkennen, d.h spüren, dass es nicht gut ist: meine ungezügelte Wut, meine wiederkehrende Depression, meine krankhafte Eifersucht, meine Ignoranz, mein Gefühl von Isolation, meine innere Leere, meine Ziellosigkeit, meine Rechthaberei, meine Kontrollsucht, mein Minderwertigkeitsgefühl, meine Scham, mein Groll, mein Narzissmus, meine Rachegedanken sind nicht gut. Dieses ‚nicht gut‘ muss ich an mich heranlassen, muss erspüren, wie ungesund diese Einstellungen wirklich sind. Sie schaden mir, sie schaden anderen, sie sind nicht das, was ich wirklich bin. Sie limitieren mich und meine Lebensenergie; sie deprimieren und sie decken eine innere Leere ab, welche mir Angst macht.

    Bringe die Angst hinter dich

    Manchmal hilft folgendes: Stelle dir vor, du lebst dein ganzes Leben lang mit diesen miserablen Gefühlen und Gedanken. Und diese Vorstellung macht dir Angst. Diese Angst kannst du nutzen, denn sie ist berechtigt, sie kann dich motivieren. Du kannst sie umwandeln in eine Kraft der Veränderung. Du bringst die Angst hinter dich als Schubkraft. Sie steht nicht mehr als unbewusste Blockade vor dir. Du nimmst die sogenannte Selbstakzeptanz nicht mehr, um lethargisch aufzugeben und dein Versagen und deine Limitierungen zu bestätigen, sondern um aufzuwachen zu deiner wahren Größe. Du unternimmst (kleine) Schritte, um dein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die Limitierungen und empfundenen „Probleme“ werden zum Trittstein und zur Voraussetzung für mehr Wachstum und Entfaltung. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass man seine Angst überhaupt spürt. Das ist ein fortgeschrittenes Stadium. Viele Menschen wirken nach außen hin unbewegt, selbstbewusst und ruhig – aber haben sich abgeschnitten. Spüren heißt, ich habe mich vom Kopf in den Körper bewegt. Von einem mentalen Konstrukt zu einer aktuellen Empfindung und Erfahrung im Körper. Das ist ein Grund zum Feiern. Etwas in mir ist wieder im Fluss und mit einer existentiellen Ebene verbunden.
    Das ist was ich unter Yoga verstehe: die Einheit mit dem Leben zu spüren auf einer verkörperten, vibrierenden und pulsierenden Ebene.

    Sensibilität zulassen

    Alles hat seinen Preis: Die Angst zu spüren heißt auch wieder Sensibilität zuzulassen. Du öffnest dich deiner Verletzlichkeit. Aber weil die Angst davor verschlossen und stagnierend zu bleiben größer ist, als die Angst sich zu öffnen bist du bereit dazu. Der Schutzpanzer wird weniger, die Emotionen bewegen sich freier, dein Leben gewinnt an Lebendigkeit und Ausdruck. Sensibilität heißt, du achtest und respektierst deine Grenzen und Gefühle. Es ist dein fühlendes Herz nicht dein Verstand, der das bemerkt und deshalb wirst du furchtloser und mutiger.
    Du wirst wahrhaftiger und dadurch ekstatischer, weil du nicht mehr festhalten musst an einem engen Selbstbild.

    Praxis: Die 4 E Meditation

    In der Meditation kann man mit den 4 E’s arbeiten, um langsam wirkliche Selbstakzeptanz zu erreichen:

    Die 4e’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen, Empathisches loslassen

    Es ist eine aktive Form der Meditation. Ich bringe mir eine Situation in die Erinnerung die Schwierig war, z.b. ein Streit mit dem Partner oder eine unangenehme Situation mit dem Chef und erkenne die Reaktion und die Gefühle, die dabei auftauchen. Das ist die Voraussetzung: Ich bemerke und erlaube es. Ich weiche nicht aus, sondern gebe dem ganzen Raum, ohne es anders haben zu wollen oder zu rationalisieren. Dann kann ich es erforschen:
    Was macht mein Geist, welche Gedanken und Bilder produziert er? Und vor Allem:  Wo spüre ich es im Körper? Was passiert mit dem Atem? Welche Empfindungen sind da? Taubheit, Kribbeln, Kälte, Hitze…
    Die letzte Phase ist das empathische Loslassen. Ich halte nicht weiter daran fest, indem ich analysiere und weiter darüber nachdenke, sondern lass los mit dem empathischen Mitgefühl für alle empfundenen Gefühle und Emotionen.

    Selbstakzeptanz ist nicht etwas, was wir wirklich „tun“ können. Es ist die Folge einer gefühlten Anerkennung und Integration verdrängter Bewusstseinsinhalte. Deshalb ist Meditation so wichtig: Wir trainieren den Geist zu beobachten und „Offen“ zu bleiben damit diese sich zeigen können. Diese Offenheit schafft Raum und Freiheit zu erkennen, dass wir diese Gefühle und Empfindungen haben aber nicht diese Gefühle existenziell sind. Das erlaubt wahre Selbstakzeptanz: Wir entdecken das größere Selbst hinter all den Veränderungen, Emotionen und Bewegungen. Teil des einen großen Lichts das wir alle sind.

    Om Namah Shivaya!

    Ralf Schultz

    slim-banner-newsletter8-582x148 im Soma Yoga Freiburg

    Die 4E Achtsamkeitsmeditation mit Ralf
    Diese geführte Meditation mit den 4e’s kann eine effektive Hilfe sein, um sich selber und seine Gefühle zu erforschen. Langsam schaffen wir so mehr Bewusstheit, Freiheit und Akzeptanz. Die 4 E’s sind: Erkennen, Erlauben, Erforschen & Empathisches loslassen.
    Probiere es doch mal aus! Free Download!

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    Ralf Schultz

    Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg

    Sein Hauptinteresse liegt in der Erforschung des Potentials, das jedem von uns innewohnt, um innere Freiheit, Fülle, Tiefe, das Mysterium und das Staunen über das Leben zu erkennen und zuzulassen. In diesem Sinne ist Yoga für ihn vorwiegend ein undogmatischer Weg der Selbstkenntnis, Erforschung und Veränderung, um dieses Potenzial hier und jetzt zu einer gelebten Erfahrung werden zu lassen.
    Ralf integriert in seiner Arbeit Ideen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen, Schamanismus sowie moderne wissenschaftliche und psychologische Ansätze. Yoga ist für ihn alles was hilft um besser zu erkennen und zu verstehen, was es mit dem Leben auf sich hat. Und so Kraft und Inspiration zu finden für die eigene positive Veränderung zum Wohle aller Wesen und der Erde.Seit vielen Jahren bildet Ralf Yogalehrer aus und leitet vertiefende Weiterbildungsseminare im Bereich Vinyasa Yoga, Ayurveda und Soundhealing. Er versteht es, seine Schüler auf humorvolle und undogmatsiche Art und Weise für einen ganzheitlichen spirituellen Weg zu begeistern und zu inspirieren.
    Er schreibt regelmäßig für die Zeitschrift “Yoga Aktuell”

    Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

    Mantra, Atem, Fokus – Die Rolle von Konzentration und Japa Mala im Yoga

    Konzentration, Fokus und Japa Mala

    Den Geist auszurichten und zu fokussieren ist eine der fundamentalen Fähigkeiten für mentale Immunität, Selbstkontrolle und Willenskraft. Sie bestimmt schlussendlich erheblich die Qualität unserer Lebenserfahrung. Statt dem ständigen mentalen und emotionalen auf und ab durch äußere oder innere Ereignisse hilflos ausgeliefert zu sein, bleiben wir verankert, ohne uns ablenken zu lassen.

    Die Kraft der Aufmerksamkeit

    Allerdings ist das oft leichter gesagt als getan. Aufmerksamkeit und die Mechanismen der Wahrnehmung sind eine komplexe Angelegenheit. Sicher ist: Das worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, bekommt mehr Kraft und wird Teil unserer Erfahrung. Deshalb ist es wichtig den Geist, d.h sich selbst, besser kennenzulernen und mehr Kontrolle über die Aufmerksamkeit zu bekommen.
    Nötig ist eine Kombination von vorurteilsfreier Erforschung und Introspektion und zielgerichteter Veränderung.
    Neurophysiologisch ist unsere Aufmerksamkeit wie ein Spotlight, durch das unser Gehirn funktionell und auch physisch ständig stimuliert und verändert wird. Neuronale Strukturen bilden sich vorwiegend durch das was in unserem bewussten Fokus ist. Gleichzeitig ignoriert und verhindert dieses Spotlight das andere Inhalte und Informationen in unser Gehirn bzw Bewusstsein gelangen. Das ist ein sinnvoller Vorgang solange wir unser Spotlight positiv und kreativ nutzen. Aber nicht, wenn wir keine Kapazität haben den Fokus von dem zu lösen was negativ, schädlich und destruktiv auf uns wirkt, wie ängstliches Grübeln, zwanghaftes- und Suchtverhalten, brodelnder Groll oder ungesunde Obsessionen.
    Für psychologische Heilung ist die Fähigkeit sich von dem zu lösen was verletzt und destruktiv ist und sich mit dem zu verbinden was hilft und heilt zentral.

    Dieses Wissen ist für die alten kontemplativen Traditionen der Menschheit nichts neues. Im Gegenteil, die Klärung und Heilung unseres Bewusstseins wird hier meistens als Voraussetzung für jede Art von weiterer spiritueller Erkenntnis gesehen. Moderne Achtsamkeitspraxis, Neurowissenschaft und neue therapeutische Ansätze sowie das alte Wissen des Yoga über die Natur des Geistes zeigen erstaunliche Übereinstimmungen und befruchten sich gegenseitig. Tatsächlich kann man ohne weiteres die alten Yogis als die ersten Gehirn- und Achtsamkeitsforscher bezeichnen. Sie haben herausgefunden, wie man das eigene Bewusstsein durch Veränderung der Gehirnchemie positiv und dauerhaft verändert. Achtsamkeitspraktiken mit Körper, Atem, Klang, Visualisierungen, Introspektion und Meditation, genauso wie Gebet und Ritual, resultieren in nachhaltigen Veränderungen von Einstellungen und Sichtweisen – und zeigen sich im Gehirn. Strukturell in einer Stärkung und ‚Verdickung‘ des Präfrontalen Cortex, desjenigen Gehirnareals das mit der Kontrolle der Aufmerksamkeit, der Handlungen und der Emotionen zu tun hat
    und die Wirkung der Amygdala, des „Angstzentrums“ im Gehirn hemmt.
    So wie ein Muskel bewegt und trainiert werden muss um stärker zu werden, muss auch unsere Aufmerksamkeit trainiert werden. Und dafür ist eine regelmäßige Praxis und Übung (Sadhana) nötig, so dass sich der Geist von seinem ungesunden „default setting“ – der Fixierung auf das Negative – langsam verabschieden kann. Das ist kein Prozess von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, Geduld und Disziplin. Anders gesagt, es braucht eine Veränderung der Gewohnheiten durch eine Praxis, die uns hilft, Fokus und Präsenz neu auszurichten.
    Diese Praxis wird im Yoga Dharana genannt. Dharana kommt von der Wortwurzel ‚Dhri‘ und bedeutet stützen, halten, tragen. Es ist im Raja Yoga System das sechste Glied von acht auf dem Weg den den Geist still werden zu lassen. Es bildet mit Dhyana (Meditation) und Absorbtion (Samadhi) die letzten 3 Stufen.

    Das energetische Modell.

    Das mentale Feld ist aus der Sicht des Yoga aufgebaut aus verschiedenen Ebenen von energetischen Schwingungen und Frequenzen. Die tiefsten Schichten sind unsere unbewussten Einstellungen, Überzeugungen, Werte und Ziele. Unsere bewusste Erfahrung mit all den Gedanken, Bewertungen, Einstellungen, Gefühlen und Handlungen sind der erfahrbare Ausdruck von diesem tieferen Pool. Jede Erfahrung, die wir machen steuert zu diesem Schwingungsfeld bei – je nachdem wie bewusst wir die Erfahrung annehmen, verstehen und verdauen wachsen wir daran oder bestätigen und stärken die alten Programmierungen.  Wird eine Ereignis als Überforderung oder zu intensiv erfahren reagieren wir mit einer Stressreaktion bis hin zu Abspaltung der Erfahrung aus unserem Bewusstsein.
    Es ist wichtig einerseits unseren Geist vor negativen, stresserzeugenden und traumatischen Erfahrungen zu schützen und andererseits positive Ressourcen zu schaffen. Diese stärken die Resilienz des Geistes und wir können aus ihnen schöpfen, wenn die Zeiten herausfordernd werden. Die stärkste Schutz- und Widerstandskraft hat Liebe als Folge von Selbstakzeptanz und des Gefühls des getragen- und eingebunden Seins in das Lebensgewebe. Die niedrigste Schwingung und Schutzkraft haben Hass, Neid und Groll.
    Die Veränderung des Schwingungsfelds der tieferen Schichten des Geistes werden im Yoga mit verschiedenen Praktiken angestrebt. Eine der wichtigsten ist die Arbeit und Übung mit Klang (Mantra), Atem (Pranayama) Licht (Visualisierung, Symbol) und Hingabe.

    Mantra

     „Man“: Geist
    „Tra“: Mittel, Instrument

    Mantras sind ein wichtiges Instrument im Yoga, um den Geist auszurichten, zu energetisieren, zu heilen und zu klären.
    Mantrapraxis hat einen heilenden Effekt auf die zugrundeliegenden mentalen Muster und gibt dem Geist Plastizität, Anpassungsfähigkeit und Offenheit und präpariert ihn für die Meditation.

    Mantras helfen den Geist von seinen gewohnheitsmässigen und oft negativen repetitiven alten Gedankenmustern zu lösen und die ganze Psyche neu mit einem energetischen inneren Fluss zu revitalisieren.
    Mantras sind so eine kraftvolle Verjüngungstherapie für Kopf und Herz.

    3 Typen von Mantras kann man unterscheiden:

    1. Bija (Samen) Mantras:
      Z.B. Om, Shrim, Hum oder Hrim; sie wirken vorwiegend durch die innewohnende Klangvibration und haben eine tiefe Wirkung. Sie drücken fundamentale energetische Kräfte und Prinzipien aus. OM z.B. ist die subtilste Vibration und die Basis aller Manifestation, es wirkt ausdehnend und öffnend, Hrim wirkt erwärmend und energetisierend (Sonne), Shrim kühlend und beruhigend (Mond), usw.
    2. Namen Mantras:
      Z.B. ‘Om Namah Shivaya’ oder ‘Om Namo Bhagavate’, angewandt vorwiegend im Bhakti Yoga, dem Yoga der Hingabe, welches einen bestimmten Aspekt des Göttlichen bzw von archetypischen Kräften ausdrückt und auf unserer inneren Herzverbindung beruht.
    3. längere Gebete, Hymnen und Anrufungen wie das Gayatri Mantra oder unterschiedliche Friedensmantras. (Lokah Samastah Sukhino Bhavantu z.B.) mit mehr wörtlicher Bedeutung, z.b. die Hanuman Chalisa

    Diese Mantras schliessen sich nicht aus sondern können auch zusammen kombiniert werden. Allgemein drücken sie persönliche und kollektive Wahrheitsebenen aus die wir energetisch aktivieren und  mehr und mehr in unser Bewusstsein heben können. Und was so in unser Bewusstsein kommt und gestärkt wird, verändert von innen heraus unser Leben.

    Atem

    Mantras können wunderbar mit dem Atem synchronisiert werden. Und wirken dadurch noch besser. Der Atem ist die einzige vitale Funktion, die wir willentlich beeinflussen können und ein Bindeglied zwischen Körper und Geist.
    Es ist einer der wichtigsten Träger von Prana (Energie) und liegt jedem Mantra zugrunde. Langsame und etwas tiefere Atmung spricht direkt den Vagusnerv an und den evolutionär alten Hirnstamm. Es beruhigt die Amygdala und aktiviert das parasympathische Nervensystem, welches unseren Organismus in einen Ruhemodus versetzt. Forscher haben jetzt auch herausgefunden das durch gleichmäßige und bewusste Atmung die neuronale Aktivität des Gehirns in einen Gleichklang kommt und mehr geistige Klarheit daraus resultiert.

    Japa Mala

    Mantra und Atem sind also enorm potente Faktoren zur Veränderung und Stabilisierung unserer Aufmerksamkeit mit vielen positiven Wirkungen auf Körper und Geist.
    Die alte Technik von Japa Mala ist wunderbar dafür geeignet. Dabei wird mit Hilfe einer Gebetskette das Mantra rezitiert. Wenn man dann noch alles mit dem Atem synchronisiert, haben wir Körper, Atem und Geist zusammengeführt.
    Traditionell haben die Malas (Gebetsketten) 108 Steine oder Perlen und für jede Perle wird das Mantra rezitiert.
    Z.b. kann man einatmen mit „Om Namah“, ausatmen „Shivaya“, dann zur nächsten Perle usw. Morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem zu Bett gehen ein paar Runden Japa Mala kann Wunder wirken.
    Frage den Yogalehrer deines Vertrauens für die genaue Technik 😉

    Soma Dharana
    ‚Dhara‘ in Dharana heißt auch Fluss, Bewegung. Yoga ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Frage was mein Lebensfokus ist, wohin meine Lebensreise fließen soll.
    Der Geist folgt natürlicherweise immer dem was ihm Zufriedenheit verspricht. Im Versuch zufrieden zu sein suchen wir meist Erfüllung durch äußere Faktoren.
    Soma ist Fülle und Zufriedenheit, die ins Fließen kommt, wenn wir unser Leben darauf ausrichten dem zu folgen was unsere Seele braucht. Es ist der innere Impuls nach Wahrhaftigkeit den wir durch yogische Selbsterforschung und Transformation freilegen und der es uns ermöglicht einschränkende Kontrolle loszulassen. Es ist die Anerkennung des Wunsches im innersten unserer Herzen nach Wahrheit, Freiheit und Licht und dessen Realisierung als das höchste Ziel im Yoga.
    Yoga Dharana, ist deshalb nicht nur eine Frage der Anstrengung zur Verbesserung der eigenen Gesundheit oder zur persönlichen Heilung, wie wichtig diese auch ist, sondern immer getragen von einer ‚höheren‘ Motivation und Intention zum Wohle aller Wesen und der Erde.

    Sind wir von dieser Motivation getragen dann wird jeder Moment, ob angenehm oder nicht zu einem Moment der Fülle und Dankbarkeit, während wir unabgelenkt und fokussiert unserem inneren Ruf folgen.

    Om Namah Shivaya

    Ralf Schultz

     

    Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

    Wespenstiche – oder wie die Angst vor dem Tod Hingabe und Dankbarkeit ermöglicht!

    In der zeitschrift yoga Aktuell

    Ausgabe Aug/Sept 2021

    Wespenstiche

    Übersetzung aus dem englischen von Nina Haisken, Yoga Aktuell

    ES ist wieder passiert.

    Ich bin von einer Wespe gestochen worden – und da ich in hohem Maße allergisch bin, brachte mir dies einen kurzen Aufenthalt auf der Intensivstation ein: den nunmehr dritten. Auf dem Nachhauseweg gingen mir ein paar Gedanken durch den Kopf, die ich hier mit dir teilen mochte.

    Ja, es geht mir wieder gut. Die Kombination aus mitfühlender Fürsorge und Eiscreme sowie kostlichem Pflaumenkuchen von meiner Partnerin Daisy, zuvor ein arztlich verschriebener Cocktail hochwirksamer Chemikalien gegen den allergischen Schock, der durch meine Venen floss – all das hinterließ in mir ein Gefiihl entspannter Weite und eine angenehme Gedankenleere.
    Nett… Vielleicht entspricht das der auf medizinischen Drogen basierenden Vorstellung von Erleuchtung des 21. Jahrhunderts? Aber mal ernsthaft: In Momenten wie diesen ist man trotz eines gewissen alternativen Lebensstils sehr dankbar fiir die moderne Medizin!

    Es ist erstaunlich und interessant, zu erkennen und zu erfahren, dass man <lurch ein kleines Insekt, von dem man – zumindest im Sommer – standig umgeben ist, ster­ben kann (oder durch ein Virus, das sogar noch kleiner und gar nicht sichtbar ist), und dass man binnen eines einzigen, kurzen Augenblicks vollstandig die Kontrolle iiber ,,seinen” Karper verlieren kann. Er macht plotzlich sein eigenes Ding, vielleicht stirbt er sogar! Und ,,man”, oder das so genannte ,,Ich”, hat überhaupt keinen Ein­fluss darauf.
    Das Gleiche gilt fiir den Geist. Obwohl ich natiirlich Gedanken der Besorgnis hatte, erschienen sie mir weit weg, ohne Substanz und in keiner Weise ,,griffig” bzw. geeignet, das, was da geschah, zu erklaren oder sinnvoll einzuordnen. Stattdessen war da eher die Wahrnehmung eines Feldes, das – man konnte sagen – eine Prasenz beinhaltete, die nicht naher spezifiziert war. Ich mi.isste dazu mal Ramana Maharshi fragen …

    ES GIBT NICHTS ZU TUN

    Auf eine eigenartige Art und Weise hatte dieses Erlebnis auch deshalb etwas entspannendes an sich, weil es in dieser Situation nichts zu tun, nichts zu verhindern oder zu andern gab. Die Wespe hatte gestochen, es war bereits geschehen – nun konnte ich mich nur noch dem ergeben, was immer auf mich zukommen wi.irde. Hingabe ist die einzige ,,Handlung”, die Frieden bringen kann. Die Zer­brechlichkeit des Lebens und die – aus einer gewissen Perspektive – auBerst nichtige Bedeutung des ,,Ich” anzu­erkennen, ist eine Erfahrung, die Demut mit sich bringt. Es ist nun ma! so: Das Leben kann zu jedem Zeitpunkt ein plotzliches Ende finden, und ,,ich ” kann nichts dage­gen tun (ahnlich, wie ich auch nicht iiber meine Geburt

    bestimmen konnte). All die glanzvollen Vorstellungen von zukünftigen Erfolgen, der Traum von Wohlstand, Bekanntheit oder Ruhm – oder von ,,spirituellem” Voran­kommen – können innerhalb kürzester Zeit zerbrechen. Es gibt keinerlei Garantie – auch dann nicht, wenn man sich bemüht, gesundheitsbewusst, achtsam und mit guten Absichten zu leben, oder viel Yoga praktiziert und an die ,,richtigen” Dinge wie Frieden, Liebe und Einheit glaubt. Das ist ein ziemlich beunruhigender Gedanke, mit dem wir uns für gewöhnlich nicht gerne beschäftigen, auch wenn wir tief im Inneren darum wissen.

    Denn etwas in uns fragt sich, Bin ich etwa nicht das Zentrum des Universums? Der Fokuspunkt, das Wichtigste überhaupt? Schuldet mir das Leben nicht etwas? Glück, Freude, Gesundheit, Erfüllung meiner Wünsche; mindestens achtzig Jahre, in denen Nahrung, Unterkunft, Geld und ein so genanntes ,,gutes Leben” gewährleistet sind, oder, sogar noch besser, ein spirituelles Leben, das hoffentlich mit der Erleuchtung belohnt wird?” (Was auch immer Erleuchtung bedeutet – wir stellen sie uns in der Regel jedenfalls als Zustand vor, in dem sich alle Probleme auflösen und wir uns stets zutiefst erfüllt, glücklich und zufrieden fühlen).

    Wespen sind für mich versteckte, wilde Zen-Lehrer. Sie sind eine gute Erinnerung daran, dass das Leben stets eine lebensbedrohliche Angelegenheit ist, und dass man nichts als selbstverständlich erachten darf. Das Einzige, was uns bleibt, ist der jetzige Moment – und irgendwie liegt, so kommt es mir vor,’ gerade darin die Wurzel immenser Schönheit.

    In den Worten des Dichters Wallace Stevens:

    “Death is the mother of beauty; hence from her, Alone, shall come fulfilment to our dreams and our desires…” (1)

    ,,Der Tod ist die Mutter der Schönheit, folglich rührt von ihm allein die Erfüllung unserer Traume und unserer Wünsche her.”)

    Der Anerkennung der unbeständigen und unergründlichen Natur des Lebens entspringen – wenn man es wagt, sich ihr zu öffnen – Dankbarkeit, Verbundenheit und Mitgefühl. Es ist schwierig, Dankbarkeit für etwas zu empfinden, wenn es fortwahrend sicher und stabil bleibt. Man nimmt es dann schnell als selbstverständlich hin, weil es ja ohnehin immer da ist. Etwas Beständiges nehmen wir als langweilig und starr wahr. Deshalb sind wir von unserem Leben auch zuweilen gelangweilt – wir bewegen uns tagaus, tagein gewohnheitsmäßig in den immer gleichen mental-emotionalen Konstrukten. Auch mit unserer Yogapraxis geschieht das, wenn wir sie nach einem sich stets wiederholenden Schema als weiteren Punkt in unseren durchgeplanten Tagesablauf einfügen. Oft handelt es sich dabei um nichts weiter als einen Versuch, am Status quo festzuhalten und erschreckenden Emotionen oder unterdrückte Gefühle in Schach zu halten.

    DIE GEFAHR VON LANGEWEILE UND GLEICHGULTIGKEIT

     Langeweile als dauerhafte unterschwellige Grundstimmung ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass man den Kontakt zum Leben verloren hat. Sie ist ein Zeichen für eine Taubheit und eine Dumpfheit, aus denen Gleichgültigkeit entsteht. Doch wenn man gleichgültig ist, dann ist man mehr tot als lebendig. Und wenn man nicht aufpasst, dann verkauft man sich das leicht als spirituelle Haltung und nennt es Gleichmut. Aber nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!

    Wenn man schon von ,,spirituell” sprechen möchte, dann kann man einen Hinweis auf wachsende Spiritualität darin sehen, dass man lebendiger, empfindsamer und engagierter wird – man spürt mehr, nicht weniger. Und man nimmt alles intensiver wahr. Entweder kann man davor zurückschrecken und das Leben als schwierig und als im negativen Sinne überwältigend betrachten -als einen Kampf, der am Ende aussichtslos bleibt -, oder man kann Verantwortung übernehmen und die Gegebenheiten als Herausforderung annehmen, sie zu erforschen und das Beste daraus zu machen.

    DIE EIGENE WAHRHEIT FINDEN

    Und wahrhaftig: Uns auf das Nichwissen einzulassen, hält uns gesund und munter und offen für Veränderung – vermutlich empfehlen deshalb alle großen spirituellen und religiösen Traditionen das tiefe Kontemplieren der Unbeständigkeit des Lebens. Es kann Konzepte und mentale Verhaftungen aufbrechen und befördert den Geist aus seiner Komfortzone heraus. Es öffnet dich für dein eigenes Verständnis, für deine eigene Erleuchtung sozusagen. lndem wir zulassen, dass die Wahrheit des Augenblicks hervorleuchtet, trauen wir uns, unsere Vorstellungen davon loszulassen, wie etwas sein sollte – und wie wir sein sollten. In diesem Sinne wird der Geist zu einer leeren Tafel, unbeschrieben von unserem angehäuften Wissen und unseren mentalen Konstrukten.

    Ironischerweise ändert sich dadurch auch unsere Wahrnehmung von (bzw. unser Bedürfnis nach) Spiritualität oder Religion, denn das Leben zeigt sich als etwas, das jenseits von bestimmten Namen, Etiketten oder dogmatischen Ideologien ist, an die sich der Geist klammert. In dieser Hinsicht könnte es eine gute Idee sein, sogar die Vorstellung zu hinterfragen, dass es in uns – wie viele spirituelle Traditionen sagen – eine ewige, unveränderliche, freie, wunderbare Essenz gibt; ebenso den von vielen Religionen in Aussicht gestellten Übergang in einen perfekten Himmel nach dem Tod.

    Ich sage nicht, dass all das nicht wahr ist; vielleicht ist es vollkommen zutreffend. Aber wer weiß das ganz genau? Und wie kann man es herausfinden? Einfach nur zu glauben, was andere sagen, ist nicht genug. Es liegt an jedem von uns, selbst die Wahrheit herauszufinden – durch eigenes Bemühen und eigene Erforschung. Für diese Erforschung bedarf es des Einsatzes unseres ganzen Wesens mit Körper, Geist und Herz. Möglicherweise stellen wir dann fest, dass wir die Vorstellungen von etwas Ewigem als eine Flucht benutzen: als tröstliches Konzept, das uns in einer Art von Trance hält, weil wir uns vor dem fürchten, was unter diesem Filter zum Vorschein kommen konnte, wenn wir ihn wegnehmen.

    YOGA ALS VERBINDUNG – AUCH MIT DER VERLUSTANGST

    In der Regel können wir über das Trennungsleid der menschlichen Existenz, also über unsere Begrenzungen, Unsicherheiten und Ängste, nur dann hinauswachsen, wenn wir sie uns ansehen und es zulassen, sie zu spüren. Das bedeutet auch, dass wir uns mit dem Thema Tod konfrontieren und es tiefgehend reflektieren sollten. Zu einer Konfrontation damit kommt es zweifellos ohnehin für uns alle irgendwann. Wir können uns davon abzuschotten versuchen, indem wir das Thema verdrängen, oder wir können uns lernbereit dafür öffnen. Je früher wir Letzteres tun, desto besser. Das soll übrigens nicht heißen, dass ich mich selbst als furchtlos betrachte. Im Gegenteil: Ich hatte stets – und habe noch immer – eine offensichtliche Angst vor dem Sterben. Aber wenn ich sie mir genauer anschaue, handelt es sich dabei eher um Verlustangst oder um eine Angst vor dem Loslassen. lch habe Angst vor dem Verlust des Lebens, der geliebten Menschen, der liebgewonnenen Gefühle und Sinneseindrücke, der Sinnesfreuden. Und auch davor, die Person zu verlieren, in die ich so viel investiere: mich selbst. Es ist die Angst tief auf dem Grund des Daseins: die Angst davor, nicht mehr da zu sein.

    Yoga wird oft als Mittel für Verbindung bezeichnet. Aber in Wahrheit ist er die Verbundenheit mit dem Lebendig sein, in welcher Form auch immer es erfahren wird – inklusive der Angst davor, es zu verlieren.

    HINGABE

    Wie wandelt man nun auf Messers Schneide? Auf der einen Seite der Abgrund von Tod und Ausradierung, auf der anderen Seite der Trost des uns Vertrauten? Indem man sich in Hingabe übt, also durch vollkommene Präsenz im jetzigen Moment. Das heißt: Du wirst geradezu zu diesem Moment, der in den nächsten Moment hineinstirbt – anders ausgedrückt, du wirst zu einem Dahinfließen. Zum Fluss des Lebens, der mit dir identisch ist und der stets auch den Tod beinhaltet. Hingabe öffnet uns für das Wunder der Lebendigkeit, das dich steuert (und nicht von dir gesteuert wird). Leben und Tod sind offenbar nichts weiter als zwei verschiedene Aspekte ein- und desselben. Sie gehören zusammen. Solange wir den Tod nicht als Teil des Ganzen akzeptieren, können wir das Leben nicht voll erfahren. Und solange wir es nicht wagen, uns dem Leben und auch dem Tod zu ergeben, leiden wir!

     

    Wie das Tao Te Ching (Vers 40) sagt:

    Wiederkehr ist die Bewegung des Tao fließen ist der Weg des Tao
    Alle Dinge werden aus dem Sein geboren Das Sein wird aus dem Nicht-Sein geboren (2)

     

    Die Zeiten, in denen wir leben, können mit all ihren Unwägbarkeiten und den damit einhergehen Sorgen und Ängsten ein großes Tor für echte Transformation hin zu mehr Bewusstheit, Integration, Verbundenheit und Liebe sein.

    Erhöhte Bewusstheit kommt für gewöhnlich mit dem Erkennen ihrer Notwendigkeit – wenn wir also erkennen, dass wir der Wahrheit ins Auge blicken müssen, statt die Dinge nur als das zu betrachten, das wir gern darin sehen möchten. Und das geschieht meist dann, wenn wir Schwierigkeiten gegenüberstehen oder uns in einer Krise befinden.
    Ich vermute, dass die Menschen zu früheren Zeiten eine viel schärfere Wahrnehmung für die Gefahren und Unsicherheiten des Lebens hatten, diese zugleich aber auch viel mehr akzeptiert haben. Man bedenke: Es gab z.B. keine Antibiotika, bereits eine einfache Wundinfektion konnte den Tod bedeuten. Wahrscheinlich waren sie in vielerlei Hinsicht viel bewusster und aufmerksamer, weil der Tod viel stärker Teil des Lebens war als heutzutage. Heute haben wir ein Virus (oder Wespen), und aus irgendeinem Grund meint jeder, das sei nicht fair, das sollte so nicht sein und sei in unserem hochtechnisierten Zeitalter beinahe ,,anachronistisch”.
    Nun, vielleicht brauchen wir ab und an eine Erinne­rung daran, dass wir als Menschen sterbliche biologische Wesen und integraler Teil eines größeren Organismus namens Natur sind.

    Diese Erkenntnis konnte sogar eine heilsame Wirkung auf unsere Annahme haben, dass alles unserer Kontrolle und unserem Kommando untersteht oder unterstehen sollte. In der Zwischenzeit gebe ich mich dem Genuss des eingangs erwähnten Pflaumenkuchens hin … und hoffe, dass die Wespen mir fernbleiben! •

     

    1. Aus: Sunday Morning, erschienen in der Sammlung Harmonium (1923)
    2. Deutsche Obersetzung basierend auf einer Obertragung ins Englische von Stephen Mitchell

     

    Ralf Schultz ist Yogalehrer und Leiter von Soma Yoga Freiburg. Er integriert in seine Arbeit ldeen und Einsichten der verschiedenen Traditionen des klassischen Yoga und Ayurveda bis hin zu westlichen Weisheitstraditionen sowie moderne wissenschaftliche und psychologische Ansätze. Im Soma Yoga Studio bietet er seit vielen Jahren Yogalehrerausbildungen sowie Weiterbildungen in Ayurveda und Meditation an.